1835 – 1910
Mark Twain
Kurzporträt↑
Mark Twain hiess mit bürgerlichem Namen Samuel Langhorne Clemens (1835–1910). Er gilt als der grosse Erzähler des amerikanischen Südens und Westens. Er zählt zu den wichtigsten Vertretern des amerikanischen Realismus. Berühmt machten ihn die Romane um Tom Sawyer und Huckleberry Finn. In ihnen schildert er das Leben am Mississippi mit Humor, Lokalkolorit und einem genauen Blick für gesellschaftliche Verhältnisse. Hinter dem heiteren Ton steht ein scharfer Kritiker der amerikanischen Gesellschaft. Twain beschreibt den alltäglichen Rassismus. Seine Figuren durchschauen die Heuchelei und Verlogenheit der Zeit. Sein Pseudonym war ein Zuruf der Mississippi-Schiffer für „zwei Faden Wassertiefe". Es erinnert an seine Jahre als Lotse auf dem Strom, der zur Kulisse seiner berühmtesten Bücher wurde.
Biografie↑
Samuel Langhorne Clemens kam am 30. November 1835 in Florida, Missouri, zur Welt. Er war das sechste Kind von Jane Lampton Clemens und John Marshall Clemens und eine Frühgeburt. Als er vier Jahre alt war, zog die Familie in die Hafenstadt Hannibal am Mississippi. Diese Stadt prägte ihn ein Leben lang und lieferte später die Kulisse für die Abenteuer Huckleberry Finns. Die wirtschaftlichen Verhältnisse waren angespannt. 1842 musste die Familie ihre einzige Sklavin Jenny verkaufen. 1846 zog sie bei einem Apotheker ein und hielt das Haus statt Mietzahlung instand. Als Samuel elf war, starb der Vater. Der Junge trat bei der Zeitung Missouri Courier eine Lehre als Schriftsetzer an. Sein Bruder Orion kaufte später das Hannibal Journal, in dem Samuel erste Artikel unterbrachte. 1852 erschien unter dem Pseudonym „W. Epaminondas Adrastus Perkins" der Text The Dandy Frightening the Squatter.
Von 1852 an zog Clemens als wandernder Schriftsetzer durch den Osten und Mittleren Westen. Aus St. Louis, Philadelphia, New York und Washington schrieb er Reiseberichte für die Zeitung seines Bruders. In den Astor- und Lenox-Bibliotheken von New York arbeitete er an seiner Allgemeinbildung. Ab 1855 lebte er in St. Louis und liess sich zum Mississippi-Lotsen ausbilden. 1859 erhielt er die Lizenz und übte den Beruf bis 1861 aus. In St. Louis war er 1861 kurzzeitig Freimaurer in der Polar Star Lodge. Mit dem Ausbruch des Sezessionskriegs kam die Flussschifffahrt zum Erliegen. Clemens diente zwei Wochen in der Missouri State Guard auf Seiten der Konföderation. Dann quittierte er den Dienst und setzte sich mit Orion nach Westen ab.
In der jungen Siedlung Virginia City, Nevada, versuchte er sich als Goldgräber. Die Arbeit fand er aber mühsam und unergiebig. Ab 1862 schrieb er als Reporter für den Territorial Enterprise. Er berichtete aus den Saloons und trug mit ausgeschmückten Reportagen zum Mythos des „Wilden Westens" bei. 1863 musste er die Stadt nach einem Streit fluchtartig verlassen. Am 3. Februar 1863 verwendete er zum ersten Mal das Pseudonym „Mark Twain" – ein Lotsenruf für „zwei Faden Wassertiefe". Den Namen hatte zuvor der Lotse Isaiah Sellers in Zeitungen geführt. Clemens parodierte dessen Geschichten unter demselben Pseudonym so erfolgreich, dass Sellers bis zu seinem Tod 1864 nichts mehr veröffentlichte. Clemens behielt den Namen bei.
