1894 – 1961
Louis-Ferdinand Céline
Kurzbiografie↑
Als einer der einflussreichsten und zugleich umstrittensten französischen Schriftsteller des 20. Jahrhunderts gilt Louis-Ferdinand Céline, geboren 1894 in Courbevoie, gestorben 1961 in Meudon. Hinter dem Namen verbarg sich Louis Ferdinand Auguste Destouches, der auch als promovierter Arzt tätig war. Bekannt wurde er 1932 mit dem Roman Reise ans Ende der Nacht, der radikal mit der akademischen Literaturtradition brach. Politisch belastet ist Céline durch seinen Antisemitismus und die Kollaboration mit den deutschen Besatzern zwischen 1940 und 1944. Diese Verstrickung hat die Wertschätzung seines Werks in Frankreich bis heute nicht ausgelöscht.
Biografie↑
Aufgewachsen ist Céline in Paris als Einzelkind einer Nippeshändlerin und eines Bilanzbuchhalters. Seine Kindheit war von finanzieller Not und der unglücklichen Ehe der Eltern geprägt. Während der Schulzeit unternahm er zwei Sprachreisen nach Deutschland und England; er besuchte die Volksschule in Diepholz und das College in Rochester. Nachdem er das Gymnasium verlassen hatte und drei Anläufe zu einer kaufmännischen Ausbildung gescheitert waren, trat er 1912 den Wehrdienst an und kam zum 12. Kürassierregiment in Rambouillet.
Als Freiwilliger nahm Céline am Ersten Weltkrieg teil. Im Herbst 1914 wurde er bei einem gefährlichen Meldegang in der Flandernschlacht bei Poelkapelle an Kopf und Schulter schwer verwundet. Man verlieh ihm die Médaille militaire und feierte ihn in Zeitungen als modernen Helden. Die Verwundung lähmte seinen Arm teilweise und zog schwere psychische Probleme nach sich, weshalb ihn ein Militärarzt für dienstuntauglich erklärte. Danach arbeitete er an der französischen Botschaft in London, reiste 1916 nach Kamerun und unternahm später im Auftrag der Rockefeller-Stiftung Vortragsreisen über Tuberkulose. Am 19. September 1919 heiratete er in Rennes die Illustratorin Edith Follet, Tochter des Direktors der dortigen medizinischen Hochschule; 1920 wurde die Tochter Colette geboren.
Ein Studium der Medizin nahm Céline 1918 in Rennes auf. Da er wegen der Kriegsverletzung nicht Chirurg werden konnte, wandte er sich der Seuchenmedizin zu. 1924 wurde er mit einer Dissertation über den Arzt Ignaz Semmelweis promoviert, die eher wie ein eigenwilliger Roman als eine wissenschaftliche Arbeit wirkte; 1936 erschien sie mit geringen Änderungen als literarisches Werk. Er verließ Frau und Tochter – 1926 reichte seine Frau die Scheidung ein – und arbeitete für den Völkerbund am Institut für Hygiene und Epidemiologie. Reisen führten ihn 1926 in die USA, wo er in den Industrievierteln Detroits und beim Automobilhersteller Ford Fragen der Hygiene untersuchte, sowie nach Afrika, Kanada und Kuba. 1928 übernahm er die Leitung der Abteilung für Infektionskrankheiten an der Staatsklinik von Clichy, 1936 quittierte er den Dienst und war fortan privat als praktischer Arzt tätig.
Zu schreiben begann Céline bereits im Ersten Weltkrieg, zunächst nur Tagebücher und Gedichte. Mitte der zwanziger Jahre entstanden Ballettmanuskripte, 1928 das Bühnenstück Die Kirche, eine zynische Abrechnung mit dem Kolonialismus. Von 1928 bis 1932 arbeitete er an Voyage au bout de la nuit, auf Deutsch Reise ans Ende der Nacht, der ihn schlagartig berühmt machte. Man verlieh ihm den Prix Renaudot, nicht aber den erhofften Prix Goncourt, was er zeitlebens als verletzenden Affront empfand. 1936 erschien der zweite Roman Tod auf Kredit, in dem seine erzählerische Drastik in offene Menschenverachtung umschlug. Nach einer Reise in die Sowjetunion veröffentlichte er das Pamphlet Mea culpa (1936), das den Kommunismus scharf angriff.
