1903
Reigen
Überblick↑
Der Reigen ist Arthur Schnitzlers berühmtestes und zugleich umstrittenstes Bühnenstück. Es besteht aus zehn kurzen Dialogszenen. In jeder reden ein Mann und eine Frau vor und nach dem Geschlechtsverkehr miteinander. Schnitzler schrieb das Werk zwischen November 1896 und Februar 1897. Zunächst ließ er es als Privatdruck unter Freunden zirkulieren. 1903 veröffentlichte er es im Wiener Verlag von Fritz Freund, wo es rasch zum Bestseller wurde. Heute gilt der Reigen als eines der erfolgreichsten Theaterstücke des deutschsprachigen 20. Jahrhunderts. Zu Lebzeiten Schnitzlers war es das nicht. Der Autor selbst sperrte das Stück nach dem Skandal um die Berliner Aufführung für die Bühne. Dieses Verbot blieb bis zum 1. Januar 1982 in Kraft.
Inhalt (ohne Spoiler)↑
Zehn kurze Szenen, zehn erotische Begegnungen, jede zwischen einem Mann und einer Frau. Schauplatz ist Wien um 1900. Die Figuren sind keine Individuen mit Namen, sondern Typen: die Dirne, der Soldat, das Stubenmädchen, der junge Herr, die junge Frau, der Gatte, das süße Mädel, der Dichter, die Schauspielerin, der Graf. In jeder Szene treffen zwei dieser Figuren aufeinander. Sie sprechen miteinander, sie schlafen miteinander, und sie gehen wieder auseinander. Der Akt selbst wird im Text nur durch Gedankenstriche markiert.
Das Besondere an Schnitzlers Bauplan ist die Verkettung. Jede Figur taucht in zwei aufeinanderfolgenden Szenen auf. Wer in der einen Szene noch die verführte Partnerin war, wird in der nächsten zur Verführerin eines anderen Mannes. So entsteht eine Kette von Begegnungen, die quer durch alle Wiener Gesellschaftsschichten verläuft – von der Straßenprostituierten bis zum Adel. Geistige Welten und Standesgrenzen werden im Bett mühelos überschritten. In den Gesprächen davor und danach treten sie umso schärfer hervor.
Schnitzler interessiert nicht das körperliche Geschehen. Ihn interessiert das, was die Menschen einander dabei vormachen: die Lügen, die Selbsttäuschungen, die geheuchelte Moral, die Eile danach. Jede Szene ist ein kleines Sittenbild. Sie misst den Abstand zwischen offiziellem Anstand und tatsächlichem Begehren aus.
Die Handlung im Detail↑
Das Stück besteht aus zehn Szenen, die als Reigen angelegt sind – eine Tanzform, in der sich Partner immer wieder neu finden. Jede Figur tritt zweimal hintereinander auf, jeweils mit einem anderen Gegenüber, und am Ende schließt sich der Kreis, indem die Dirne aus der ersten Szene wieder erscheint und so den Anfang mit dem Schluss verbindet.
Die erste Szene spielt spät abends an der Augartenbrücke. Eine Dirne spricht einen Soldaten an, der zurück in die Kaserne muss. Mit den Worten „Geh, bleib jetzt bei mir. Wer weiß, ob wir morgen noch 's Leben haben" überredet sie ihn. Sie steigen ans Flussufer hinunter. Danach hat der Soldat es eilig, will weg und verweigert ihr sogar das kleine Geld für den Hausmeister. Über ihren Namen Leocadia spottend macht er sich davon, sie flucht ihm hinterher.
In der zweiten Szene trifft derselbe Soldat im Prater auf ein Stubenmädchen, das Ausgang hat. Sie spazieren von einem Tanzlokal in die dunklen Auen. Andere Liebespaare liegen schon im Gras. Das Mädchen wird ängstlich, der Soldat aber bietet ihr das Du an und verführt sie ohne Umschweife. „Ich kann dein G'sicht gar nicht sehn", klagt sie; „A was – G'sicht!", antwortet er knapp. Danach will er sofort zurück zu seinen Freunden im Tanzlokal, lädt sie widerwillig auf ein Bier ein und tanzt schon mit der Nächsten.
