1564 – 1593
Christopher Marlowe
Kurzbiografie↑
Zu den bekanntesten Dramatikern des elisabethanischen Englands zählt Christopher Marlowe, genannt „Kit“. Er wurde 1564 in Canterbury getauft und starb 1593 in Deptford bei London. In wenigen Jahren schuf er Bühnenwerke wie Tamburlaine, Doktor Faustus und The Jew of Malta, die auf den Londoner Bühnen großen Erfolg hatten. Über sein Leben ist nur wenig gesichert bekannt: Was man weiß, wurde über Jahrhunderte aus verstreuten Urkunden, Zeugnissen und Fundstücken mühsam zusammengesetzt. Zu Lebzeiten trug keines seiner gedruckten Werke seinen Namen.
Biografie↑
Die früheste Quelle über Marlowe ist der Taufeintrag der St.-Georgs-Kirche in Canterbury vom 26. Februar 1564. Sein genauer Geburtstag steht nicht fest; er wird zwischen dem 15. und 26. Februar 1564 vermutet. In der Forschung umstritten ist das Geburtsjahr selbst: Wikidata nennt den 6. Februar 1564, die Deutsche Biographie dagegen den 6. Februar 1563. Marlowe kam als zweites Kind des Schuhmachers und „freien Manns“ von Canterbury, John Marlowe, und seiner Frau Catherine Arthur aus Dover zur Welt. Auch Urgroßvater und Großvater waren Schuhmacher gewesen. Von neun Kindern überlebten sechs das Kindesalter.
Am 14. Januar 1579 begann er mit einem Stipendium an der King's School in Canterbury. Zu dieser Zeit ist belegt, dass er das Lateinische sicher beherrschte; über seine Schulbildung davor ist nichts bekannt. Der frühere Erzbischof von Canterbury, Matthew Parker, hatte in seinem Testament ein Universitätsstipendium für einen Schüler der King's School am Corpus Christi College in Cambridge gestiftet. Einige Jahre nach Parkers Tod wählte dessen Sohn Jonathan (John) Parker den jungen Marlowe dafür aus.
Fast siebzehnjährig verließ er gegen Ende 1580 Canterbury, um sein Stipendium in Cambridge anzutreten. Am 17. März 1581 wurde er immatrikuliert. Sieben Jahre blieb er offiziell eingeschrieben: 1584 erwarb er den B. A., 1587 den M. A. Die Abrechnungen des Stipendiums und die Aufzeichnungen aus der College-Kantine zeigen, dass er häufig für längere Zeit abwesend war. In Cambridge wurde er mit dem gleichaltrigen Thomas Walsingham bekannt, einem jüngeren Vetter des einflussreichen „Geheimdienstchefs“ der Königin, Sir Francis Walsingham. Wann diese Freundschaft begann, ließ sich bis heute nicht klären; Walsingham gilt als Freund und Patron und mit hoher Wahrscheinlichkeit auch als Liebhaber Marlowes. Um 1582/83 übersetzte er in Cambridge Ovids Amores und das erste Buch von Lucans Pharsalia aus dem Lateinischen. Seine Ovid-Übersetzung erlag später der Zensur und wurde 1599 auf Befehl kirchlicher Stellen verbrannt. Nach mehrheitlicher Ansicht der Literaturhistoriker entwarf er schon in Cambridge Dido (unter Mithilfe von Thomas Nashe) sowie den ersten Teil von Tamburlaine.
Vor der Bewilligung seines M. A. gab es Gerüchte, Marlowe sei als möglicher Konvertit am katholischen Priesterseminar in Reims gewesen. Das veranlasste sein College, die Erlaubnis zum Abschluss zurückzuhalten. Marlowe wandte sich an den Privy Council. In einem erhaltenen Brief vom 29. Juni 1587 bescheinigten ihm höchste Stellen, darunter der Erzbischof von Canterbury und Schatzkanzler William Cecil, Lord Burghley, dass er zum Wohle des Landes tätig gewesen sei. Daraus wurde gefolgert, dass Marlowe in offiziellen Diensten des Privy Council stand. Ob er dabei Meldungen zwischen Botschaften überbrachte oder als Reisebegleiter und Kundschafter diente, ist nicht bekannt. Dass er eine „regelrechte“ Spionagetätigkeit ausübte, ist in keiner Quelle eindeutig belegt. Im Juli 1587 erhielt er sein M. A. und verbrachte seine letzten Jahre in London.
