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MEISTERWERKE DER WORTE
Das Lexikon der klassischen Literatur
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Werkseintrag · Lotte in Weimar
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Cover Lotte in Weimar
Lotte in Weimar
1939
– Werkseintrag –

Lotte in Weimar

1939 · Roman

Eine alte Frau reist nach Weimar, um den Dichter wiederzusehen, der sie einst unsterblich machte – und für den sie nie mehr war als ein Vorbild für seine Kunst.

Überblick

Der Roman Lotte in Weimar von Thomas Mann erschien 1939. Er verbindet historische Wirklichkeit und Erfindung zu einer feinsinnigen Auseinandersetzung mit Johann Wolfgang Goethe. Erzählt wird die Weimar-Reise der Charlotte Kestner im Jahr 1816. Sie hatte 44 Jahre zuvor den jungen Dichter zu seinem Erfolgsroman Die Leiden des jungen Werthers angeregt und war als „Lotte" zum weiblichen Idol der Sturm-und-Drang-Zeit geworden. Nun, als alte Frau, will sie ihren inzwischen weltberühmt gewordenen einstigen Verehrer wiedersehen. Das Werk umkreist die Frage, was es bedeutet, der Stoff für die Kunst eines großen Mannes gewesen zu sein.

Inhalt (ohne Spoiler)

Am frühen Morgen des 22. September 1816 trifft die Hofrätin Charlotte Kestner mit ihrer Tochter und ihrer Zofe in Weimar ein. Sie steigt im ersten Haus am Platze ab, dem Gasthof „Zum Elephanten". Offizieller Anlass der Reise ist der Besuch ihrer Schwester. Doch in Wahrheit treibt sie etwas anderes nach Weimar: Sie ist das „Urbild" jener Lotte aus dem Werther, einem der erfolgreichsten Romane der Sturm-und-Drang-Epoche, und sie möchte den alten Freund, den Dichter Goethe, nach Jahrzehnten wiedersehen.

Kaum angekommen, hat sich ihre Anwesenheit in der kleinen Residenzstadt herumgesprochen. Eine Reihe von Besuchern gibt sich die Klinke in die Hand und will die berühmte Werther-Lotte sehen. Da ist der Kellner Mager, ein redseliger Goethe-Verehrer, der sie mit Zitaten aufhält. Eine junge irische Zeichnerin drängt sich in ihr Zimmer, um sie zu porträtieren. Dann kommen Menschen aus Goethes nächster Umgebung: Riemer, die junge Adele Schopenhauer, schließlich Goethes Sohn August. Sie alle benutzen Charlotte als Gegenüber, um über ihr zwiespältiges Verhältnis zu dem großen Mann zu sprechen – ein Verhältnis aus Bewunderung und Abhängigkeit zugleich.

Während sie wartet und zuhört, denkt Charlotte an das alte Dreiecksverhältnis zwischen ihr, dem stürmischen jungen Dichter und ihrem soliden Verlobten Johann Christian Kestner zurück. Erst spät, im letzten Drittel des Romans, tritt der gealterte Goethe selbst auf und lädt sie zum Mittagessen ein.

Die Handlung im Detail

Charlotte Kestner kommt am 22. September 1816 kurz nach acht Uhr mit der Postkutsche in Weimar an und logiert im Gasthof „Zum Elephanten". Noch bevor sie ihre Schwester Amalie Ridel besucht, teilt sie dem „verehrten Freund" Goethe in einem kurzen Brief ihre Ankunft mit. Während sie sich von den Reisestrapazen ausruht, denkt sie an die Vergangenheit zurück: an den jungen Dichter, „den tollen Jungen", der sie „von Herzen geküsst" hatte, „halb Wirbelwind, halb Melancholicus", und an ihre Entscheidung für den braven Hans Christian Kestner.

