1881 – 1958
Roger Martin du Gard
Kurzbiografie↑
Roger Martin du Gard war ein französischer Schriftsteller, der 1937 mit dem Nobelpreis für Literatur ausgezeichnet wurde. Geboren 1881 in Neuilly bei Paris, stammte er aus wohlhabendem, katholisch-konservativem Bürgertum und musste dank eigenem Vermögen nie einem Broterwerb nachgehen. Sein Hauptwerk ist der vielbändige Familienroman Les Thibault, an dem er fast zwei Jahrzehnte arbeitete. Daneben trat er mit dem Roman Jean Barois und mit einigen Theaterstücken hervor. Nach seinem Tod 1958 geriet er zunehmend in Vergessenheit.
Biografie↑
Aufgewachsen ist Martin du Gard, geboren am 23. März 1881, im gutbürgerlichen Pariser Vorort Neuilly. Beide Elternteile stammten aus katholisch-konservativen Juristenfamilien. Er besuchte zunächst eine katholische Schule und dann das renommierte Lycée Condorcet, wo der spätere Verleger Gaston Gallimard sein Klassenkamerad war. Seine Leistungen waren schlecht, weil er statt zu lernen wahllos las, was nicht im Lehrplan stand. Der Vater gab ihn deshalb in ein Pariser Privatinternat, wo ein tüchtiger Lehrer ihn streng, aber wirksam förderte. So konnte er auf das Lycée Janson de Sailly wechseln und das Baccalauréat ablegen.
Früh hatte er beschlossen, Romancier zu werden, vor allem nach dem Vorbild Leo Tolstois, dessen Familienroman Krieg und Frieden ihn tief beeindruckt hatte. 1898 begann er ein Literatur-Studium an der Sorbonne, brach es aber ab und bewarb sich 1900 erfolgreich an der École des Chartes, der traditionsreichen Pariser Fachhochschule für Archivare und Bibliothekare. Nach dem Militärdienst 1902/03 schloss er 1906 sein Studium mit Diplom und Doktorat ab. Anschließend heiratete er, unternahm eine längere Hochzeitsreise nach Nordafrika und wurde 1907 Vater einer Tochter. Da er über ausreichendes eigenes Vermögen verfügte, musste er keinem Broterwerb nachgehen und widmete sich ganz dem Schreiben, abwechselnd in Paris, in der Ferienvilla seiner Eltern und vor allem im Landhaus seiner Schwiegereltern in Bellême.
Erste Schreibversuche fielen schon in die Schulzeit. Aus der Studienzeit blieben mehrere ungedruckte Werke, darunter der Roman La Chrysalide und der halbfertig aufgegebene Une vie de saint. Sein erstes veröffentlichtes Werk war 1908 der autobiografische Roman Devenir!, der als Privatdruck zwar keinen Verkaufserfolg hatte, aber einige positive Kritiken erhielt. 1910 wurde die Erzählung L’Une de nous als erstes Werk von einem Verlag angenommen.
Im selben Jahr kehrte er zu einer Form zurück, die ihm der Moderne besonders angemessen schien: einer Montage von Dialogen, Briefen, Tagebuchaufzeichnungen und Protokollen, verbunden durch kurze erzählte Zwischentexte. So entstand der Roman Jean Barois, der vor dem Hintergrund der Dreyfus-Affäre und der Trennung von Staat und Kirche den Glaubenskonflikt seines Protagonisten schildert. Zunächst von einem Verleger abgelehnt, erschien das Werk 1913 dank Gallimard im Verlag der Zeitschrift Nouvelle Revue Française und hatte beachtlichen Erfolg. Er verschaffte dem Autor Anschluss an den Kreis um André Gide und Jacques Copeau. Aus seiner Vorliebe für den Dialog erwuchs 1912 auch ein Theaterstück, die Farce Le Testament du Père Leleu, die Copeau 1914 im Pariser Théâtre du Vieux-Colombier inszenierte und die bis in die 1930er Jahre häufig gespielt wurde.
Die Kriegsjahre 1914 bis 1918 verbrachte Martin du Gard bei einer Logistikeinheit in der Etappe, war aber vom Elend im Frontbereich erschüttert. 1920 entwarf er den Plan für einen großangelegten Familienroman mit dem Titel Les Thibault. Im Mittelpunkt stehen der autoritär-konservative Witwer Oscar Thibault und seine Söhne Antoine, ein junger Arzt, und Jacques, der sich zum pazifistischen linken Intellektuellen entwickelt. Die schließlich acht Bände erschienen zwischen 1922 und 1939. Da schon die ersten Bände den Zeitgeschmack trafen und sich gut verkauften, konnte der Autor 1924 von seinem Schwiegervater dessen Schlösschen Le Tertre in Bellême erwerben, wohin er sich aus dem ungeliebten Pariser Literaturbetrieb mehr und mehr zurückzog.
