1880
Bummel durch Europa
Überblick↑
Der satirische Reisebericht Bummel durch Europa von Mark Twain erschien 1880 unter dem Originaltitel A Tramp Abroad bei der American Publishing Company in Hartford, in London bei Chatto & Windus. Er schildert halb erlebt, halb erfunden eine Reise durch Deutschland, die Schweiz, Frankreich und Italien. Den Stoff lieferte die Europareise der Familie Clemens 1878/79. Oft wird das Buch als inoffizielle Fortsetzung von Twains Die Arglosen im Ausland aus dem Jahr 1869 gelesen. Im Anhang steht der Essay Die schreckliche deutsche Sprache.
Inhalt (ohne Spoiler)↑
Der Ich-Erzähler heißt Mark Twain und bricht nach Europa auf. Als Begleiter stellt er einen Mr. Harris ein, eine Art Agenten. Harris ist eine Figur des Buches, nachgebildet Twains Freund Joseph Twichell. Der Plan klingt schlicht: Europa zu Fuß durchqueren, nebenbei Malerei studieren und Deutsch lernen.
Der Erzähler tritt als der typische amerikanische Tourist jener Jahre auf. Er glaubt, alles sofort zu verstehen, was er sieht, und liegt dabei immer wieder daneben. Aus kleinen Unternehmungen werden große Abenteuer, und zwischen den Reiseetappen stehen Anekdoten und Legenden, von denen Twain manche selbst erfunden hat. Wer wissen will, wie viel vom Fußmarsch am Ende wirklich erwandert wird, muss das Buch selbst zur Hand nehmen.
Die Handlung im Detail↑
Mitte April legen die beiden auf der Holsatia ab und erreichen Hamburg. Schon dort fällt der erste Fußmarsch aus: Statt zu wandern, nehmen sie den Schnellzug nach Süden. So geht es weiter, der angekündigte Fußmarsch wird Etappe für Etappe unterlaufen. Die Reise führt über Frankfurt nach Heidelberg, auf den Neckar, nach Baden-Baden und in den Schwarzwald. Dann geht es über Luzern, Interlaken, Zermatt, Chamonix und Genf nach Mailand, Venedig und Rom. Die Wirklichkeit dahinter: Im April 1878 fuhr die Familie Clemens nach Hamburg und lebte ab Anfang Mai mehr als drei Monate in Heidelberg, im Schloss-Hotel.
Die Komik des Buches entsteht aus Übertreibungen. Am weitesten treibt Twain sie am Riffelberg bei Zermatt, auf den ein gewöhnlicher Maultierpfad führt. Der Erzähler rüstet dafür eine Expedition aus, die laut seiner Aufstellung aus „198 persons, including the mules“ besteht, also 198 Köpfen samt Maultieren.
Zum Buch gehört ein sechsteiliger Anhang. Anhang D, in der Erstausgabe ab Seite 601, ist der Essay The Awful German Language, auf Deutsch meist Die schreckliche deutsche Sprache. Twain spottet darin über den Satzbau mit seinen Einschüben und dem Verb am Satzende. Der Erfinder dieser Sprache, schreibt er, scheine Freude daran gehabt zu haben, sie auf jede erdenkliche Weise zu verkomplizieren. Über das grammatische Geschlecht heißt es: „a young lady has no sex, while a turnip has“ – eine junge Dame hat kein Geschlecht, eine Rübe schon. Vorgeführt wird das in der „Tale of the Fishwife“, der Geschichte vom Fischweib. Lange zusammengesetzte Wörter nennt Twain „alphabetical processions“, also Umzüge von Buchstaben. Ergiebig sind ihm auch die vieldeutigen Wörter „Schlag“ und „Zug“, und er macht Vorschläge für eine Reform der Sprache.
Gegen Ende lobt er die deutschen Wörter für Heim, Liebe, Natur und Ruhe: „There are German songs which can make a stranger to the language cry.“ Es gebe deutsche Lieder, die einen Fremden zum Weinen bringen könnten, der die Sprache gar nicht versteht. Die Schlusspointe rechnet vor, ein begabter Mensch lerne Englisch in 30 Stunden, Französisch in 30 Tagen und Deutsch in 30 Jahren.
Stil↑
Kennzeichnend ist die Mischung aus Bericht und Erfindung. Das Buch gibt sich als Reisebericht, ist aber nur halb dokumentarisch und bedient sich durchgehend der Satire. Twain erzählt in der Ich-Form und legt sich dabei eine Rolle zu: die des selbstgewissen Touristen, der jede Sehenswürdigkeit sogleich zu deuten weiß. Diese Rolle erlaubt ihm, den Erzähler selbst zum Gegenstand des Spotts zu machen.
Ein wichtiges Mittel ist die Übertreibung. Kleine Anlässe werden ins Gewaltige gesteigert, bis der Abstand zwischen der Sache und ihrer Schilderung selbst die Pointe ist. Dasselbe Verfahren trägt den Essay über die deutsche Sprache im Anhang. Die Erstausgabe von 1880 war reich illustriert; neben mehreren Zeichnern steuerte Twain auch eigene Bilder bei.
Rezeption↑
Der Essay aus dem Anhang wurde bekannter als das Buch und erschien in Deutschland in zahlreichen Einzelausgaben. So steht es in einer Broschüre der US-Botschaft und des DAAD von 2010. Das Werk steht in der Nachfolge von Die Arglosen im Ausland und wird häufig als dessen Fortsetzung betrachtet.
Ins Deutsche kam das Buch zunächst nur in Auszügen. Der Stuttgarter Verlag Robert Lutz brachte ausgewählte Episoden und schrieb selbst, zu einer wörtlichen und vollständigen Wiedergabe eigne sich das Buch nicht. Belegt ist das im Band Reisebilder und verschiedene Skizzen (Ausgabe von 1908, übersetzt von Marg. Jacobi, Henny Koch und L. Ottmann). Unter dem Titel Bummel durch Europa erschien 1922 bei Ullstein in Berlin eine von Ulrich Steindorff herausgegebene und übertragene Fassung. Eine neue Übersetzung von Ana Maria Brock kam 1963 im Aufbau-Verlag in Berlin heraus, 1990 auch bei Diogenes in Zürich.
Zwei Verwechslungen halten sich hartnäckig. Lutz nannte seine Übersetzung des Essays Die Schrecken der deutschen Sprache. Denselben Titel trägt Twains Rede vom 31. Oktober 1897 beim Wiener Presseclub Concordia, die ein anderer Text ist. Auch ein oft dem Essay zugeschriebener Satz steht gar nicht dort. Er handelt vom literarischen Deutschen, der auf der anderen Seite seines Atlantiks wieder auftaucht, „with his verb in his mouth“, und stammt aus A Connecticut Yankee in King Arthur's Court (1889), Kapitel XXII.
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