1956
Aniara
Überblick↑
Das Versepos Aniara des schwedischen Schriftstellers Harry Martinson trägt den Untertitel „Eine Revue vom Menschen in Zeit und Raum“. Es besteht aus 103 Gesängen und erschien 1956 auf Schwedisch. Die erste deutschsprachige Ausgabe kam 1961 heraus, eine Neuübersetzung folgte 2025. Für dieses Werk erhielt Martinson 1974 den Literaturnobelpreis, den er sich mit Eyvind Johnson teilte. Erzählt wird von einem Raumschiff, das Menschen von einer zerstörten Erde fortbringen soll und dabei vom Kurs abkommt.
Inhalt (ohne Spoiler)↑
Im Mittelpunkt steht ein riesiger Raumtransporter mit dem Namen Aniara. Er bringt auf jeder Fahrt achttausend Auswanderer von der Erde zum Mars. Die Erde, im Text Doris genannt, leidet unter Umweltverschmutzung und Krieg. Auf einer dieser Fahrten muss das Schiff einem unbekannten Asteroiden ausweichen. Es gerät außer Kurs und in einen Meteoritenschauer und verliert seine Steuerbarkeit.
Ansonsten bleibt das Schiff unbeschädigt. Mit unverminderter Geschwindigkeit rast es auf dem neuen Kurs aus dem Sonnensystem hinaus. Erzählt wird aus der Sicht des Mimaroben, der eine denkende Maschine namens Mima betreut. Diese Maschine bewahrt das Gedächtnis der Menschheit, fängt Gedankenfragmente aus dem Weltraum auf und zeigt sie den Menschen an Bord als Bilder. Um den Mimaroben herum bewegen sich der Befehlshaber Chefone, die Pilotin Isagel, der Tänzer Daisy Doody und die blinde Poetin von Rind. Wie diese Menschen mit ihrer Lage umgehen, davon handelt der größere Teil des Werks.
Die Handlung im Detail↑
Die Aniara ist ein Raumtransporter, den Martinson auf Schwedisch „goldonder“ nennt. Sie bringt regelmäßig achttausend Auswanderer von der Erde zum Mars, weil die Erde unter Umweltverschmutzung und Krieg leidet. Auf einer dieser Reisen weicht das Schiff einem unbekannten Asteroiden aus, gerät dabei außer Kurs und in einen Meteoritenschauer. Dabei verliert es die Fähigkeit zu manövrieren. Das Schiff selbst bleibt unbeschädigt und rast mit unverminderter Geschwindigkeit auf dem neuen Kurs aus dem Sonnensystem hinaus.
Damit ist klar: Eine Rettung ist nicht mehr möglich. Was bleibt, ist ein Leben an Bord in alle Ewigkeit, oder zumindest so lange, bis die Vorräte aufgebraucht sind. Der weitaus größte Teil des Textes schildert, wie Besatzung und Passagiere mit dieser Erkenntnis umgehen. Sie suchen Trost in der Religion, im Sex und in der Philosophie.
Anfangs gehört zu diesen Trostquellen auch Mima, eine Art allwissender Computer. Die Maschine fängt Gedankenfragmente im Weltraum ein und zeigt sie als Bilder, die den Menschen an Bord zur Unterhaltung dienen. Chefone, der Befehlshaber des Raumschiffes, versucht zu verschweigen, wie schlimm die Lage wirklich ist. Der Mimarob, also Mimas Betreuer und zugleich der Ich-Erzähler des Werks, durchschaut ihn jedoch. Nach und nach durchschauen ihn immer mehr Menschen an Bord.
Für die Lage der Aniara prägt Martinson ein Bild, das oft zitiert wird: Das Raumschiff gleicht einer kleinen Luftblase im Glas von Gottes Geist. Aus menschlicher Sicht ist das Schiff unglaublich schnell unterwegs. Gemessen an der unendlichen Raumzeit steht es beinahe still.
Stil↑
Als Versepos in 103 Gesängen gehört Aniara zur erzählenden Dichtung. Der Untertitel „Eine Revue vom Menschen in Zeit und Raum“ verrät die Bauweise: Das Werk reiht Auftritte, Szenen und Stimmen aneinander, statt eine geschlossene Handlung durchzuerzählen. Erzählt wird durchgehend aus der Ich-Perspektive des Mimaroben.
Seine Wirkung bezieht der Text aus einem Gegensatz, den Martinson immer wieder ausspielt. Die Geschwindigkeit des Schiffes ist nach menschlichem Maß gewaltig, im Verhältnis zur unendlichen Raumzeit aber fast ein Stillstand. Auch die Sprache selbst ist erfinderisch: Martinson prägt für das Schiff das Wort „goldonder“ und für die denkende Maschine den Namen Mima, deren Betreuer daraufhin „mimaroben“ heißt.
Rezeption↑
Der Literaturnobelpreis von 1974 ging hauptsächlich für dieses Versepos an Harry Martinson, gemeinsam ausgezeichnet wurde Eyvind Johnson. Schon zuvor hatte der Stoff die Bühne erreicht: Karl-Birger Blomdahl schuf auf ein Libretto von Erik Lindegren die Oper Aniara, die 1959 uraufgeführt wurde.
Auch das Kino griff den Stoff auf. Pella Kågerman und Hugo Lilja verfilmten das Werk; der Film hatte am 1. Februar 2019 Premiere. Im Jahr 2020 erhielt er den schwedischen Filmpreis Guldbagge in vier Kategorien: beste Regie, beste Hauptdarstellerin, beste Nebendarstellerin und beste visuelle Effekte. Dass 2025 eine Neuübersetzung ins Deutsche erschien, zeigt das anhaltende Interesse an dem Text.
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