In London begann er unmittelbar für das Theater zu schreiben. Es folgten Aufführungen von Dido, Edward II, The Massacre at Paris, Doktor Faustus und The Jew of Malta, gespielt unter anderem von den Admiral's Men mit dem Schauspieler Edward Alleyn sowie von Lord Strange's Men und Pembroke's Men. Ab 1589 lässt sich Marlowe in Norton Folgate in Shoreditch nachweisen, nahe den Theatern The Theatre und The Curtain. Er gehörte zu einem Kreis von Intellektuellen und Dichtern um Henry Percy, 9. Earl of Northumberland, und Sir Walter Raleigh, der als geheime Gruppe von Freidenkern The School of Night galt und als „Kreis der Atheisten“ verrufen war. Nach einer Quelle war er zwischen 1589 und 1592 für dreieinhalb Jahre Hauslehrer der Lady Arabella Stuart, einer Thronanwärterin. 1591 teilte er sich eine Wohnung mit Thomas Kyd.
Im Januar 1592 wurde Marlowe im niederländischen Vlissingen von Richard Baines der Falschmünzerei und verräterischer Absichten bezichtigt und verhaftet. Gouverneur Robert Sidney schickte ihn mit einem Brief nach England zu William Cecil zurück, schien aber nicht von einer ernsthaften Fälschungsabsicht überzeugt. Wenige Monate später war Marlowe wieder auf freiem Fuß. Im September 1592 warnte der sterbende Robert Greene in seiner nachgelassenen Schrift Greene's Groatsworth of Wit drei nicht namentlich genannte Stückeschreiber – gemeint sind wohl Marlowe, Nashe und Peele – vor Atheismus und Gotteslästerung. Am 30. Mai 1593 starb Marlowe in Deptford bei London.
Literarische Merkmale↑
Kennzeichnend für Marlowes Schreiben ist der Blankvers, den mehrere Kritiker als seine eigentliche Leistung für das englische Drama hervorheben. Algernon Swinburne nannte ihn den Schöpfer und Erfinder des englischen Blankverses; der Vers selbst war zuvor durch Surrey in die englische Literatur eingeführt worden. Der Literaturwissenschaftler Frederick S. Boas sah 1936 das klassische Element von Marlowes Begabung darin, wie er mit Klarheit und Präzision Gedanken und Gefühle in rhythmische Sprache übersetzte. Frank Percy Wilson erkannte Marlowes dramatische Begabung schon in seinem ersten aufgeführten Stück Tamburlaine und hielt ihn für einen von Anfang an „geborenen Dramatiker“.
Rezeption↑
Schon zu Lebzeiten und kurz nach seinem Tod sprachen zahlreiche Zeitgenossen von Marlowes Begabung. George Peele bezeichnete ihn 1593 mit einer traditionellen Formel als den „Liebling der Musen“. Thomas Nashe fragte in seinem The Unfortunate Traveller, ob je jemand von einer göttlicheren Muse als der Kit Marlowes gehört habe.
Nach einer langen Zeit der Verurteilung wuchs Marlowes Ruhm im 19. Jahrhundert wieder. John Addington Symonds nannte ihn 1884 den „Vater und Begründer der englischen dramatischen Dichtung“, A. H. Bullen 1885 den „Vater des englischen Dramas“, und Clifford Leech zählte ihn zu den wichtigsten Vorläufern Shakespeares. Manche Literaturwissenschaftler des 19. Jahrhunderts nannten ihn ein „Shakespeare ebenbürtiges Genie“.
Die intensive Erforschung seiner Werke hat zu ganz unterschiedlichen Deutungen geführt – Marlowe erscheint dort als romantischer Rebell, als orthodox-christlicher Dramatiker oder als Mann von moralischer Mehrdeutigkeit. Wiederholt wurde gefordert, seine Dichtungen als Kunstwerke und nicht als Spiegel seines Charakters zu betrachten. Neuere Sekundärliteratur, etwa der von Kirk Melnikoff und Roslyn L. Knutson herausgegebene Band Christopher Marlowe, Theatrical Commerce, and The Book Trade (Cambridge 2018), zeigt Marlowe in der Vielzahl seiner zeitgenössischen Bezüge. Zugleich macht sie deutlich, dass der überlieferte Marlowe – der Dichter, Agent, Atheist und Homosexuelle – nach Adam G. Hooks fast vollständig eine Erfindung des 20. Jahrhunderts sei; eine Sicht, die Thomas Dabbs bereits 1991 vertreten hatte.
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