1913 – 2008
Aimé Césaire
Kurzbiografie↑
Aimé Césaire war Dichter, Dramatiker und Politiker aus Martinique. Gemeinsam mit Léopold Sédar Senghor und Léon-Gontran Damas begründete er das Konzept der Négritude, das dem Selbstbewusstsein schwarzer Menschen eine eigene Sprache gab. Sein langes Gedicht Cahier d'un retour au pays natal erschien 1939 und wurde auf Deutsch als Zurück ins Land der Geburt bekannt. Mit dem Essay Über den Kolonialismus legte er eine scharfe Abrechnung mit der europäischen Kolonialherrschaft vor. Über Jahrzehnte war er zugleich Bürgermeister von Fort-de-France und Abgeordneter in der französischen Nationalversammlung.
Biografie↑
Geboren wurde Aimé Fernand David Césaire am 26. Juni 1913 in Basse-Pointe auf Martinique. Die Familie war kinderreich und lebte in einfachen Verhältnissen. Der Vater arbeitete als Steuerkontrolleur, die Mutter als Schneiderin. 1924 kam der Junge auf das Lycée Victor Schoelcher in Fort-de-France. Mit achtzehn Jahren erhielt er für seine schulischen Leistungen ein Förderstipendium.
So konnte er ab 1932 das Elitegymnasium Louis-le-Grand in Paris besuchen. Dort saß Léopold Sédar Senghor mit ihm in derselben Klasse. Die beiden lasen gemeinsam die Schriften des deutschen Ethnologen Leo Frobenius. Sie gründeten die Gruppe „L'Etudiant noir“ und 1934 die gleichnamige Zeitschrift, die den französischen Kolonialismus analysierte und kritisierte. 1935 wurde Césaire in die École normale supérieure aufgenommen. In Paris setzte er sich mit dem Surrealismus auseinander und mit der pré-négritude, einer Bewegung afrikanischer Schriftsteller, die in den zwanziger Jahren antikoloniale Ideen entwickelten.
In Paris machte Senghor ihn mit Suzanne Roussi bekannt, die ebenfalls aus Martinique stammte. Césaire, Senghor, Damas und Suzanne Roussi arbeiteten für die Redaktion der Zeitschrift „L'étudiant noir“. Am 10. Juli 1937 heirateten Suzanne Roussi und Aimé Césaire in Paris. Im Jahr darauf kam das erste Kind zur Welt; fünf weitere sollten folgen. Die Ehe wurde 1963 nach 25 Jahren geschieden.
1938 kehrte das Paar nach Martinique zurück, zog nach Fort-de-France und unterrichtete am Lycée Schoelcher. Im selben Jahr schloss Césaire seine Studien ab. Ein Jahr später erschien Cahier d'un retour au pays natal, jenes lange Gedicht über die Heimkehr in das Land der eigenen Geburt, das später Janheinz Jahn ins Deutsche übertrug.
1941 gründeten Suzanne und Aimé Césaire zusammen mit Aristide Maugée und René Ménil die Kulturzeitschrift „Tropiques“. Sie wurde zum wichtigsten Literaturmagazin der Antillen und sprach auch wirtschaftliche und politische Fragen an. In diesen Jahren entstanden die Gedichtbände Les armes miraculeuses (1946), Soleil cou coupé (1947) und Corps perdu (1950).
Parallel begann eine politische Laufbahn von ungewöhnlicher Dauer. 1945 wurde Césaire zum Bürgermeister von Fort-de-France gewählt; dieses Amt behielt er 56 Jahre lang, bis 2001. Im selben Jahr zog er in die französische verfassunggebende Versammlung ein, ab 1946 saß er als Abgeordneter der Kommunistischen Partei Frankreichs in der Nationalversammlung. Wiedergewählt wurde er ohne Unterbrechung bis 1993.
Bei der Abstimmung über den künftigen Status von Martinique und Guadeloupe im März 1946 bewog er seine Partei, für die Umwandlung der karibischen Kolonien in Übersee-Départements zu stimmen. Er hielt das Schicksal seiner Heimat bei einer linken französischen Regierung für am besten aufgehoben. 1950 erschien der Essay Discours sur le colonialisme, deutsch Über den Kolonialismus, ursprünglich als Rede gedacht, aber nie gehalten und dennoch von großer Wirkung.
1956 trat Césaire aus der Kommunistischen Partei aus. Im selben Jahr veröffentlichte er den Lettre à Maurice Thorez. Er gründete die Parti Progressiste Martiniquais, eine linke Partei, die ein autonomes Martinique innerhalb des französischen Staates anstrebte. 1978 schloss er sich den Sozialisten an. Von 1983 bis 1986 stand er dem Regionalrat von Martinique vor.