Die Hofrätin trägt seit vierundvierzig Jahren eine „alte, unbeglichene, quälende Rechnung" mit sich herum. Sie hat nie verstanden, was der junge Goethe damals von ihr wollte – sie nennt es seine „Genügsamkeit", die „Genügsamkeit mit Schattenbildern". Er habe, gekränkt formuliert sie es später, in „ein gemachtes Nest" das „Kuckucksei seines Gefühls gelegt", sei verliebt gewesen in ihre Verlobtheit, ohne selbst Heiratsabsichten zu haben. Sie nennt das „Schmarutzertum". Trotz eines zufriedenen Familienlebens hat sie die Gedanken an ein anderes mögliches Leben nie ganz verdrängen können und Erinnerungsstücke aufbewahrt. Dem alten Freund will sie in einem weißen Kleid mit roten Schleifen entgegentreten, geschneidert nach dem alten Muster, und ist neugierig, wie er auf diesen „Scherz" reagieren wird.

In den ersten Kapiteln stellen sich nacheinander die Besucher ein. Der Kellner Mager, ein literarischer Enthusiast, zitiert ständig aus den Werken des Meisters und hält Charlotte mit seinem Übereifer auf; ihm gilt der erste wie der letzte Satz des Romans. Sein leitmotivisch wiederkehrendes Wort lautet „buchenswert". Er kann, wie viele Leser, nicht zwischen Dichtung und Wirklichkeit unterscheiden. Danach drängt sich Miss Rose Cuzzle, eine junge irische Zeichnerin, in ihr Zimmer und fertigt eine Skizze an.

Es folgt der Philologe Doktor Riemer, einst Hauslehrer von Goethes Sohn August. Er ist dem Dichterfürsten in „lebenslanger Hörigkeit" verfallen und hat sogar eine Berufung an die Universität Rostock ausgeschlagen, um in Weimar bleiben zu können. Er beklagt seine Rolle als bloßer Zuarbeiter und Ghostwriter, nimmt seine Vorwürfe aber auf Nachfrage sogleich zurück und betont die Ehre, mit dem Meister arbeiten zu dürfen. Er hält sich und Charlotte für „Complizen in der Qual", spricht von einem „göttlichen Schmarutzertum" und schwankt unablässig zwischen Gefühlen der Benachteiligung und der Bevorzugung. Über Goethes „nihilistischen Gleichmut" gerät er immer mehr in Verwirrung, bis er bleich und schweißbedeckt abbricht.

Auch Adele Schopenhauer, die neunzehnjährige Tochter der Schriftstellerin Johanna Schopenhauer, schildert ein zwiespältiges Bild. Sie verehrt den Meister, sieht aber auch seine Tyrannei und Unduldsamkeit gegenüber abweichenden Meinungen. Vor ihm verheimlicht sie den weiblichen Musenverein um die Hofdame Caroline von Egloffstein, weil man sich dort für die neue romantische Literatur begeistert. Sie fürchtet Goethes Spott über dichtende Frauen und berichtet zudem von seiner politischen Haltung, seiner Bewunderung für Napoleon. Ausführlich erzählt sie die Geschichte ihrer patriotisch gesinnten Freundin Ottilie von Pogwisch und deren Verlobten August von Goethe vor dem Hintergrund der napoleonischen Kriege und der Freiheitskämpfe. Auch August von Goethe selbst sucht Charlotte auf.

Der Geheime Rat Goethe tritt erst im letzten Romandrittel auf. In einem ausgedehnten inneren Monolog des siebten Kapitels entfaltet sich seine Gedankenwelt. Er lädt Charlotte zum Mittagessen ein, wo sie einem freundlich-distanzierten Gastgeber begegnet, der die Zeit seiner Jugendliebe längst in einem ständigen Wandlungsprozess verarbeitet hat. Zu einer wirklich persönlichen Aussprache zwischen den beiden kommt es erst ganz am Schluss, bei einer surrealistisch-traumhaften Begegnung in Goethes Kutsche. Der Roman endet, wie er begonnen hat, mit dem Kellner Mager, der Charlotte mit den Worten empfängt, „Werthers Lotte aus Goethes Wagen zu helfen, das ist ein Erlebnis" – „es ist buchenswert".