Ab 1864 lebte Twain in San Francisco und arbeitete unter anderem für den San Francisco Dramatic Chronicle. Diese Zeit war eine Krise. Er hatte sich noch immer nicht auf einen Beruf festgelegt, trug hohe Schulden und trank viel. In einem Brief an seinen Bruder äusserte er Suizidgedanken. 1866 reiste er ins Königreich Hawaiʻi. Seine ersten Geschichten erschienen 1864/65 in Charles Henry Webbs Wochenzeitschrift The Californian. Die 1865 entstandene Erzählung The Celebrated Jumping Frog of Calaveras County brachte ihm erstmals nationale Aufmerksamkeit. Bald konnte er von Vorträgen und Beiträgen für New Yorker Zeitschriften leben. Sein erstes Reisebuch The Innocents Abroad (1869) ging auf eine fünfeinhalbmonatige Schiffsreise nach Europa und in den Nahen Osten zurück. 1880 folgte A Tramp Abroad mit dem berühmten Anhang The Awful German Language. Den dreimonatigen Aufenthalt in Heidelberg schilderte er besonders begeistert.
1870 heiratete Twain Olivia Langdon (1845–1904). Sie war nach einem Sturz auf dem Eis lange teilweise gelähmt und erholte sich unter seiner Pflege. Aus der Ehe gingen vier Kinder hervor: Langdon (gestorben 1872), Susy (1872), Clara (1874) und Jean (1880). 1871 liess sich die Familie in Hartford, Connecticut nieder. Dort lebte Twain 17 Jahre lang als erfolgreicher Autor, in unmittelbarer Nachbarschaft zu Harriet Beecher Stowe, die seine Ablehnung der Sklaverei bestärkte. In diese Jahre fallen seine berühmtesten Bücher: Roughing It (1872), The Adventures of Tom Sawyer (1876), Life on the Mississippi (1883) und The Adventures of Huckleberry Finn (1884). 1874 kaufte er eine Remington-Schreibmaschine. Mit Life on the Mississippi lieferte er als erster Autor seinem Verlag ein maschinengeschriebenes Manuskript ab.
Als Geschäftsmann war Twain seit 1869 tätig. Zunächst hielt er eine Beteiligung am Buffalo Express, später war er vor allem Teilhaber des Verlags Charles L. Webster & Co. Dieser Verlag machte mit der Autobiografie des Bürgerkriegsgenerals und späteren Präsidenten Ulysses S. Grant grosse Gewinne. Vom Dresdner Zahnarzt Newell Sill Jenkins erwarb er die amerikanischen Rechte am „Jenkins Porcelain Enamel". 1894 trieb ihn die Investition in die fehlerhafte Setzmaschine Paige Compositor in den Konkurs. Um die Schulden zu tilgen, begann er eine weltweite Vortragsreise. Finanziell beriet ihn Henry Huttleston Rogers, Vizepräsident von Standard Oil.
1891 ging Twain für neun Jahre nach Europa. Anfangs lebte er in Berlin, das er ein „leuchtendes Zentrum der Intelligenz" nannte. Später schickte er seine Töchter dorthin zum Studium. Anfang August 1891 besuchte er die Bayreuther Festspiele und sah Parsifal und Tannhäuser. Über Wagner liess er den berühmten Spott vom Auslassen der Gesangsstimmen los. Von September 1897 bis Mai 1899 lebte er in Wien, weil seine Tochter Clara bei Theodor Leschetizky Klavier studieren wollte. Er wohnte im Hotel Métropole und im Hotel Krantz. In seinem Essay Stirring Times in Austria schilderte er das von Antisemitismus geprägte Klima im Wien Karl Luegers. Den Sommer 1898 verbrachte er als Sommersitz in Kaltenleutgeben, wo er wichtige Teile seiner Autobiografie schrieb. Auch in Bad Ischl hielt er sich auf. Vor seiner Abreise empfing ihn Kaiser Franz Joseph I. zur Audienz.
