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Das Lexikon der klassischen Literatur
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Werkseintrag · Anna Karenina
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Anna Karenina
1877
– Werkseintrag –

Anna Karenina

1877 · Roman

Tolstois großer Gesellschaftsroman erzählt von einer Frau, die im Russland der 1870er Jahre alles für die Liebe wagt – und von einem Gutsbesitzer, der auf dem Land nach dem Sinn des Lebens sucht.

Überblick

Mit Anna Karenina schuf Lew Tolstoi einen der berühmtesten Romane der Weltliteratur. Das Werk erschien zwischen 1875 und 1877 in Fortsetzungen in der Zeitschrift Russischer Bote. 1878 wurde es als geschlossene Buchausgabe veröffentlicht. Tolstoi selbst betrachtete es als seinen ersten eigentlichen Roman. Bis heute zählt es zu den Hauptwerken des Realismus. Tolstoi spielt im russischen Adel des späten 19. Jahrhunderts und verschränkt dort zwei Erzählstränge. Der eine erzählt die unglückliche Liebesgeschichte der verheirateten Anna Karenina mit dem Offizier Wronskij. Der andere zeigt die Suche des Gutsbesitzers Konstantin Ljewin nach einem sinnerfüllten Leben an der Seite der jungen Kitty. Berühmt ist der erste Satz: „Alle glücklichen Familien gleichen einander, jede unglückliche Familie ist auf ihre eigene Weise unglücklich."

Inhalt (ohne Spoiler)

Russland in den 1870er Jahren. In Moskau steht die Ehe des leichtlebigen Fürsten Stepan Oblonski vor dem Bruch, weil er seine Frau Dolly betrogen hat. Seine Schwester Anna Karenina ist mit dem hohen Petersburger Staatsbeamten Alexej Karenin verheiratet. Sie reist eigens an, um zwischen den beiden zu vermitteln. Bei diesem Besuch begegnet Anna am Bahnsteig dem jungen Offizier Graf Wronskij. Diese Begegnung verändert ihrer beider Leben.

Wronskij hatte bis dahin der achtzehnjährigen Kitty Schtscherbazkaja, Dollys Schwester, den Hof gemacht. Kitty wiederum hatte ihm zuliebe einen Heiratsantrag des Gutsbesitzers Konstantin Ljewin ausgeschlagen, der sie aufrichtig liebt. Nun zieht sich Wronskij plötzlich von Kitty zurück und folgt Anna. Damit beginnt eine Geschichte, die drei Familienkreise miteinander verflicht: die Oblonskis, die Schtscherbazkajas mit Ljewin und die Karenins.

In Petersburg verstrickt sich Anna immer tiefer in eine verbotene Leidenschaft. Sie ist zwischen ihrer Liebe, ihrem geachteten Ehemann und ihrem kleinen Sohn Serjoscha hin- und hergerissen. Ljewin dagegen sucht auf seinem Landgut nach einem Lebensentwurf, der ihn ausfüllt: ehrliche Arbeit, eine gerechte Landwirtschaft, eine geliebte Frau und Antworten auf die Frage nach Gott und dem Sinn des Lebens. Tolstoi führt diese beiden Lebenswege als Gegenbild zueinander. Er zeigt, wie eng gesellschaftliche Konvention, persönliches Glück und innere Wahrhaftigkeit miteinander verwoben sind.

Die Handlung im Detail

Der Roman beginnt im Moskauer Haus der Oblonskis. Fürstin Dolly hat herausgefunden, dass ihr Mann Stepan sie betrogen hat, und denkt an Scheidung. Annas Besuch rettet die Ehe: Sie redet Dolly zu, Stepan noch eine zweite Chance zu geben, und vermittelt einen Frieden, den niemand mehr für möglich gehalten hätte.

Im selben Moskau begleitet Anna die achtzehnjährige Kitty, Dollys jüngste Schwester, zu einem Ball. Kitty hat kurz zuvor den Heiratsantrag des in sie verliebten Gutsbesitzers Konstantin Ljewin ausgeschlagen, weil sie auf einen Antrag des Grafen Wronskij hofft. Doch an jenem Abend begegnen sich Anna und Wronskij am Bahnsteig, und zwischen beiden entsteht eine schlagartige Anziehung. Wronskij, der sich bis dahin als ewigen Junggesellen sah, folgt Anna von nun an überallhin. Kitty fühlt sich verschmäht, gerät in eine Lebenskrise und wird körperlich krank; Ljewin, beschämt über die Zurückweisung, zieht sich auf sein Gut zurück und stürzt sich in die Arbeit.

In Sankt Petersburg kommen Anna und Wronskij einander immer näher. Anna hält zunächst an ihrer Ehe mit Karenin fest, vor allem aus Sorge um ihren kleinen Sohn Serjoscha. Als sie schwanger wird, lässt sich die Affäre nicht länger verbergen. Die wahrheitsliebende Anna gesteht ihrem Mann alles. Karenin, dem seine gesellschaftliche Stellung über alles geht, bietet ihr an, den Betrug vor Gott zu sühnen und die Ehe nach außen aufrechtzuerhalten. Anna ist verzweifelt. Bei der Geburt ihrer Tochter Annie liegt sie im Sterben und bekennt sich um ihres Seelenheils willen noch einmal zu Karenin; Wronskij versucht in seiner Verzweiflung, sich das Leben zu nehmen. Als Anna wider Erwarten genest, willigt Karenin sogar in eine Scheidung ein. Doch Anna fürchtet, ihren Sohn zu verlieren, und so reisen sie und Wronskij – ohne die Scheidung zu vollziehen – gemeinsam nach Italien. Serjoscha lässt sie für ein Jahr zurück.