Die dritte Szene führt das Stubenmädchen ins Haus ihrer Herrschaft. Es ist ein heißer Sommernachmittag, die Eltern sind aufs Land gefahren, der junge Herr Alfred liegt im Zimmer auf dem Diwan, raucht und liest einen französischen Roman. In der Küche schreibt das Stubenmädchen Marie gerade einen Liebesbrief an ihren Soldaten. Alfred ruft sie unter Vorwänden mehrmals zu sich, gesteht ihr schließlich, dass er sie heimlich beim Entkleiden beobachtet habe, und zieht sie aus. „O Gott, aber das hab' ich gar nicht gewußt, daß der Herr Alfred so schlimm sein kann", sagt sie und gibt nach. Danach klingelt es; Alfred schickt Marie zum Nachsehen und nutzt die Gelegenheit, sich ins Kaffeehaus zu flüchten. Marie stiehlt zum Abschied eine Zigarre vom Schreibtisch – für ihren Soldaten.
In der vierten Szene erwartet Alfred in einem mit banaler Eleganz möblierten Salon in der Schwindgasse Emma, eine verheiratete Frau. Sie kommt verschleiert, ist nervös, fürchtet entdeckt zu werden; ihre Schwester dient als Alibi. Alfred umwirbt sie und trägt sie schließlich ins Schlafzimmer. Doch dort versagt er, es kommt nicht zum Verkehr. Er versucht sich mit einer langen Geschichte aus einem Roman von Stendhal herauszureden, in der Kavallerieoffiziere von genau diesem Missgeschick bei der geliebten Frau berichten. Emma spielt großmütig die verständnisvolle „gute Kameradin". Erst als sie ihn oral stimuliert, kehrt seine Kraft zurück. Beide sind anschließend stolz und erfüllt und verabreden sich für den nächsten Tag auf einem Ball und den Tag darauf wieder in der Wohnung.
Die fünfte Szene zeigt Emma noch am selben Abend im Ehebett. Halb elf Uhr nachts, sie liest, der Gatte tritt im Schlafrock ein. Er hält ihr einen langen Vortrag über die Mühsale des männlichen Liebeslebens vor der Ehe und über die unmoralischen „süßen Mädel", die sich aus Not in die Sünde stürzen. Auch vor Ehebrecherinnen warnt er und nennt deren Lust nur einen „oberflächlichen Rausch". Emma versucht diese Frauen vorsichtig zu verteidigen. Dann, im vollen Bewusstsein seiner moralischen Hoheit, liebt er seine Frau. Danach erinnert sie sich an die Flitterwochen in Venedig und deutet an, dass sie mehr Leidenschaft wünscht. Er blockt ab und wendet sich zum Schlafen.
Die sechste Szene führt den Gatten in ein Cabinet particulier im Riedhof, einen Wiener Gasthof mit Separees. Er hat ein neunzehnjähriges süßes Mädel auf der Straße angesprochen und ihr ein Abendessen spendiert. Beide belügen einander – er über Wohnort und Ehe, sie über ihre Unschuld. Er verführt sie unter dem Vorwand, der Wein sei schuld. Während sie noch selig träumt, beginnt er sich Vorwürfe zu machen, verdächtigt sie der Prostitution und wirft ihr schließlich vor, ihn zur Untreue verführt zu haben. Als sie leichthin meint: „Ah was, deine Frau macht's sicher nicht anders als du", empört er sich. Er plant trotzdem ein dauerhaftes Verhältnis – allerdings nur, wenn sie einen moralischen Lebenswandel führt.
In der siebten Szene nimmt ein erfolgreicher Dichter dasselbe süße Mädel nach einem Spaziergang mit zu sich nach Hause. Die geistigen Welten der beiden sind grundverschieden. Er genießt ihre Einfachheit, die er zärtlich Dummheit nennt, spielt Klavier für sie und träumt sich mit ihr in ein „indisches Schloss". Danach verrät er ihr im Überschwang seinen Schriftstellernamen Biebitz – sie kennt ihn nicht. Er macht Licht, betrachtet sie und sagt: „Du bist schön, du bist die Schönheit, du bist vielleicht sogar die Natur, du bist die heilige Einfalt." Sie erzählt ihm dieselben Geschichten, mit denen sie zuvor schon den Ehemann beruhigt hat. Ein weiteres Treffen lehnt sie unter familiärem Vorwand ab.
In der achten Szene trifft der Dichter auf eine Schauspielerin, die er nach einem Landausflug in ein Wirtshauszimmer mitnimmt. Sie ist seine geistige Ebenbürtige – kapriziös, herrisch, geistreich – und führt das Gespräch. Zwischen Spott, Eitelkeit und Bekenntnissen kommt es zum Liebesakt. Sie umkreisen einander mit Worten, ohne die Distanz wirklich zu überwinden.
