1825 – 1887
E. Marlitt
Kurzbiografie↑
Unter dem männlich klingenden Kürzel E. Marlitt schrieb Eugenie John, eine der meistgelesenen deutschen Romanautorinnen des 19. Jahrhunderts. Geboren 1825 in Arnstadt, war sie zunächst für eine Sängerlaufbahn ausgebildet worden, ehe ein Gehörleiden diesen Weg beendete. Ab 1865 erschienen ihre Romane als Fortsetzungsgeschichten in der Familienzeitschrift Die Gartenlaube und machten sie über Nacht bekannt. Der Roman Goldelse begründete ihren Ruhm; ihre Bücher wurden in zahlreiche Sprachen übersetzt und weltweit verbreitet. Sie gilt, nach Harriet Beecher Stowe, als eine der ersten Bestsellerautorinnen.
Biografie↑
Als Friederike Henriette Christiane Eugenie John kam sie am 5. Dezember 1825 in Arnstadt zur Welt, dem Zentrum der Schwarzburg-Sondershäuser Oberherrschaft. Sie war das zweite von fünf Kindern des Ernst John und seiner Frau Johanna, geborene Böhm. Der Vater hatte zunächst als Kaufmann und Leihbibliothekar gearbeitet. Nachdem seine Leihbücherei 1828 bankrott gegangen war, ernährte er die Familie fortan als Porträtmaler und Kunstmaler mit kargen Einkünften.
Früh zeigte sich die musikalische Begabung des „Eugenie“ gerufenen Mädchens. Auf Anraten des Arnstädter Kantors, der ihr eine große Gesangskarriere prophezeite, wandte sich der Vater 1841 an die Landesfürstin Mathilde von Schwarzburg-Sondershausen mit der Bitte um ein Stipendium, das gewährt wurde. Bis 1844 lebte sie in enger Verbindung mit dem Hof, danach vollendete sie zwischen 1844 und 1847 ihre Ausbildung am Wiener Konservatorium. Der erste, von der Fürstin vermittelte Auftritt am 8. März 1847 in Leipzig scheiterte am übergroßen Erfolgsdruck; das Lampenfieber raubte ihr zeitweise die Stimme. Auch weitere Auftritte in Olmütz, Lemberg, Graz und Linz brachten nicht den erhofften Erfolg. Ein wohl psychosomatisch bedingtes Gehörleiden zwang sie schließlich, den Beruf der Sängerin aufzugeben.
Von 1853 bis 1863 lebte sie als Gesellschafterin und Vorleserin der inzwischen geschiedenen Landesfürstin, teils in Öhringen, teils in München, und begleitete sie auf vielen Reisen. In München lernte sie 1859 den Lyriker Friedrich Bodenstedt kennen. Er ermutigte sie zum Schreiben, versuchte aber vergeblich, für ihre erste Arbeit Schulmeisters Marie einen Verleger zu finden. Als die Fürstin 1863 ihre Hofhaltung einschränken musste, entließ sie Eugenie John. Diese kehrte nach Arnstadt zurück und fand, wie schon der Vater, in der Familie ihres Bruders Alfred Aufnahme, der dort Realschullehrer war. Sie verdiente Geld mit Näh- und Stickarbeiten sowie mit Klavier- und Gesangsunterricht.
Ihr Bruder überredete sie, 1865 unter dem Pseudonym „E. Marlitt“ ihre ersten Erzählungen nach Leipzig an Ernst Keil zu senden, den Herausgeber der Zeitschrift Die Gartenlaube. Das männlich klingende Pseudonym war ein Kunstgriff, den viele Autorinnen der Zeit zu ihrem Schutz wählten. Warum sie gerade den Namen „Marlitt“ wählte, hat sie nie öffentlich geäußert. Im September 1865 begann der Abdruck ihrer Novelle Die zwölf Apostel, im Januar 1866 folgte der Roman Goldelse, der sie bekannt machte. Der Erfolg war immens, und sie wurde zur Starautorin des Blattes. Der Erlös aus der Buchausgabe ihres dritten Romans Reichsgräfin Gisela war so groß, dass sie sich davon eine prächtige Villa am Stadtrand von Arnstadt errichten konnte, die sie „Marlittsheim“ nannte. Dort zog sie 1871 gemeinsam mit ihrem Vater, ihrem Bruder Alfred und dessen Familie ein.
Seit 1868, dem Jahr ihres zweiten Romans Das Geheimnis der alten Mamsell, war sie durch eine arthritische Gelenkerkrankung an den Rollstuhl gebunden und lebte völlig zurückgezogen im Haus des Bruders, der das Geschäftliche übernahm. Die fortschreitende Krankheit zwang sie zu immer größeren Schaffenspausen. Bis 1885 veröffentlichte sie in der Gartenlaube insgesamt neun Romane; ein zehnter, das Fragment gebliebene Das Eulenhaus, wurde postum 1888 im Auftrag der Zeitschrift von Wilhelmine Heimburg vollendet. Eugenie John blieb unverheiratet. Sie starb am 22. Juni 1887 in Arnstadt und wurde dort auf dem Alten Friedhof in einem Wandgrab beigesetzt.
Literarische Merkmale↑
Kennzeichnend für ihre Romane ist die immer wiederkehrende Grundgeschichte: Alle Romane variieren das „Aschenbrödel“-Motiv des armen, bedrängten und tugendhaften Mädchens, das sich durch Intelligenz, Mut und Herzensgüte Wohlstand und familiäres Glück erkämpft. Mit diesen trivialen Mustern der Handlungsführung und der Personenzeichnung verband sie eine spannungsreiche Darstellung und eine deutliche sozialpolitische Absicht.
Diese Absicht stimmte mit den liberal-fortschrittlichen Positionen der Gartenlaube überein. Sie schrieb gegen Adelsprivilegien, kirchlichen Dogmatismus und Antisemitismus, für Toleranz und soziale Gerechtigkeit. Ein zentrales Anliegen war das Recht der Frau auf Bildung, Arbeit und freie Berufswahl. Fast ihr gesamtes Werk erschien zunächst als Fortsetzungsprosa; die ersten Buchausgaben waren durch namhafte Künstler der Zeit reich illustriert.
Rezeption↑
Von Roman zu Roman stieg ihre Popularität. Sie trug wesentlich dazu bei, dass die Zahl der Abonnenten der Gartenlaube zwischen 1865 und der Mitte der 1880er Jahre von 100.000 auf etwa 400.000 wuchs. Neben Ottilie Wildermuth, Friedrich Wilhelm Hackländer und Marie Nathusius zählte sie zu den meistgelesenen deutschen Romanautoren ihrer Zeit. Nach Harriet Beecher Stowe gilt sie als eine der ersten Bestsellerautorinnen der Welt.
Ihre Werke fanden weltweite Verbreitung. Sie wurden ins Englische, Französische, Russische, Italienische, Polnische und Spanische übersetzt, in Japan und China gedruckt, vielfach bearbeitet, dramatisiert und seit 1972 zum Teil fürs Fernsehen verfilmt. Noch immer sind sie im Buchhandel erhältlich.
Die Glücksversprechen ihrer Handlungen und die starke Typisierung der Figuren brachten ihr schon in der zeitgenössischen Kritik den Vorwurf des Kitsches und der Tendenzschriftstellerei ein. In der neueren literaturwissenschaftlichen Diskussion werden ihre Romane vorwiegend unter dem Gesichtspunkt ihrer sozialen Funktion und der Frauenemanzipation behandelt.
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