In den sechziger Jahren wandte er sich verstärkt dem Theater zu. 1963 erschien La Tragédie du roi Christophe, 1966 das Stück über Patrice Lumumba, das auf Deutsch als Im Kongo herauskam, 1969 die Shakespeare-Bearbeitung Une tempête, auf Deutsch Ein Sturm. Als Lyriker blieb er weiter tätig; 1960 erschien Ferrements, 1961 Cadastre, 1982 Moi, laminaire. 1987 legte er den Discours sur la négritude vor. Aimé Césaire starb am 17. April 2008 in Fort-de-France.
Literarische Merkmale↑
Zwei Wurzeln prägen Césaires Schreiben: der Surrealismus, mit dem er sich als Student in Paris auseinandersetzte, und die antikolonialen Ideen der pré-négritude, jener Bewegung afrikanischer Schriftsteller im Paris der zwanziger Jahre. Aus dieser Verbindung entstand die Négritude, die er zusammen mit Senghor und Damas begründete.
Sein Hauptfeld war die Lyrik. Über Jahrzehnte hinweg entstanden Gedichtbände, von Cahier d'un retour au pays natal bis Moi, laminaire. Daneben schrieb er Essays und einige Theaterstücke, letztere meist mit politischem Stoff: der König Christophe, Patrice Lumumba, und in Une tempête eine Umdeutung von Shakespeare für ein schwarzes Theater.
Im Essay wird sein Ton scharf und anklagend. Über den Kolonisator schrieb er, wer im anderen Menschen ein Tier sehe, nur um sich selbst ein ruhiges Gewissen zu verschaffen, werde am Ende selbst zum Tier. Man erzähle ihm von Fortschritt und geheilten Krankheiten, hielt er den Verteidigern der Kolonialherrschaft entgegen, er aber spreche von zertretenen Kulturen und von Millionen Menschen, denen man das Zittern und den Kniefall eingeprägt habe. Ebenso zugespitzt fiel sein Urteil über den Nationalsozialismus aus: Was der europäische Bürger Hitler in Wahrheit nicht verzeihe, sei nicht das Verbrechen am Menschen, sondern die Anwendung kolonialistischer Praktiken auf Europa.
Der andere Grundton ist versöhnlich und weit. Keine Rasse besitze das Monopol der Schönheit, der Intelligenz oder der Kraft, heißt es bei ihm, für alle sei Platz beim Stelldichein des Sieges.
Rezeption↑
Wissenschaftliche Beschäftigung mit Césaire setzte schon zu seinen Lebzeiten ein. 1978 legte Thomas A. Hale eine kommentierte Bibliographie seiner Schriften vor; 2013 erschien eine zweibändige Neufassung, die Kora Véron gemeinsam mit Hale erarbeitete. Zu seinem siebzigsten Geburtstag 1983 ehrte ihn eine internationale Gruppe von Künstlern und Forschern mit der Festschrift Soleil Eclaté. 1987 fand in Paris das erste internationale Kolloquium über sein literarisches Werk statt.
Besondere Aufmerksamkeit fand immer wieder das frühe Langgedicht Cahier d'un retour au pays natal. Lilyan Kesteloot widmete ihm 1982 eine Einführung, Victor M. Hountondji 1993 eine Studie, Karin Sekora im Jahr 2000 eine Untersuchung zu Intertextualität und Diskurs. Gregson Davis veröffentlichte 1997 bei Cambridge University Press eine Gesamtdarstellung. Vergleichende Arbeiten stellten ihn neben Claude McKay, Luis Palès Matos und Nicolás Guillén; andere ordneten ihn in die Entwicklung der martinikanischen Literatur neben Édouard Glissant, Patrick Chamoiseau und Raphaël Confiant ein.
Im deutschen Sprachraum vermittelte vor allem Janheinz Jahn sein Werk. Er übersetzte 1962 das Cahier unter dem Titel Zurück ins Land der Geburt; Ernstpeter Ruhe untersuchte 1990 die Zusammenarbeit der beiden am Theaterwerk. Weitere Übertragungen besorgten Monika Kind, Brigitte Weidmann und Klaus Laabs. Ruhe hat die deutschsprachige Wirkung Césaires zwischen 1950 und 2015 in einer eigenen Studie nachgezeichnet und 2017 in der Zeitschrift „Sinn und Form“ zusammengefasst. Der Essay Über den Kolonialismus erschien in mehreren deutschen Fassungen, zuletzt in einer kommentierten Neuauflage 2017; ein Gedichtband mit Texten aus sieben Jahrzehnten kam 2025 heraus. Kritisch befragt wurde sein Erbe von Randi Becker, die antisemitische Bezüge in antikolonialer und postkolonialer Theorie untersuchte.
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