Von da an trat Célines Antisemitismus offen und mit wachsender Heftigkeit hervor. 1937 erschien Bagatelles pour un massacre, das mit Hass gegen das Judentum polemisierte und rund 80.000 Exemplare verkaufte; 1938 kam es gekürzt unter dem Titel Die Judenverschwörung in Frankreich in Deutschland heraus. Es folgte das Pamphlet L’École des cadavres (1938). Manche Forscher sprechen für die Zeit um 1937 von einer regelrechten Psychose. Ab 1937 bekundete Céline offen Sympathie für Hitler. Während der Okkupation trat er weniger propagandistisch hervor als andere mit dem Faschismus sympathisierende Autoren, unter anderem weil deutsche Stellen seinem „wilden Gassenfranzösisch“ skeptisch gegenüberstanden. Anfang 1941 erschien Les beaux draps. Ein Treffen mit Ernst Jünger im Dezember 1941 bestand vor allem darin, dass Céline zwei Stunden lang wütete. Eine Einladung, 1943 die Massengräber von Katyn zu besichtigen, nahm er nicht an.
Im Januar 1944 überstand Céline knapp einen Mordanschlag der Résistance. Im Juni 1944 wurde er nach Deutschland zwangsumgesiedelt, kam über Baden-Baden ins Schloss Sigmaringen, wohin das Vichy-Regime geflohen war, und schließlich in die Internierung bei Neuruppin. Diese Erlebnisse schilderte er später im Roman D’un château l’autre, auf Deutsch Von einem Schloss zum andern. Ende April 1945 floh er nach Dänemark, wo man ihn der Verbrechen gegen die Menschlichkeit anklagte und inhaftierte. In Abwesenheit wurde er in Frankreich zu Tod und Vermögensverlust verurteilt, 1950 aber begnadigt. 1951 kehrte er zurück und begann in Meudon einen Neuanfang. Gallimard veröffentlichte nun wieder seine Werke, darunter Féerie pour une autre fois, Normance und die Romane über das Kriegsende. Céline nahm seine antisemitischen Äußerungen nach dem Krieg nicht zurück. Er starb am 1. Juli 1961, an dem Tag, als er das Manuskript seiner Trilogie über das Kriegsende abgeschlossen hatte; deren dritter Band Rigodon erschien 1969 posthum.
Literarische Merkmale↑
Radikal brach Céline mit der akademischen französischen Literaturtradition. Schon Reise ans Ende der Nacht verband eine lyrische Rhetorik der Verzweiflung mit realistischen Schilderungen des Kriegselends und einem schonungslosen sexuellen Zynismus. Seine Sprache griff auf ein derbes, umgangssprachliches Französisch zurück, das deutsche Stellen während der Besatzung als „wildes Gassenfranzösisch“ empfanden und das von ständigen Obszönitäten durchsetzt war.
Von Buch zu Buch verschob sich der Ton. Was viele Leser in der Reise ans Ende der Nacht noch als realistische Sozialkritik verstanden, schlug in Tod auf Kredit in eine offene, an gesellschaftlichen Zusammenhängen nicht mehr interessierte Menschenverachtung um. In den Pamphleten trieb Céline die Drastik ins Maßlose: L’École des cadavres war bewusst darauf angelegt, alle Grenzen des guten Geschmacks, der politischen Vernunft und der Menschlichkeit zu überschreiten. Selbst dort blitzte mitunter grotesker Witz auf – in Les beaux draps etwa entwarf er das Schattenkabinett einer Weltregierung, in dem der Weihnachtsmann den Vorsitz führt. In seinen Nachkriegsromanen verzerrte er das eigene chaotische Erleben zu einer grotesken Clownerie.
Rezeption↑
Berühmt machte Céline die Reise ans Ende der Nacht nahezu über Nacht. Léon Daudet hatte den Roman lanciert, und besonders die französische Linke nahm ihn begeistert auf. Das Werk polarisierte die Kritik so stark, dass Céline zeitweise seinen Briefkasten abmontierte, um den vielen Schmäh- und Bewunderungsbriefen zu entgehen. Der Prix Renaudot wurde ihm zuerkannt, der ersehnte Prix Goncourt aber verwehrt, was zu seiner Entfremdung vom intellektuellen Establishment beitrug. 1936 übersetzten Louis Aragon und Elsa Triolet den Roman ins Russische.
Mit den späteren Pamphleten kippte die Wahrnehmung. André Gide deutete Bagatelles pour un massacre zunächst als Satire im Stil Jonathan Swifts, und auch ein Literaturkritiker vermutete, Céline wolle den Antisemitismus durch Übersteigerung lächerlich machen. Solche Deutungen wurden hinfällig: Nach der Veröffentlichung von 4000 Briefen im Jahr 2009 zeigte sich, dass sein Antisemitismus tiefer verwurzelt war als angenommen; Gero von Randow resümierte in der ZEIT, Céline habe seinen Aufruf zum Judenmord wörtlich gemeint. Nach dem Krieg rollte seine literarische Karriere über Gallimard langsam wieder an, und er führte publizistische Kämpfe gegen seinen Intimfeind Sartre. Trotz seiner politischen Verstrickung blieb die Wertschätzung seines literarischen Werks in Frankreich bis heute erhalten.
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