1932
Reise ans Ende der Nacht
Überblick↑
Der Roman Reise ans Ende der Nacht erschien 1932 und stammt von Louis-Ferdinand Céline. Er gilt als einer der eindringlichsten Romane der modernen französischen Literatur. Das Magazin Der Spiegel zählt ihn zu den hundert besten Büchern zwischen 1925 und 2025. Erzählt wird das Leben eines Mannes, der durch Krieg, Kolonien, die Großstadt Amerikas und die Elendsviertel von Paris getrieben wird. Bekannt wurde das Buch vor allem durch seine schroffe, dem Alltag abgelauschte Sprache und seinen bitteren Blick auf die Welt.
Inhalt (ohne Spoiler)↑
Im Mittelpunkt steht Ferdinand Bardamu, der die Wirren des Ersten Weltkrieges übersteht. Der Roman folgt ihm über viele Stationen: Nach dem Krieg verschlägt es ihn nach Afrika und nach Amerika, ehe er nach Paris zurückkehrt. Dort studiert er Medizin und schlägt sich als Armenarzt am Rand der Gesellschaft durch.
Es handelt sich um einen Episodenroman, der seine Hauptfigur von Schauplatz zu Schauplatz begleitet. Immer wieder kreuzt eine zwielichtige Gestalt namens Léon Robinson seinen Weg und bringt die Handlung in Bewegung. Den einzelnen Abschnitten sind Bardamus Liebschaften zugeordnet, die als eigene Frauengestalten Gestalt gewinnen. Wer Bardamu auf seiner Reise folgt, blickt mit ihm auf Krieg, Elend und die Abgründe des menschlichen Zusammenlebens.
Die Handlung im Detail↑
Erzählt wird die Lebensgeschichte des Ferdinand Bardamu, und zwar als Reihe von Stationen, die ihn quer durch die Welt führen. Am Anfang steht der Erste Weltkrieg, dessen Wirren Bardamu entkommt. Von dort führt sein Weg weiter nach Afrika und nach Amerika.
Schließlich kehrt Bardamu nach Paris zurück. In der Stadt studiert er Medizin und schlägt sich anschließend als Armenarzt durch, der die Ärmsten am Rand der Gesellschaft behandelt. Am Ende dieser Laufbahn wird er zum kommissarischen Leiter einer psychiatrischen Einrichtung am Stadtrand.
Durch all diese Stationen zieht sich die Gestalt des Léon Robinson, die als tragisch und skrupellos beschrieben wird. Robinson taucht immer wieder auf und gibt der Handlung die entscheidenden Wendungen. Parallel dazu sind den einzelnen Abschnitten von Bardamus Leben seine Liebschaften zugeordnet, die als charakteristische Frauengestalten die jeweilige Station prägen.
Stil↑
Ihre besondere Lebendigkeit bezieht die Erzählung aus dem drastischen Gebrauch mündlicher Redewendungen. Céline beschränkt diese gesprochene Sprache nicht auf die wörtliche Rede der Figuren. Er verwendet den Argot nicht nur zur Kennzeichnung einzelner Personen, sondern trägt ihn auch in den Erzähltext hinein. Dort steht er neben dem gesamten Spektrum der Schriftsprache. Wo ihm beides nicht genügt, erfindet Céline neue Wörter.
Der Ich-Erzähler lästert gegen Werte, die in Frankreich hochgehalten wurden: gegen Patriotismus, gegen Militarismus und gegen die Herrlichkeit der Kolonialmacht. Ebenso wenig verschont er die Scheinheiligkeit, die Ängste der Kleinbürger und die Überheblichkeit der Großbürger. Nichts bleibt dabei ungeschoren. Diese sprachlichen Freiheiten und Neuerungen sorgten auch für akademisches Befremden. Der Übersetzer Hinrich Schmidt-Henkel wies darauf hin, dass Céline für das Buch nicht der hoch angesehene Prix Goncourt, sondern der etwas weniger renommierte Prix Renaudot zuerkannt wurde, was ihm wie ein Trostpreis erschien.
Rezeption↑
Schon die Zuerkennung eines Literaturpreises zeigte das gespaltene Echo: Statt des erwarteten Prix Goncourt erhielt Céline den Prix Renaudot. Auch die deutsche Geschichte des Werks verlief holprig. Eine Übersetzung, die Isak Grünberg gleich nach dem Erscheinen des Originals im Auftrag des Piper-Verlags angefertigt hatte, brachte dieser nicht heraus. Nach Hitlers Machtergreifung erschien die Veröffentlichung eines betont unheldischen Werkes offenbar nicht mehr opportun. Piper verkaufte die deutschen Rechte samt Grünbergs Übersetzung an den Verlag Julius Kittls Nachfolger. Dieser brachte sie im Dezember 1933 heraus, allerdings so stark verändert, dass Grünberg sie nicht mehr als seine eigene anerkannte. In Klaus Manns Exilzeitschrift Die Sammlung schrieb er im April 1934, nur vier Seiten seien unverändert geblieben.
Erst 2003 legte der Rowohlt Verlag eine Neuübersetzung von Hinrich Schmidt-Henkel vor. Ina Hartwig nannte sie in der Frankfurter Rundschau „sensationell“, und auch die übrigen deutschsprachigen Feuilletons äußerten sich durchweg begeistert. Der Roman wirkt bis heute nach: 2013 inszenierte Frank Castorf ihn am Münchener Residenztheater als Theaterspektakel.
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