1869
Reichsgräfin Gisela
Überblick↑
Der Roman Reichsgräfin Gisela erschien 1869 in der Familienwochenschrift Die Gartenlaube, verteilt auf die Hefte 1 bis 32. Noch im selben Jahr folgte die Buchausgabe im Verlag von Ernst Keil, dem Herausgeber der Zeitschrift; die Illustrationen schuf Julius Kleinmichel. Eugenie Marlitt verbindet darin Entwicklungs-, Familien- und Liebesroman zu einer Geschichte um Erbschuld, verborgene Herkunft und ausgleichende Gerechtigkeit. Im Mittelpunkt steht die junge Gisela Gräfin Sturm, die ein unredlich erworbenes Vermögen erbt und zwischen die Fronten zweier Männer gerät: ihres Stiefvaters, der selbst nach dem Geld greift, und eines geheimnisvollen Fremden, der die Wahrheit ans Licht bringen will.
Inhalt (ohne Spoiler)↑
Schauplatz ist der erfundene Ort Neuenfeld im Thüringer Wald, die Zeit sind die 1850er Jahre. Eine Vorgeschichte reicht in die Vergangenheit zurück: Prinz Heinrich von A. hatte seine Geliebte, die schöne Gräfin Völdern, zur Alleinerbin eingesetzt und war darüber mit dem Fürstenhaus in Streit geraten. Kurz vor seinem Tod bereute er, änderte das Testament und schickte einen Vertrauten als Friedensboten an den Hof. Doch der Bote erreichte sein Ziel nie, und das geänderte Testament verschwand unter mysteriösen Umständen. Die Gräfin Völdern blieb reich, ein Baron stieg zum Minister auf.
Aus dieser alten Geschichte erwächst das Schicksal der kleinen Gisela. Als Vollwaise ist sie durch ihren Vater eine Gräfin von Sturm und durch ihre Mutter die Erbin des Völdernschen Vermögens. Ihr Stiefvater und ihre kühle Gouvernante bestimmen ihre Erziehung. Erst in einem einfachen Pfarrhaus, in dem gelebte Nächstenliebe herrscht, beginnt das zu Herzenskälte erzogene Kind gefühlvoll zu erwachen.
Jahre später ist Gisela zu einer jungen Frau herangewachsen und lebt auf ihrem ererbten Gut. Sie gilt als schwer nervenkrank, doch als sie eigenmächtig ihre Medikamente absetzt, geht es ihr besser, und sie beginnt sich aufzulehnen. Zugleich taucht ein geheimnisvoller Brasilianer namens Oliveira auf, der die örtliche Gießerei zu großem Erfolg geführt hat. Zwischen den beiden entspinnt sich eine Zuneigung, die durch Missverständnisse erschwert wird. Denn Oliveira ist mit einer verborgenen Absicht nach Deutschland gekommen – einer Mitteilung, von der er fürchtet, dass sie gerade Gisela schweren Schaden bringen könnte.
Die Handlung im Detail↑
Der Roman beginnt mit einer ausführlichen Vorgeschichte. Prinz Heinrich von A. hatte die verheiratete Gräfin Völdern zu seiner Alleinerbin gemacht und war deshalb mit seinem Fürstenhaus verfeindet. Erst kurz vor dem Tod kamen ihm Gewissensbisse: Er verstieß die Geliebte, änderte das Testament und schickte den Baron Fleury als Friedensboten zum Fürstenhof. Fleury erreichte sein Ziel jedoch nie, und das geänderte Testament verschwand. Die Gräfin Völdern blieb eine reiche Frau, Fleury wurde beim Fürsten Minister.
Die eigentliche Handlung setzt bei drei Familien ein: den Ehrhardts, den von Zweiflingen und den Fleury. Theobald Ehrhardt leitet als Hüttenmeister eine bedeutende Gießerei; bei ihm lebt sein jüngerer Bruder, der Student Berthold. Aus Brasilien schreibt ihnen ein Herr von Eschebach, einst Leibarzt des Prinzen Heinrich, nach dessen Tod ausgewandert und reich geworden. Kinderlos bittet er einen der Brüder, als Erbe nach Brasilien zu kommen. Doch Berthold erkrankt an Typhus, Theobald muss ihn pflegen, und aus der Reise wird nichts.
Im „Waldhaus“, einem ehemaligen Jagdschloss der Herren von Zweiflingen, leben die blinde, kranke Adelgunde – Witwe des verstorbenen Majors Hans von Zweiflingen – und ihre Tochter Jutta, die mit Theobald Ehrhardt verlobt ist. Während eines Schneesturms bitten Fremde um Einlass: der Minister Fleury, seine sechsjährige Stieftochter Gisela und deren Gouvernante Frau von Herbeck. Gisela ist Vollwaise, durch ihren Vater eine Gräfin von Sturm, durch ihre Mutter – die einzige Tochter der Gräfin Völdern – die Erbin des Völdernschen Vermögens. Adelgunde gibt Fleury die Schuld an der einstigen Untreue ihres Mannes und stirbt vor Erregung über die Begegnung mit dem Erzfeind.
