1873
Reise um die Erde in 80 Tagen
Überblick↑
Reise um die Erde in 80 Tagen, im französischen Original Le Tour du monde en quatre-vingts jours, ist einer der berühmtesten Romane von Jules Verne. Pierre-Jules Hetzel brachte ihn am 30. Januar 1873 in Paris heraus. Noch im selben Jahr erschien beim Verlag der Gebrüder Légrády in Pest die erste deutschsprachige Ausgabe. Das Buch erzählt von einer Wette und einer Weltreise. Es wurde rasch zu einem der meistgelesenen Abenteuerromane des 19. Jahrhunderts. Bis heute steht der Titel für die Faszination, die der Erdball auf eine Epoche ausübte. Dampfschiff, Eisenbahn und Telegraf ließen die Welt damals zum ersten Mal greifbar zusammenrücken.
Inhalt (ohne Spoiler)↑
Phileas Fogg ist ein reicher und überaus pünktlicher englischer Gentleman. Eines Abends wettet er im Londoner Reform Club um 20.000 Pfund, dass er die Erde in 80 Tagen umrunden könne. Noch in derselben Nacht bricht er mit seinem neuen französischen Diener Jean Passepartout auf. Mit Eisenbahn und Dampfschiff geht es über Paris und Brindisi durch den Suezkanal nach Bombay, weiter durch Indien, nach Hongkong, Yokohama, San Francisco, quer durch Nordamerika und schließlich über den Atlantik zurück nach England.
Auf der Strecke geraten die Reisenden in immer neue Bedrängnis: unfertige Bahnstrecken, Stürme, fremde Sitten, verpasste Anschlüsse. In Indien retten sie eine junge Witwe namens Aouda vor einem grausamen Schicksal. Sie reist fortan mit ihnen. Zugleich heftet sich der englische Detektiv Fix an Foggs Fersen. Er hält den eiligen Gentleman für einen Bankräuber und tut alles, um ihn aufzuhalten. So wird aus der nüchternen Wette ein Lauf gegen die Uhr, bei dem jede Stunde zählt.
Die Handlung im Detail↑
Phileas Fogg, leidenschaftlicher Whist-Spieler und Exzentriker in Sachen Pünktlichkeit, schließt im Reform Club die berühmte Wette ab: 20.000 Pfund Sterling darauf, dass er in 80 Tagen um die Welt reisen kann. Die andere Hälfte seines Vermögens, weitere 20.000 Pfund, nimmt er in einem Reisesack mit. Noch am selben Abend bricht er mit seinem gerade erst angestellten Diener Jean Passepartout auf. Über Paris reisen sie nach Brindisi und besteigen das Dampfschiff durch den Suezkanal nach Bombay.
Etwa zur gleichen Zeit wird die Bank of England ausgeraubt. Der übereifrige Detektiv Fix glaubt in Suez, anhand einer telegrafischen Personenbeschreibung und Foggs auffällig schneller Weiterreise, den Räuber erkannt zu haben. Er fordert in London einen Haftbefehl an, der ihm nach Bombay nachgeschickt werden soll, freundet sich zum Schein mit Passepartout an und besteigt ebenfalls das Schiff.
In Indien soll die Reise mit der Eisenbahn von Bombay nach Kalkutta weitergehen, doch die Strecke ist noch nicht fertig gebaut. Fogg und Passepartout setzen den Weg auf einem Elefanten fort, begleitet vom englischen General Sir Francis Cromarty. Im Dschungel werden sie Zeugen, wie die junge parsische Witwe Aouda nach dem Brauch der Sati lebend mit ihrem toten Gatten verbrannt werden soll. Sie beschließen, sie zu retten. Passepartout, dessen Name auf seine Verkleidungskünste anspielt, schlüpft in die Rolle des wiedererweckten Ehemanns und entführt die unter Drogen stehende Aouda vom Scheiterhaufen. Die Gruppe flieht, ehe der Schwindel auffliegt. Da Aouda eine europäische Erziehung genossen hat und in Indien nicht mehr sicher ist, beschließen sie, sie mitzunehmen.
In Kalkutta lässt Fix drei Priester aus Bombay gegen Fogg und Passepartout Klage erheben, weil sie eine Pagode unerlaubt betreten haben sollen. Beide werden zu Haftstrafen verurteilt, doch Fogg erkauft die Freilassung durch eine hohe Kaution und reist zum Ärger des Detektivs weiter.
Von Kalkutta geht es nach Hongkong. Der Verwandte, bei dem Aouda untergebracht werden sollte, lebt dort nicht mehr. Fogg ist Gentleman genug, sie bis nach Europa mitzunehmen. Fix, der die Route kennt, ist ebenfalls in Hongkong und wartet auf den telegrafischen Haftbefehl, um Fogg auf britischem Boden festnehmen zu können. Um Zeit zu gewinnen, betäubt er Passepartout mit Opium. Dieser hatte erfahren, dass das Dampfschiff nach Yokohama früher als geplant ausläuft, kann seinem Herrn die Nachricht aber nicht mehr überbringen. Halb benommen geht er allein an Bord, das Schiff fährt ohne Fogg und Aouda ab.
