1901
Buddenbrooks
Überblick↑
Buddenbrooks. Verfall einer Familie erschien 1901 im S. Fischer Verlag. Es ist der erste große Roman Thomas Manns. Er gilt als der erste deutschsprachige Gesellschaftsroman von Weltgeltung. Erzählt wird der allmähliche Niedergang einer wohlhabenden Lübecker Kaufmannsfamilie über vier Generationen hinweg, zwischen 1835 und 1877. Der Roman zeichnet das Selbstverständnis und die Lebensform des hanseatischen Großbürgertums in dieser Zeit. Stoffliche Grundlage war Thomas Manns eigene Familiengeschichte. Schauplatz ist seine Heimatstadt Lübeck. Deren Name wird im Buch nie ausdrücklich genannt, doch viele ihrer Bürger standen erkennbar Modell. Für dieses Werk erhielt Thomas Mann 1929 den Nobelpreis für Literatur.
Inhalt (ohne Spoiler)↑
Im Oktober 1835 lädt die Familie Buddenbrook zur Einweihung ihres neuen, repräsentativen Hauses in der Lübecker Mengstraße. Beim festlichen Mittagsmahl lernt der Leser drei Generationen kennen: das tatkräftige Familienoberhaupt Johann Buddenbrook den Älteren, seinen ebenso geschäftstüchtigen, aber pietistisch frommen Sohn Jean und dessen Kinder Antonie, genannt Tony, Thomas und Christian. Die Firma ist eine alteingesessene Getreidegroßhandlung und Mittelpunkt allen Denkens und Handelns. Ihr Wohlergehen geht jeder persönlichen Neigung vor.
In der Stadt wachsen unterdessen neue Konkurrenten heran, allen voran die aufstrebende Familie Hagenström. Schon die Kinder rivalisieren mit ihr. Tony, die lebhafteste der Geschwister, soll standesgemäß verheiratet werden. Thomas wird früh in das Geschäft genommen und zur kaufmännischen Ausbildung in die Welt geschickt. Der jüngere Christian fällt durch leichtsinnige Auftritte aus dem Rahmen.
Über mehrere Generationen begleitet der Roman die Buddenbrooks bei Hochzeiten, Geschäften, Familienfesten und Schicksalsschlägen. Im Hintergrund verändert sich die Welt: Die Stadt wird größer, der Handel rauer, neue Familien drängen nach oben. Die Buddenbrooks verbinden Geschäft und Lebensführung in einer alten Form. Diese Form gerät zunehmend unter Druck. Wer das Buch zum ersten Mal liest, folgt einer breit angelegten Chronik. In ihr ringt jede Generation auf eigene Weise mit dem Erbe.
Die Handlung im Detail↑
An einem Donnerstag im Oktober 1835 versammeln die Buddenbrooks Verwandte, Bekannte und Geschäftsfreunde zu einem feierlichen Mittagsmahl in ihrem neu erworbenen Haus in der Mengstraße. Das Anwesen, schon 1682 errichtet, hatten sie für 100.000 Kurantmark von der in Konkurs gegangenen Familie Ratenkamp übernommen. Bei diesem Festmahl mit Kräutersuppe, panierte Schinken, Plettenpudding und altem Malvasier werden die Hauptfiguren eingeführt: Johann Buddenbrook der Ältere, Inhaber der 1768 gegründeten Getreidegroßhandlung; seine Frau Antoinette; ihr Sohn Jean, der als Teilhaber im Geschäft mitwirkt, fromm und doch geschäftstüchtig; dessen Frau Elisabeth, genannt Bethsy; und ihre Kinder Tony, Thomas und Christian.
Eine Nebenhandlung führt Gotthold ein, Johanns Sohn aus erster Ehe. Er war wegen einer unstandesgemäßen Ehe mit einer Mamsell Stüwing verstoßen worden, weil er nicht in eine Firma, sondern in einen bloßen „Laden" eingeheiratet hatte. Nach dem Essen rät Jean dem Vater, Gottholds Erbforderung zurückzuweisen, damit das Firmenvermögen ungeschmälert bleibe.
