1849
Annabel Lee
Überblick↑
Bei Annabel Lee handelt es sich um eines der bekanntesten Gedichte des US-amerikanischen Dichters Edgar Allan Poe. Es entstand im Frühjahr 1849, dem Todesjahr des Dichters, und wurde erst nach seinem Tod veröffentlicht: Am 9. Oktober 1849, nur zwei Tage nach Poes Tod, erschien es im New York Daily Tribune als Teil eines Nachrufs. Das Gedicht behandelt ein Motiv, das in Poes Werk immer wiederkehrt – die schmerzliche Trauer um den Tod einer schönen Geliebten. Sein Reiz liegt weniger in verborgenen Bedeutungen als in der musikalischen Form und der einprägsamen, beschwörenden Sprache.
Inhalt (ohne Spoiler)↑
Erzählt wird von einer Liebe zwischen dem Sprecher des Gedichts und einem jungen Mädchen namens Annabel Lee, das in einem Reich am Meer lebt. Beide sind noch sehr jung, und ihre Zuneigung ist von einer Innigkeit, die alles Gewöhnliche übersteigt. Der Sprecher beschreibt diese Liebe als so stark und vollkommen, dass selbst die Engel im Himmel den beiden ihr Glück neideten.
Aus dieser glücklichen Ausgangslage entfaltet das Gedicht eine Klage, die ganz vom Gefühl des Sprechers getragen ist. Es kreist um die Unzertrennlichkeit der beiden Liebenden und um die Frage, ob der Tod eine solche Verbindung überhaupt aufheben kann. Die Antwort, die der Sprecher darauf gibt, bleibt der Lektüre vorbehalten.
Die Handlung im Detail↑
In einem Reich am Meer, so beginnt die Erinnerung des Sprechers, lebte vor vielen Jahren ein Mädchen namens Annabel Lee. Beide waren noch Kinder, doch sie liebten einander mit einer Liebe, die mehr war als bloße Zuneigung. Diese Liebe war so groß, dass die geflügelten Engel des Himmels die beiden darum beneideten.
Aus diesem Neid heraus erklärt der Sprecher den Tod der Geliebten: Annabel Lee stirbt, und der Sprecher führt ihren frühen Tod auf die Missgunst der himmlischen Wesen zurück, die das junge Paar trennen wollten. Ihre Verwandten kommen und tragen sie fort, um sie in einem Grab am Meer beizusetzen.
Doch der Verlust beendet die Liebe nicht. Der Sprecher beharrt darauf, dass keine Macht ihre beiden Seelen voneinander lösen kann – weder die Engel im Himmel droben noch die Dämonen unten im Meer. In den abschließenden Versen heißt es ausdrücklich: „And neither the angels in heaven above, Nor the demons down under the sea, Can ever dissever my soul from the soul Of the beautiful Annabel Lee." Der Sprecher sieht in jedem Mondstrahl und in jedem Stern seine Geliebte und legt sich Nacht für Nacht an ihre Seite, dorthin, wo sie in ihrem Grab am Ufer des Meeres ruht. Anders als der verzweifelte Erzähler in Poes Gedicht The Raven, der jede Hoffnung auf ein Wiedersehen verliert, bleibt der Sprecher von Annabel Lee fest von der unauflöslichen Verbindung der beiden Seelen überzeugt.
Stil↑
Der besondere Wert des Gedichts liegt in seiner Form. Der Inhalt erschließt sich rasch und ohne verborgene Tiefen; was bleibt, ist die musikalische Wirkung der Verse. Poe arbeitet mit klangvollen Wiederholungen, mit wiederkehrenden Reimen und mit dem Namen der Geliebten, der wie ein Refrain immer wieder anklingt. Diese beschwörende Wiederkehr gibt dem Gedicht seinen liedhaften, fast singbaren Charakter und erklärt, warum es so oft vertont wurde.
Inhaltlich greift das Werk ein Motiv auf, das Poe mehrfach umkreist hat – den Tod der schönen Geliebten, etwa auch in The Raven und Ulalume. Während die Trauer in The Raven in Verzweiflung und Wahnsinn mündet, schlägt Annabel Lee einen anderen Ton an: Hier triumphiert die Gewissheit einer Liebe, die über den Tod hinaus Bestand hat.
Rezeption↑
Schon kurz vor seinem Tod brachte Poe mehrere eigenhändige Reinschriften des Gedichts in Umlauf, die später verschiedenen Veröffentlichungen zugrunde lagen. Alle überlieferten Handschriften sind mit derselben braunen Tinte auf blauem Papier sauber und ohne Korrekturen niedergeschrieben. Nach Poes Tod verbreitete sich das Gedicht rasch: Es erschien in zahlreichen Nachrufen und wurde in vielen amerikanischen Zeitungen nachgedruckt, darunter der Southern Literary Messenger und das Sartain's Magazine. Bis über die Jahrhundertwende hinaus wurde es immer wieder abgedruckt und in Anthologien aufgenommen.
Vielfach wird angenommen, dass Poe in dem Gedicht den Tod seiner früh verstorbenen Frau Virginia verarbeitet; auch eine andere Frau wurde als mögliche Anregung diskutiert. Schon bald entstanden Übersetzungen in andere Sprachen, eine erste ins Deutsche bereits 1857. Orson Welles trug das Gedicht 1941 in einer Radiosendung vor. Besonders nachhaltig wirkte Annabel Lee in der Musik: Joan Baez vertonte es 1967, und bis in die Gegenwart haben zahlreiche Musikerinnen und Bands den Text aufgegriffen – vom Folk bis zur Rockmusik.
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