Fogg mietet ein Schiff nach Shanghai, um dort das Postschiff nach Yokohama abzufangen, und nimmt den ihm noch unbekannten Fix mit. Mit knapper Not erreichen sie das Postschiff. In Yokohama hat Passepartout inzwischen in einem Zirkus Arbeit gefunden; dort wird er von Fogg und Aouda aufgespürt. Gemeinsam überqueren sie den Pazifik nach San Francisco und reisen mit der Eisenbahn quer durch Nordamerika. Sie geraten in einen Streit mit dem hitzköpfigen Colonel Proktor, müssen eine Büffelherde auf den Gleisen abwarten, eine baufällige Brücke überqueren und einer mormonischen Werbung um Passepartout ausweichen. In der Prärie Nebraskas wird der Zug von Sioux überfallen. Passepartout kuppelt während der Fahrt die Waggons von der Lokomotive ab, damit sie nahe dem Militärstützpunkt Fort Kearney zum Stehen kommen. Er selbst wird verschleppt, Fogg befreit ihn mit Hilfe der Truppen, doch sie verpassen den Anschlusszug. Mit einem von Segeln getriebenen Schlitten erreichen sie Omaha und über Chicago New York – wo das Schiff nach Liverpool gerade abgelegt hat.
Fogg mietet einen Raddampfer, der eigentlich nach Bordeaux fahren soll, und zwingt durch eine Meuterei gegen den Kapitän eine Kursänderung durch. Als das Brennmaterial ausgeht, kauft er das gesamte Schiff und lässt alle hölzernen Teile verheizen. Über einen Umweg durch Queenstown und Dublin erreichen sie auf einem schnelleren Schiff England. In Liverpool nimmt Fix Fogg endlich fest. Doch der echte Bankräuber ist inzwischen gefasst, Foggs Unschuld erweist sich rasch. Mit einem Extrazug eilen sie nach London – und kommen nach allgemeiner Rechnung fünf Minuten zu spät. Die Wette scheint verloren.
Niedergeschlagen kehren Fogg, Aouda und Passepartout in das Haus in der Savile Row zurück. Von den 20.000 Pfund aus dem Reisesack ist nur ein Rest von rund 1.000 Pfund geblieben, die andere Hälfte seines Vermögens schuldet Fogg dem Reform Club. Am Abend des folgenden Tages gesteht Aouda ihre Liebe und bittet Fogg, sie zu heiraten. Fogg erkennt seine eigene Zuneigung und willigt ein. Passepartout soll mit dem Priester Reverend Wilson die Trauung für den nächsten Tag verabreden – und erfährt dort, dass es nicht Sonntag-, sondern erst Samstagabend ist. Durch die Reise nach Osten und die Überschreitung der Datumsgrenze haben sie unbemerkt einen Tag gewonnen. Fogg eilt zum Reform Club und betritt drei Sekunden vor Ablauf der Frist den Saal. Die Wette ist gewonnen. Zwei Tage später heiraten Fogg und Aouda. Der finanzielle Gewinn ist gering, doch Fogg hat die Liebe seines Lebens gefunden. Den Rest der 1.000 Pfund teilt er großzügig zwischen Passepartout und Fix.
Stil↑
Verne erzählt seine Weltreise mit der nüchternen Präzision eines Fahrplans und der Spannung eines Abenteuerromans. Das Buch ist in kurze Kapitel gegliedert. Deren Überschriften sind oft schon halbe Handlungsankündigungen. Daten, Uhrzeiten, Entfernungen und Anschlussverbindungen prägen den Text. Die Welt erscheint als ein Netz aus Dampfschifflinien, Eisenbahnen und Telegrafen, das sich mit dem Stundenplan in der Hand bezwingen lässt.
Der Erzähler bleibt distanziert und ironisch, besonders gegenüber seinem Helden. Fogg ist eine fast mechanische Figur, die durch keine Aufregung aus dem Takt zu bringen ist. Den lebendigen Gegenpol bildet der wendige, redselige Passepartout. Sein sprechender Name beschreibt die Bewegung des Romans selbst. Wettkampf gegen die Uhr, exotische Schauplätze und der Kontrast zwischen englischer Kühle und französischem Temperament tragen den Ton. Technische Details und geografische Genauigkeit geben dem Ganzen jene halb dokumentarische Färbung, die Vernes Bücher so kennzeichnet.
Rezeption↑
Reise um die Erde in 80 Tagen wurde unmittelbar nach Erscheinen zu einem internationalen Erfolg. Der Roman gilt seither als einer der bekanntesten von Jules Verne. Schon im Erscheinungsjahr 1873 lag eine deutsche Ausgabe vor. In den folgenden Jahrzehnten wurde sie unter wechselnden Titeln immer neu aufgelegt, darunter In 80 Tagen um die Welt, Die Wette des Phileas Fogg oder Die Rettung der Maharani. Stoff und Figuren gingen weit über die Literatur hinaus ins kulturelle Gedächtnis ein. Sie prägten das populäre Bild einer Epoche, in der die Welt durch Dampfschiff, Eisenbahn und Telegraf zum ersten Mal in einer berechenbaren Frist umrundbar erschien.
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