Im zweiten Teil führt Jean die Familienchronik fort und hält am 14. April 1838 die Geburt seiner Tochter Clara fest. Beim Zurückblättern denkt er daran, dass seine eigene Ehe keine Liebesheirat gewesen war, sondern eine vom Vater angeregte Verbindung mit der reichen Krögertochter, die der Firma eine stattliche Mitgift zuführte. In der Stadt etabliert sich die Familie Hagenström: Der Vater ist Mitinhaber der Exportfirma Strunck & Hagenström und hat in eine reiche jüdische Frankfurter Familie eingeheiratet. Schon die Kinder rivalisieren. Als der kleine Hermann Hagenström auf dem Schulweg von Tony einen Kuss im Tausch gegen sein Frühstück verlangt, gerät sie mit seiner Schwester in eine Rauferei; die kindliche Kameradschaft endet damit.
1842 stirbt nach kurzer Krankheit Madame Antoinette; wenig später folgt ihr Johann der Ältere in einem sanften Tod. Jean wird alleiniger Inhaber der Firma. Trotz der für Gotthold ungünstigen Bestimmungen des Testaments, an denen Jean festhält, beginnt eine zaghafte Versöhnung zwischen den Halbbrüdern. Nach Ostern 1842 tritt der sechzehnjährige Thomas mit Hingabe und stillem Fleiß als Lehrling in die Firma ein. In einer nächtlichen Unterredung gesteht Jean seiner Frau, dass nach Auszahlung der Erbansprüche das Vermögen geringer ist, als es nach außen scheint. Christian erregt unterdessen den Unmut des Vaters, als er als Vierzehnjähriger einer Schauspielerin am Stadttheater einen Blumenstrauß überbringt, ausgerechnet im Beisein ihres bekannten Liebhabers. Tony wiederum wird wegen ihres Hangs zu Eitelkeit und eines Briefwechsels mit einem Gymnasiasten in das Pensionat der buckligen Therese, genannt Sesemi, Weichbrodt geschickt, wo sie mit ihren Freundinnen Armgard von Schilling und Gerda Arnoldsen eine glückliche Jugend verlebt.
Im dritten Teil hält der Hamburger Kaufmann Bendix Grünlich um die Hand der achtzehnjährigen Tony an. Sie ist entsetzt und bricht in Tränen aus. Die Mutter redet ihr zu, eine solche „gute Partie" sei Pflicht und Bestimmung; der Vater erinnert nach Einsicht in Grünlichs Bücher daran, dass die Geschäfte seit dem Tod des Großvaters allzu ruhig gehen. Tony, deprimiert und abgemagert, wird zur Erholung an die Ostsee nach Travemünde geschickt, ins Haus des Lotsenkommandanten Schwarzkopf. Dort verliebt sie sich in dessen Sohn Morten, einen Medizinstudenten. Bei einem Spaziergang zum Mövenstein versprechen sich die beiden, auf sein Doktorexamen zu warten. Tony schreibt dem Vater offen davon. Der antwortet, Grünlich drohe mit Selbstmord, und beschwört Tonys Pflichtgefühl gegenüber Familie und Firma. Grünlich reist nach Travemünde, gibt sich gegenüber dem Lotsenkommandanten als so gut wie Verlobter aus und beruft sich auf „ältere Rechte"; der biedere Vater rüffelt seinen Sohn, und das Versprechen zwischen Tony und Morten ist beendet.
Tony unterwirft sich der Familienräson. Stolz trägt sie ihre Verlobung mit Grünlich selbst in die Familienchronik ein, in der Überzeugung, der Familie zu dienen. Grünlich erhält eine Mitgift von 80.000 Mark; Anfang 1846 wird geheiratet. Thomas bricht nach Amsterdam auf, um seine kaufmännischen Kenntnisse zu erweitern. Vorher trennt er sich von seiner heimlichen Geliebten, der schönen, aber armen Blumenverkäuferin Anna, mit der ausdrücklichen Begründung, er werde später die Firma übernehmen und müsse standesgemäß heiraten.