In der neunten Szene empfängt dieselbe Schauspielerin in ihrem Schlafzimmer einen jungen Grafen, der ihr nach einer Vorstellung den Hof macht. Auch hier ist es die Frau, die führt. Der Graf, der eigentlich nur einen höflichen Besuch geplant hatte, lässt sich verführen, bleibt aber innerlich auf Distanz; er philosophiert über die Liebe und scheint vom raschen Vollzug eher überrumpelt als beglückt.
Die zehnte und letzte Szene führt den Reigen zu seinem Anfang zurück. Der Graf erwacht am Morgen in einem fremden Bett – neben Leocadia, der Dirne aus der ersten Szene. Er hat keine klare Erinnerung daran, wie er hierhergekommen ist und was geschehen ist. Im Gespräch mit ihr wird ihm allmählich klar, dass er die Nacht bei einer Prostituierten verbracht hat. Er gibt sich nachsichtig, fast väterlich, hinterlässt etwas Geld und geht. Damit schließt sich der Kreis: Die Dirne, mit der das Stück begonnen hatte, beendet es auch – und die Kette der Begegnungen, die durch alle Stände geführt hat, mündet wieder dort, wo sie ihren Ausgang nahm.
Stil↑
Schnitzler baut das Stück streng nach dem Muster des Reigens, eines Tanzes, in dem die Partner immer weiterwechseln. Jede der zehn Szenen hat genau zwei Figuren. Jede Figur tritt zweimal hintereinander auf, einmal mit einem Partner, dann mit dem nächsten. Am Ende kehrt die Eingangsfigur, die Dirne, zurück, und der Kreis ist geschlossen. Diese mathematisch wirkende Konstruktion gibt dem Werk seine Ordnung und seinen Titel.
Auffällig ist die radikale Aussparung. Der Geschlechtsakt selbst, um den sich alles dreht, wird im Text nur durch Gedankenstriche markiert. Auf der Bühne wird er üblicherweise durch das Senken und Heben des Vorhangs oder durch eine Verdunklung angedeutet. Gezeigt werden allein das Davor und das Danach: die Anbahnung mit ihren Lügen und Bitten, die Ernüchterung, der Aufbruch.
Die Sprache ist Dialog von Anfang bis Ende; eine Erzählerstimme gibt es nicht. Schnitzler differenziert die Figuren genau durch ihren Tonfall. Das süße Mädel und das Stubenmädchen sprechen Wiener Dialekt. Der Dichter pflegt eine literarisch gefärbte Rede. Der Gatte spricht den moralisierenden Vortragston des Bürgers, der Soldat ein knappes, brutales Idiom. Die Figuren tragen keine Namen, sondern Typenbezeichnungen: Dirne, Soldat, junger Herr, Gatte, süßes Mädel, Dichter, Schauspielerin, Graf. So wird aus jeder einzelnen Begegnung zugleich ein Modell, ein gesellschaftliches Schema.
Rezeption↑
Schon der Privatdruck und die Buchausgabe von 1903 fanden ein großes Publikum. Der Reigen wurde rasch zum Bestseller. Auf der Bühne aber blieb das Werk lange tabu. Die Uraufführung fand am 13. Oktober 1912 in ungarischer Übersetzung in Budapest statt, ohne Beteiligung Schnitzlers. Die erste vollständige Aufführung mit Zustimmung des Autors erfolgte erst am 23. Dezember 1920 am Kleinen Schauspielhaus in Berlin. Sie wurde einer der größten Theaterskandale des 20. Jahrhunderts. Wenige Monate später wiederholte sich der Skandal in Wien. In Berlin folgte der berüchtigte „Reigen-Prozess". Schnitzler verhängte daraufhin selbst ein Aufführungsverbot für das Stück. Es blieb bis zum 1. Januar 1982 in Kraft. Nur bestimmte urheberrechtliche Lücken erlaubten in der Zwischenzeit Verfilmungen in Frankreich und eine Schallplattenaufnahme.
Seit Aufhebung des Verbots gehört der Reigen zu den meistgespielten deutschsprachigen Bühnenstücken. Auch im Film und Musiktheater hat das Werk weite Kreise gezogen. Max Ophüls verfilmte es 1950 unter dem Titel La Ronde. 1986 entstand eine tschechoslowakische Fernsehfassung („Vrteška"). 2011 griff Fernando Meirelles die Reigenstruktur in seinem Film 360 – Jede Begegnung hat Folgen auf. Auch englischsprachige Bühnenbearbeitungen wie The Blue Room und das Musical Hello Again leben vom Schnitzlerschen Bauplan. So ist aus dem einst verbotenen Skandalstück ein Klassiker geworden, der die Vorstellung vom Wien der Jahrhundertwende mitprägt.
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