Während Anna ihr neues Leben beginnt, hat Kitty in einer Kur ihr seelisches Gleichgewicht wiedergefunden. Ein arrangiertes Treffen führt sie und Ljewin erneut zusammen. Nach einer offenen Aussprache verloben sie sich und beginnen mit den Vorbereitungen zur Hochzeit.

Die Sehnsucht nach ihrem Sohn treibt Anna mit Wronskij nach Petersburg zurück. Doch Karenin, jetzt unter dem Einfluss der frommen Gräfin Lydia Iwanowna, verweigert ihr jede Begegnung. Nur einmal gelingt es Anna noch, sich heimlich in ihr ehemaliges Haus zu schleichen und Serjoscha zu sehen. Von der vornehmen Gesellschaft geächtet, zieht sich das Paar auf ein Landgut zurück. Doch ihr gemeinsames Leben füllt sie nicht aus: Wronskij stürzt sich in Verwaltung und Politik, Anna verliert sich in Eifersucht, Selbstzweifeln und Wahnideen. Wronskij drängt darauf, die Scheidung endlich durchzusetzen, damit die kleine Annie legitimiert und seine eigene Stellung wiederhergestellt wird. Anna willigt schließlich ein, obwohl sie weiß, dass sie damit Serjoscha endgültig verlieren wird.

Parallel dazu erschüttern Ljewin der Tod seines Bruders und die Geburt des eigenen Sohnes. Der erklärte Atheist gerät in eine tiefe Sinnkrise: Wenn es keinen Gott gibt, woraus speist sich dann ein gutes Leben? Die Frage bringt ihn an den Rand des Selbstmords.

Anna glaubt unterdessen, Karenin nehme seine Zustimmung zur Scheidung wieder zurück. Ihre Wahnvorstellungen werden heftiger, ihre Eifersucht richtet sich gegen Nebenbuhlerinnen, die es gar nicht gibt. Die Liebe schlägt in Hass um, und sie beginnt, sich vorzustellen, Wronskij durch ihren Tod zu „bestrafen". Im festen Glauben, er entziehe sich ihr, fährt sie zum Bahnhof. Erschrocken über ihr eigenes Handeln stürzt sie sich vor einen einfahrenden Zug – ähnlich wie sie es zu Beginn des Romans bei einem Unfall mit angesehen hatte.

Wronskij, dem das Leben ohne Anna sinnlos scheint, meldet sich freiwillig zum Krieg, um seinem Körper noch einen letzten Nutzen zu geben. Ljewin dagegen findet nach Monaten der Verzweiflung auf seinem Gut Halt: In der Hingabe an das Gute, die er als Spur eines göttlichen Willens in jedem Menschen erkennt, kann er seinen Lebenszweifel überwinden. Die beiden Erzählstränge enden an entgegengesetzten Polen – mit einem Tod auf den Schienen und einer leise gefundenen Antwort auf dem Land.

Stil

Der Roman ist in acht Teile gegliedert. Er verschränkt drei adlige Familienkreise zu einem dichten Geflecht: die Oblonskis, die Schtscherbazkajas mit Ljewin sowie die Karenins. Tolstoi führt zwei große Handlungsstränge nebeneinander her. Der eine ist die abwärtsgehende Liebesgeschichte Anna–Wronskij, der andere die aufwärtsgehende Verbindung von Kitty und Ljewin. Die Ehe der Oblonskis dient als verbindendes Scharnier und spiegelnder Hintergrund. In der Literaturwissenschaft wird diskutiert, ob das Werk eher als dualistischer „Doppelroman" oder als dreisträngiges Gefüge zu verstehen ist.

Tolstoi schreibt in der Erzählhaltung des Realismus: nüchtern, beobachtungsstark, mit präziser Schilderung der gesellschaftlichen Sitten, der Ballsäle, Bahnhöfe, Petersburger Salons und ländlichen Güter. Zugleich öffnet er immer wieder das Innenleben seiner Figuren, etwa Annas wachsende Verzweiflung und Ljewins Glaubenszweifel. So lässt er äußere Welt und innere Wahrheit aneinander reiben. Berühmt ist der programmatische erste Satz „Alle glücklichen Familien gleichen einander, jede unglückliche Familie ist auf ihre eigene Weise unglücklich". Er bündelt das Thema des ganzen Buches in einer Formel.

Rezeption

Anna Karenina gilt als eines der bedeutendsten Werke des Realismus und zählt zu den Klassikern der Weltliteratur. Tolstoi selbst betrachtete den Roman als sein erstes wirkliches Buch dieser Gattung. Seine Wirkung lässt sich nicht zuletzt an der außergewöhnlich langen Reihe von Verfilmungen und Bühnenbearbeitungen ablesen. Sie setzt schon 1911 mit einem französischen Kurzfilm ein. Über Hollywood-Produktionen mit Greta Garbo (1935) und Vivien Leigh (1948) reicht sie bis zu Bernard Roses Verfilmung von 1997 und Joe Wrights Kinofassung. Auch Fernsehmehrteiler, ein Ballett sowie freie Fortschreibungen wie der ironische Mash-up-Roman Android Karenina (2010) zeigen, wie stark das Werk bis in die Gegenwart hinein weiterwirkt.

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