Im vierten Teil bringt Tony am 8. Oktober 1846 ihre Tochter Erika zur Welt. Grünlich hat außerhalb Hamburgs eine Villa gekauft und fährt morgens mit dem gelben Wagen in die Stadt. Bald darauf verliert Jean Buddenbrook durch den Bankrott eines Geschäftspartners in Bremen 80.000 Mark auf einen Schlag und bekommt in Lübeck Kälte und Misstrauen von Banken und Geschäftsfreunden zu spüren. Zugleich wird Grünlich zahlungsunfähig. Jean reist nach Hamburg und klärt Tony über die Lage ihres Mannes auf. Aus Pflichtgefühl ist sie bereit, Grünlich in die Armut zu folgen. Erst jetzt entschuldigt sich der Vater, sie damals zur Ehe gedrängt zu haben; unter Tränen gesteht Tony, Grünlich sei ihr immer widerlich gewesen. Um der Firma kein weiteres Geld zu entziehen, beschließen sie, dass Tony Grünlich verlässt und sich scheiden lässt, weil dieser nicht in der Lage ist, für Frau und Kind zu sorgen. Im Beisein des bösartig-mephistophelischen Bankiers Kesselmeyer prüft Jean ein letztes Mal die Bücher seines Schwiegersohnes.
Stil↑
Buddenbrooks ist in elf Teile mit jeweils unterschiedlich vielen Kapiteln gegliedert. Der Roman überspannt einen Zeitraum von rund vier Jahrzehnten. Thomas Mann erzählt mit großer Ruhe und Genauigkeit. Er breitet ausführliche Szenen aus. Den gesellschaftlichen Konventionen, Mahlzeiten und Geschäften gibt er denselben erzählerischen Raum wie den inneren Vorgängen seiner Figuren. Schon die Einweihungsszene des ersten Teils zeigt, wie sehr er auf sinnliche Detailgenauigkeit setzt: das schwere Silberbesteck, die Meißner Teller mit Goldrand, das Menü vom panierten Schinken bis zum Plettenpudding. Diese Dinge sind nicht Beiwerk, sondern Mittel der gesellschaftlichen Charakterisierung. Eingestreute lübisch-norddeutsche Wendungen und Standesausdrücke verleihen dem Ton ortsspezifische Färbung. Lübeck selbst wird dabei nie beim Namen genannt.
Sprachlich verbindet der Roman bürgerlich-getragenen Ernst mit feiner, manchmal sanft ironischer Distanz. Briefe, Eintragungen in die Familienchronik und ausführliche Dialoge wechseln mit erzählerischen Rückblenden ab. Die Familienchronik selbst dient als wiederkehrendes Strukturelement und hält die Generationenfolge sichtbar. Über lange Strecken werden Figuren durch wiederkehrende Eigenheiten, Redensarten und Gesten kenntlich gemacht. So bleiben sie über Hunderte von Seiten hinweg präsent.
Rezeption↑
Mit Buddenbrooks gelang Thomas Mann im Alter von Mitte zwanzig der literarische Durchbruch. Der Roman wurde zum Welterfolg. Er gilt heute als der erste deutschsprachige Gesellschaftsroman von Weltgeltung. 1929 erhielt Thomas Mann für dieses Werk den Nobelpreis für Literatur. Spätere Zusammenstellungen wie die ZEIT-Bibliothek der 100 Bücher haben den Roman als festen Bestandteil des Kanons bestätigt.
Auch die Wirkung über die Literatur hinaus ist beträchtlich. Der Stoff wurde mehrfach für Film und Fernsehen bearbeitet: 1923 von Gerhard Lamprecht als Stummfilm, 1959 in einer zweiteiligen Verfilmung unter der Regie von Alfred Weidenmann, 1979 als Fernsehserie von Franz Peter Wirth und 2008 in der aufwendigen Kinoverfilmung von Heinrich Breloer. In Lübeck steht bis heute das Buddenbrookhaus in der Mengstraße. Es ist ein Anziehungspunkt für Leser aus aller Welt. Die Stadt wird im Roman nirgends namentlich genannt und ist doch unverkennbar seine Kulisse.
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