1939
Cahier d’un retour au pays natal
Überblick↑
Das Langgedicht Cahier d'un retour au pays natal stammt von dem afrokaribisch-französischen Schriftsteller Aimé Césaire. Es war sein erstes poetisches Werk und erschien 1939. Auf Deutsch wurde es unter anderem als Zurück ins Land der Geburt bekannt. Césaire gehört zu den Begründern der französischen Négritude-Bewegung. Für die surrealistische, die französische und die schwarze Literatur gilt der Text als bahnbrechend und zählt zu Césaires bekanntesten Werken.
Inhalt (ohne Spoiler)↑
Erzählt wird von der Rückkehr des Dichters auf seine Heimatinsel Martinique nach einem Aufenthalt in Frankreich. In der Fassung von 1939 umfasst das Gedicht rund vierzig Seiten. Es beginnt mit einer scharfen Kritik am Kolonialismus. Ebenso hart geht der Dichter mit der Unterwürfigkeit der Schwarzen ins Gericht.
Das lyrische Ich begegnet in Frankreich Rassismus und Gewalt. Es sieht Bilder von Elend und Unterdrückung und reagiert mit Empörung und stummer Wut auf die koloniale Herrschaft und auf die Doppelmoral der Christen. Zunächst übernimmt es die abwertenden Zuschreibungen der Kolonialherren. Danach setzt eine Bewegung ein, in der sich das Ich auf sich selbst besinnt und andere Denk- und Lebensweisen in den Blick nimmt. Wohin dieser Weg führt und mit welchem Bild das Gedicht schließt, bleibt der Lektüre vorbehalten.
Die Handlung im Detail↑
Im Mittelpunkt steht die Rückkehr des Dichters nach Martinique. Der Text setzt mit einer Anklage gegen den Kolonialismus ein und richtet sich zugleich gegen die Willfährigkeit der Schwarzen selbst. Nach der Ankunft in Frankreich wird das lyrische Ich mit Rassismus und Gewalt konfrontiert, mit dem, was der Text das „Weiße Denken“ nennt. Es sieht Bilder des Elends und der Unterdrückung. Seine Reaktion ist Empörung und „stumme[…] Wut […] auf koloniale Herrschaft und christliche Doppelmoral“.
Zunächst folgt eine Phase, in der das Ich die negativen kolonialen Zuschreibungen übernimmt und annimmt. Aus dieser Annahme heraus setzt jedoch ein Prozess der Selbstbesinnung und Selbstbehauptung ein. Der Blick öffnet sich für andere mögliche Denk- und Lebensweisen. Der Dichter solidarisiert sich mit anderen Unterdrückten in der Welt. So entsteht, wie es beschrieben wurde, „eine Art Universalismus der Kolonisierten und Ausgebeuteten“.
Am Schluss steht ein Bild der Befreiung. Auf einem europäischen Schiff erhebt sich eine Gruppe schwarzer Menschen. Ihre Revolte gegen die Versklavung gelingt. Mit dem Schiff fahren sie frei davon.
In diesem Text verwendet Césaire den Begriff „Négritude“, den er 1935 in einem Essay vom 1. März in der Pariser Zeitschrift L'Etudiant Noir geprägt hatte. Das Wort wurde in der Folge zum Leitwort der von Léopold Sédar Senghor und Aimé Césaire begründeten Bewegung. Diese politische und literarische Bewegung wandte sich gegen die Exotisierung Afrikas und gegen die Unterstellung, der Kontinent habe keine eigene Kultur.
Stil↑
Verfasst ist der Text in freien Versen. Die Sprache ist reich an Metaphern. Das Französisch, das Césaire verwendet, ist von den unterschiedlichsten literarischen und sprachlichen Einflüssen durchsetzt, unter anderem von Wortbildungen aus dem kreolischen Französisch.
Das Werk entstand zwischen 1936 und 1939. Césaire begann damit während eines Ferienaufenthalts in Jugoslawien und arbeitete nach seiner Rückkehr nach Martinique weiter daran. Die erste Fassung erschien 1939 in Nummer 20 der französischen Zeitschrift Volonté. Schon 1940 kam in Havanna im Verlag Molina eine spanische Übersetzung von Lydia Cabrera heraus, mit einem Vorwort von Benjamin Péret. Dem französischen Erstdruck folgten zwei weitere Textausgaben: im Januar 1947 bei Brentano's in New York und im März desselben Jahres bei Bordas in Paris. Beide weichen in Inhalt, Form und Tendenz erheblich voneinander ab. Die Pariser Ausgabe von 1947 trägt eine Einführung von André Breton. Als letzte zu Césaires Lebzeiten erschienene Fassung gilt die Ausgabe von 1956 im Pariser Verlag Présence africaine, mit einem Vorwort von Petar Guberina.
Der französische Literaturwissenschaftler Jean-Marc Moura beschreibt die vier Textfassungen als Palimpsest, also als übereinanderliegende Schriftschichten. Sie ergänzen und unterstreichen nach seiner Beobachtung die anfängliche Aussage, schränken den ursprünglichen Sinn aber auch ein oder verdunkeln ihn, weil aktuelle Politik in ein ursprünglich überzeitlich und spirituell gedachtes Gedicht eingeschrieben und an die Dynamik der Avantgarde angeschlossen wird.
Rezeption↑
Große Wirkung hatte das Urteil André Bretons, der Césaires Text „nichts weniger als das größte lyrische Denkmal dieser Zeit“ nannte. Auf Deutsch erschien das Gedicht zuerst 1962 in der Übersetzung von Janheinz Jahn im Insel Verlag. Eine weitere Übertragung von Klaus Laabs folgte im Jahr 2000 bei Matthes & Seitz.
Das Poem wurde mehrfach für die Bühne bearbeitet und szenisch aufgeführt. Der Schauspieler und Dramaturg Jacques Martial erarbeitete eine Bühnenfassung, deren Premiere 2002 beim Festival in Avignon stattfand, mit Martial selbst als Darsteller. Im Jahr 2022 führte die Compagnie de la Comédie Noire das Stück am Pariser Théâtre de l'Epée de Bois auf, Regie führte Jean-Marc Feniou, auf der Bühne stand erneut Martial. Diese Produktion entstand in Zusammenarbeit mit der Scène Nationale de la Guadeloupe und dem Festival Ten Days on the Island im australischen Hobart.
Vom 11. bis 18. Mai 2024 strahlte France.TV das Video einer szenischen Produktion aus. Der Text war von Étienne Minoungou bearbeitet worden, der ihn auch selbst auf der Bühne darstellte. Auch die Literaturwissenschaft hat sich dem Werk wiederholt gewidmet, etwa Lilyan Kesteloot, Karin Sekora und Victor M. Hountondji.
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