Während der Vortragsreise starb 1896 seine Tochter Susy an Meningitis. In den folgenden Jahren verlor er auch seine Frau Olivia und seine jüngste Tochter Jean. In den späten Werken verarbeitete er diese Schicksalsschläge zunehmend mit Ironie und Sarkasmus, in seiner Autobiografie mit grosser Würde. Am 21. April 1910 starb Mark Twain 74-jährig in Redding, Connecticut, als gefeierte Persönlichkeit. Von seinen Kindern überlebte ihn nur Clara (1874–1962).
Literarische Merkmale↑
Twain gilt als Vertreter des amerikanischen Realismus. Seine Erzählungen leben vom Humor, vom Lokalkolorit und von einer genauen Beobachtung sozialen Verhaltens. Die Sprache seiner Bücher ist von den Dialekten und Redeweisen des amerikanischen Südens und Westens geprägt. Die Schauplätze sind die Hafenstädte am Mississippi, die Saloons der Goldgräber und die Weiten des Westens, später Europa und der Nahe Osten. Aus diesem Material formt er Geschichten, in denen das Komische und das Gesellschaftskritische untrennbar verbunden sind. Seine Figuren Tom Sawyer und Huckleberry Finn durchschauen die Heuchelei und Verlogenheit der herrschenden Verhältnisse. Der alltägliche Rassismus wird nicht beschönigt, sondern offen benannt.
Zur Wirkung gehört auch die mündliche Pointe. Twain begann seine Karriere in Zeitungen und am Rednerpult. Er verdiente seinen Lebensunterhalt zeitweise durch Vorträge, und seine Texte tragen die Spuren dieser Praxis – sie sind oft erzählt, nicht doziert. Der humoristische Aufsatz The Awful German Language steht im Anhang von A Tramp Abroad. Er zeigt, wie Twain die Eigenheiten und Schwierigkeiten einer fremden Sprache in eine komische Form bringt, ohne den Ernst der Beobachtung zu verlieren. In den späten Jahren verschiebt sich der Ton, nach dem Tod seiner Frau und zweier Töchter und nach dem Konkurs. Ironie und Sarkasmus treten stärker hervor. Die Autobiografie ist laut den Beobachtungen seiner Biografen mit grosser Würde geschrieben.
Rezeption↑
Schon zu Lebzeiten war Twain eine gefeierte Persönlichkeit. Die Erzählung The Celebrated Jumping Frog of Calaveras County (1865) brachte ihm erstmals nationale Aufmerksamkeit. Das Reisebuch The Innocents Abroad (1869) folgte mit grossem Publikumserfolg. Mit Tom Sawyer (1876) und vor allem Huckleberry Finn (1884) wurde er zum Welterfolg. Seine Vortragstourneen führten ihn nach Europa, Asien und in den Nahen Osten. Auch jenseits der Literatur hinterliess er Spuren. In Berlin galt er als prominenter Gast, in Wien wurde er von Kaiser Franz Joseph I. zur Audienz empfangen.
Die deutschsprachige Aufnahme spiegelt sich in der ungewöhnlich breiten Liste von Namensformen, die die Deutsche Biographie für ihn verzeichnet. Sie reicht von „Twain, Marc" und „Twen, Mark" über zahlreiche slawische, hebräische und ostasiatische Umschriften bis zu „马克·吐温" und „トウェイン, マーク". Sie zeigt, wie weit sein Werk übersetzt und gelesen wurde. Sein ehemaliges Wohnhaus in Hartford ist heute als Mark Twain House ein Erinnerungsort. Auch Bayreuth, Heidelberg, Wien und Kaltenleutgeben gehören zu den europäischen Orten, an denen seine Aufenthalte dokumentiert sind. Im Wiener Stadtgedächtnis ist er bis heute präsent. Die Personenliste des Wien Geschichte Wiki führt ihn unter den verzeichneten Persönlichkeiten.
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