Während einer Arbeitspause an den Thibault entstanden weitere Werke: 1930 die Erzählung Confidence africaine, 1931 das Stück Un Taciturne, das beim Publikum nicht ankam und sein letzter Versuch als Dramatiker blieb, und 1932 der gut aufgenommene satirische Roman La Vieille France. 1933 nahm er die Arbeit am großen Werk nach einem verkürzten Konzept wieder auf. 1936 erschien der Band L’Été 1914, der als hellsichtige Analyse der Lage vor dem Kriegsausbruch beeindruckte und ein großer Erfolg war. Dieser Erfolg und die pazifistische Grundtendenz des Buches trugen 1937 zur Verleihung des Nobelpreises bei.
Der Ausbruch des Zweiten Weltkriegs überraschte ihn auf einer Karibik-Reise. 1940 floh er aus Bellême und ließ sich in Nizza nieder, wo er den Roman Les Mémoires du lieutenant-colonel Maumort begann. Über die Jugendzeit des Protagonisten kam er jedoch nicht hinaus; das Fragment wurde erst nach seinem Tod gedruckt. In der Nachkriegszeit blieb es still um ihn, da er sich politisch nicht engagieren wollte und abseits des politisierten Pariser Literaturbetriebs in Bellême lebte. Er beschäftigte sich nur noch mit kleineren Projekten, darunter ein Buch über seinen 1951 verstorbenen Freund André Gide. 1955 erlebte er noch das Erscheinen einer Gesamtausgabe seiner Werke mit einem anerkennenden Vorwort von Albert Camus in der Bibliothèque de la Pléiade. Er starb am 22. August 1958. Die Angaben zum Sterbeort weichen voneinander ab: Wikidata nennt das Château du Tertre, die Deutsche Biographie dagegen Bellême, während die Angaben zum Umfeld auf den Ort Sérigny im Département Orne verweisen.
Literarische Merkmale↑
Kennzeichnend für Martin du Gard ist eine besondere Erzähltechnik, die er als der Moderne angemessen empfand: die Montage von Dialogen, Briefen, Tagebuchaufzeichnungen und Protokollen, die er durch kurze, auktorial erzählte Zwischentexte verband. In dieser Manier schrieb er den Roman Jean Barois, dessen avantgardistische Form beim Publikum ankam. Seine ausgeprägte Vorliebe für die Dialogform führte ihn auch zum Theater und zu Novellen in Dialogform.
Sein Hauptwerk Les Thibault gehört dagegen zur Form des sogenannten roman-fleuve, des langen mehrbändigen Familien- und Generationenromans, und ist formal eher konventionell gehalten. Getragen wird die Handlung von einem Generations- und Mentalitätenkonflikt zwischen dem hypermoralischen, die Sexualität tabuisierenden Patriarchen und seinem aufbegehrenden Sohn. Wiederkehrende Themen seines Werks sind der Konflikt zwischen naturwissenschaftlichem Zweifel und traditioneller Frömmigkeit, die Kritik am autoritären Bürgertum sowie eine pazifistische Grundhaltung. Auffällig ist auch das immer wiederkehrende Motiv latent homosexueller Figuren, das sich von den Thibault bis zum späten Fragment Les Mémoires du lieutenant-colonel Maumort zieht.
Rezeption↑
Bereits zu Lebzeiten fand Martin du Gard Anerkennung. Sein Roman Jean Barois hatte beachtlichen Erfolg und öffnete ihm den Kreis um die Nouvelle Revue Française. Die ersten Bände von Les Thibault trafen den Zeitgeschmack und verkauften sich gut, und der Band L’Été 1914 wurde 1936 zu einem großen Erfolg. 1937 erhielt er den Nobelpreis für Literatur, wozu dieser Erfolg und die pazifistische Grundtendenz seines Werks in einer Zeit erneuter Kriegsgefahr beitrugen.
Nach dem Krieg wurde es still um ihn. Weil er sich dem politisierten Pariser Literaturbetrieb entzog und zurückgezogen in Bellême lebte, geriet er ins Abseits. Zwar erschien 1955 eine Gesamtausgabe seiner Werke in der angesehenen Bibliothèque de la Pléiade, für die Albert Camus ein höchst anerkennendes Vorwort verfasste. In den folgenden Jahrzehnten geriet Martin du Gard dennoch zunehmend in Vergessenheit. Erst 2003 sorgte eine nach den Thibault gedrehte Fernsehserie in Frankreich für eine kleine Renaissance. 2020 erschien eine deutsche Erstübersetzung eines Teils des Roman-Fragments Les Mémoires du lieutenant-colonel Maumort.
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