Stil

Auffällig ist der Aufbau des Romans: Der Titelheld Goethe selbst tritt lange gar nicht in Erscheinung. In den ersten sechs Kapiteln wird seine Gestalt allein durch die Berichte und Bekenntnisse der Besucher umkreist, die jeweils ihr eigenes, oft widersprüchliches Bild von ihm zeichnen. So entsteht ein vielstimmiges Porträt, bevor der Dichter im siebten Kapitel endlich selbst zu Wort kommt. Dieser lange innere Monolog Goethes bildet den künstlerischen Höhepunkt: Hier mischt sich, wie Thomas Mann es später selbst beschrieb, „das Authentische und Belegbare ununterscheidbar mit dem Apokryphen", also Echtes mit sprachlich und geistig angepasster Erfindung.

Mann arbeitet mit feiner Ironie und mit wiederkehrenden Leitmotiven, etwa dem Wort „buchenswert" des Kellners Mager. Die Sprache der Figuren ist kunstvoll abgestuft: Riemer spricht in „gut gesetzten Worten und gehobener Diktion", andere Stimmen klingen anders. Der erste und der letzte Satz des Romans gelten beide derselben Nebenfigur und schließen das Werk zu einem Kreis. Das Buch verbindet historische Genauigkeit mit erfundenen Gesprächen und Reflexionen und bewegt sich damit bewusst im Grenzbereich zwischen Wirklichkeit und Fiktion.

Rezeption

Wie alle Werke Thomas Manns war auch dieser Roman in Deutschland bis zum Ende der nationalsozialistischen Herrschaft verboten. Schon während des Krieges kursierten einzelne aus der Schweiz eingeschmuggelte Exemplare. Gegner des Regimes zogen aus dem großen Monolog des siebten Kapitels einzelne unheilprophetische Sätze heraus und verbreiteten sie als Flugblatt unter dem Tarntitel „Aus Goethes Gesprächen mit Riemer".

Besondere Aufmerksamkeit erfuhr das Werk 1946 im Zusammenhang mit dem Nürnberger Prozess gegen die Hauptkriegsverbrecher. Der britische Hauptankläger Sir Hartley Shawcross gab in seinem Schlussplädoyer am 27. Juli 1946 unwissentlich Passagen aus dem Roman als echte Goethe-Zitate aus. Eine Woche später wurde bekannt, dass die Worte in Wahrheit dem Goethe-Monolog aus Lotte in Weimar entstammten. Die Londoner Times wies auf den Irrtum hin; auch die Süddeutsche Zeitung befasste sich mit der Angelegenheit. Thomas Mann schrieb später in seiner Schrift über die Entstehung des Doktor Faustus, die Meldung habe in Londoner offiziellen Kreisen „gelinde Verlegenheit" geschaffen. Auf eine briefliche Bitte um Aufklärung räumte er den Irrtum ein, verbürgte sich aber dafür, dass Goethe das, was der Ankläger ihm in den Mund gelegt habe, „sehr wohl hätte sagen können" – und in einem höheren Sinn habe Sir Hartley „also doch richtig zitiert". Zugleich nannte er den Vorfall ein „peinliches Vorkommen".

In den 1960er Jahren entzündete sich eine ähnliche Debatte an dem Satz des Roman-Goethe: „Ich habe nie von einem Verbrechen gehört, das ich nicht hätte begehen können." Kritiker warfen Thomas Mann vor, Goethe „in antideutschem Sinn" gefälscht zu haben; in einem Goethe-Jahrbuch wurde 1966 von einem „unwürdigen Attentat auf die geistige und sittliche Gestalt Goethes" gesprochen. Der Stoff wurde 1975 unter der Regie von Egon Günther verfilmt.

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