Juttas Charakter offenbart sich, als sie nach dem Tod der Mutter in den bescheidenen Haushalt des Pfarrers zieht. Dort wird Christentum als tätige Liebe gelebt. Gisela, bislang zu Herzenskälte und Dünkel erzogen, beginnt im Pfarrhaus emotional aufzublühen. Jutta und Frau von Herbeck dagegen sind abgestoßen: Jutta fühlt sich zu Höherem berufen und wird der Fürstin als Hofdame empfohlen. Darüber zerbricht ihre Verlobung mit Theobald. Als eine Brücke bricht, stürzt Berthold in einen Fluss; Theobald rettet ihn, ertrinkt dabei aber selbst. Ein Jahr später heiraten Jutta und Fleury.
Elf Jahre nach dieser Heirat ist Gisela erwachsen und lebt auf ihrem ererbten Gut Greinsfeld. Sie gilt als schwer nervenleidend, weshalb Frau von Herbeck ständig um sie ist. Als Gisela auf eigene Faust ihre Medikamente absetzt, bessert sich ihr Zustand. Sie beginnt gegen ihre Erziehung aufzubegehren und bietet ihrem Stiefvater die Stirn, indem sie dem von Fleury vorzeitig pensionierten Pfarrer eine neue Stelle gibt.
Die Gießerei hat unter einem neuen Eigentümer, dem geheimnisvollen Brasilianer Oliveira, großen Erfolg. Oliveira zieht ins „Waldhaus“ und hält Abstand zu den Einheimischen, weshalb Gisela ihn zunächst für gefühllos hält. Als sie entdeckt, dass er sich in Wahrheit vielfältigen wohltätigen Werken widmet, folgt sie seinem Beispiel. Die beiden verlieben sich, finden aber wegen Missverständnissen zunächst nicht zusammen. Für Oliveira ist die Lage besonders schwierig: Er ist nur zu einem Zweck nach Deutschland gekommen – um der Welt eine Mitteilung zu machen, die, wie er nun fürchtet, gerade Gisela sehr schaden wird.
Fleury schockiert Gisela mit der Eröffnung, ihre Großmutter, die Gräfin Völdern, sei keine wunderbare Frau gewesen, sondern eine Betrügerin, die sich das Erbe des Prinzen Heinrich unrechtmäßig angeeignet habe. Giselas Mutter, so behauptet er, habe unter dieser Schuld gelitten und bestimmt, dass Gisela zur Sühne ins Kloster gehen und Fleury zum Schein als Alleinerbe eingesetzt werden solle. Gisela beginnt zu ahnen, dass es ihm von Anfang an nur um das Vermögen ging.
Beim großen Waldfest, zu dem der Fürst alle Beteiligten einlädt, kommt für Oliveira die Stunde der Wahrheit. Er ist nicht der Portugiese, für den ihn alle halten, sondern Berthold Ehrhardt. Nach dem Tod seines Bruders hatte er Eschebachs Einladung angenommen und war nach Brasilien gegangen, wo Eschebach ihm vor seinem Tod ein umfassendes Geständnis machte: Die Gräfin Völdern hatte sich das Erbe des Prinzen betrügerisch verschafft. Um das geänderte Testament beiseitezuschaffen, hatte sie den Major von Zweiflingen verführt. Baron Fleury, der Drahtzieher hinter allem Unheil, hatte die Versöhnung des Prinzen mit dem Fürstenhaus absichtlich verhindert. Eschebach selbst hatte sich mit seinem Anteil des erbeuteten Geldes nach Brasilien abgesetzt – auch seine unerwiderte Liebe zur Tochter der Gräfin Völdern hatte ihn Deutschland den Rücken kehren lassen.
Als unwiderlegbaren Beweis legt Berthold dem Fürsten die Zweitschrift des geänderten Testaments vor. Gisela, die längst weiß, dass sie moralisch keinen Anspruch auf ihr Erbe hat, verzichtet zugunsten des Fürstenhauses auf ihr Vermögen. Sie und Berthold werden ein Paar. Damit sie nicht ganz leer ausgeht, bietet der Fürst an, Berthold für seine Verdienste um die Wirtschaft zu adeln, doch dieser lehnt ab. Fleury wird von seiner Frau verstoßen und erschießt sich.
Stil↑
Angelegt ist das Werk als Verbindung von Entwicklungs-, Familien- und Liebesroman, wie sie für die Unterhaltungsliteratur der Gartenlaube kennzeichnend ist. Die Handlung ist über zweiunddreißig Kapitel gespannt und beginnt mit einer weit zurückreichenden Vorgeschichte, aus der sich das Schicksal der Hauptfiguren erst nach und nach entfaltet. Ein Geheimnis um verborgene Herkunft, ein verschwundenes Testament und eine spät enthüllte Identität halten die Spannung, bis am Ende alle Fäden zusammenlaufen. Deutlich tritt der moralische Gegensatz hervor: Herzenskälte und Standesdünkel auf der einen, gelebte Nächstenliebe und schlichte Frömmigkeit auf der anderen Seite. Das einfache Pfarrhaus wird dabei zum Ort, an dem sich die wahren Charaktere zeigen.
Rezeption↑
Ein sichtbares Zeugnis für die Beliebtheit des Stoffes ist seine Verfilmung. Regisseur Georg Victor Mendel inszenierte 1918 nach einem Drehbuch von Josef Richards für die Berliner National Filmgesellschaft AG eine Stummfilmadaption. In den Hauptrollen waren Grete Reithofer als Gisela, Paul Rainer als Berthold, Theodor Burghardt als Fleury und Else Roscher als Jutta zu sehen. Dass der Roman ein halbes Jahrhundert nach seinem Erscheinen noch die Grundlage für einen Film bot, zeigt, wie lange die Geschichte im Gedächtnis des Publikums blieb.
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