1904 – 1978
Harry Martinson
Kurzbiografie↑
Harry Martinson gehört zu den bekanntesten schwedischen Schriftstellern des 20. Jahrhunderts. Geboren 1904, wuchs er als Gemeindepflegekind auf und fuhr als junger Mann jahrelang zur See. Aus diesen Erfahrungen entstand ein Werk, das die Natur ebenso genau beobachtet wie das Schicksal des Menschen im Weltall. Sein bekanntestes Buch ist Aniara von 1956. Im Jahr 1974 erhielt Martinson gemeinsam mit Eyvind Johnson den Nobelpreis für Literatur, ausgezeichnet für „ein Werk, das den Tautropfen einfängt und das Weltall spiegelt“.
Biografie↑
Geboren wurde Harry Edmund Martinson am 6. Mai 1904. Über den Geburtsort gehen die Angaben auseinander: Die Deutsche Nationalbibliothek nennt Jämshög, Wikidata die Landschaft Blekinge. Die genauere Ortsangabe lautet Nyteboda im Kreis Jämshög, der in Blekinge liegt; beide Angaben widersprechen einander also nicht grundsätzlich.
Die Kindheit war hart. Mit sechs Jahren verlor Martinson seinen Vater. Ein Jahr später wanderte die Mutter an die amerikanische Westküste aus und ließ die Kinder zurück. Harry und seine sechs Schwestern kamen als sogenannte „Sockenbarn“, also Gemeindepflegekinder, in verschiedene Pflegefamilien. Dort mussten sie ihren Unterhalt selbst verdienen.
Mit sechzehn Jahren heuerte Martinson als Matrose an. Er fuhr um die Erde und hielt sich unter anderem längere Zeit in Brasilien und in Indien auf. Mit dreiundzwanzig zwang ihn eine Lungenkrankheit, die Seefahrt aufzugeben. Auf Wanderschaft ging er aber auch danach noch zeitweise.
Sein literarisches Debüt gab Martinson 1929. Die Gedichtsammlung Spökskeppet („Das Geisterschiff“) erschien als Teil der Anthologie Fem unga („Fünf Junge“). Von da an ging es rasch aufwärts. In Schweden wurde er mit vielen Literaturpreisen ausgezeichnet. 1949 wählte man ihn in die Schwedische Akademie. 1954 verlieh ihm die Universität Göteborg die Ehrendoktorwürde.
Im selben Jahr 1929 heiratete er die Schriftstellerin Moa Martinson. Die Ehe wurde 1941 geschieden. Ein Jahr später heiratete er Ingrid Lindcrantz. Gewohnt hat Martinson meist im Raum Stockholm, unter anderem in Gnesta und schließlich in Sollentuna.
Martinson bekannte sich zum Buddhismus. In einem Radiointerview erklärte er 1961, dies gelte „nicht im religiösen, sondern im moralisch-philosophischen Sinne“.
Die Auszeichnung mit dem Nobelpreis für Literatur 1974 wurde zur schweren Belastung. Martinson erhielt den Preis gemeinsam mit Eyvind Johnson. Beide gehörten der Schwedischen Akademie an, die den Preis vergibt, und daran entzündete sich eine heftige Debatte. Die Vorwürfe machten Martinson schwer zu schaffen. Hinzu kam die Kritik der jüngeren Kritikergeneration, er sei „nicht politisch genug“.
Am 11. Februar 1978 starb Martinson in Stockholm. Lars Gyllensten schildert in seinen Memoiren, dass Martinson nach einem psychischen Zusammenbruch in einer Stockholmer Klinik an den Folgen eines Selbstmordversuchs starb, der an Harakiri angelehnt war. Trotz seines Bekenntnisses zum Buddhismus wurde er in Sollentuna kirchlich bestattet. Sein Gedicht De blomster som i marken bor („Die Blumen, die auf dem Feld leben“) fand Aufnahme in das Psalmbuch der schwedischen Kirche.
Literarische Merkmale↑
Prägend für Martinsons Schreiben waren zwei Erfahrungen: das elternlose Aufwachsen und die Jahre zur See und auf Wanderschaft. Beides kehrt in seinem Werk immer wieder. Die Reisebücher Resor utan mål von 1932 und Kap Farväl! von 1933 schöpfen unmittelbar aus der Zeit an Bord.
Sein bekanntestes Werk ist Aniara aus dem Jahr 1956, eine Revue über Menschen in Zeit und Raum. Zu den herausragenden Leistungen der schwedischen Dichtung werden aber auch die Gedichtbände Vagnen („Der Wagen“) von 1960 und Dikter om ljus och mörker („Gedichte über Helligkeit und Dunkelheit“) von 1971 gezählt.
Martinson schrieb nicht nur Lyrik. Er verfasste Romane wie Die Nesseln blühen von 1935 und Der Weg hinaus von 1936, außerdem Reiseberichte und Naturessays. Die Spannweite reicht von der genauen Beobachtung kleinster Dinge bis zum Blick ins Weltall; genau das meinte die Nobelpreis-Begründung mit dem Bild vom Tautropfen, der das Weltall spiegelt.
Als Verfasser, deren Werke Einfluss auf Martinson hatten, werden Viktor Rydberg, Rudyard Kipling, Joseph Conrad und Lew Tolstoi genannt.
Rezeption↑
Nach seinem Debüt von 1929 fand Martinson in Schweden rasch Anerkennung. Er erhielt zahlreiche Literaturpreise, wurde 1949 in die Schwedische Akademie gewählt und 1954 von der Universität Göteborg zum Ehrendoktor ernannt.
Der Nobelpreis von 1974 brachte dann den Bruch. Weil Martinson und sein Mitpreisträger Eyvind Johnson selbst der vergebenden Akademie angehörten, entzündete sich eine heftige öffentliche Debatte. Gleichzeitig warf ihm eine jüngere Kritikergeneration vor, „nicht politisch genug“ zu sein. Martinson litt schwer darunter.
Sein Nachleben ist gleichwohl beträchtlich. Aniara wurde 2018 verfilmt. Im deutschen Sprachraum sorgt der Berliner Guggolz Verlag für neue Übersetzungen: 2017 erschien Reisen ohne Ziel in der Übertragung von Verner Arpe und Klaus-Jürgen Liedtke, 2021 der Naturessay-Band Schwärmer und Schnaken in der Übersetzung von Klaus-Jürgen Liedtke, 2025 schließlich Aniara in der Neuübersetzung von Lena Mareen Bruns. In Schweden selbst ist Martinson auch über die Literatur hinaus gegenwärtig, seit eines seiner Gedichte in das Psalmbuch der schwedischen Kirche aufgenommen wurde.
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