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Werkseintrag · Die Betrogene
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Die Betrogene
1953
– Werkseintrag –

Die Betrogene

1953 · Erzählung

Eine verwitwete Düsseldorferin in den Wechseljahren verliebt sich in den jungen amerikanischen Englischlehrer ihres Sohnes und deutet jedes Zeichen ihres Körpers als Wunder einer späten Jugend – Thomas Manns letzte abgeschlossene Erzählung.

Überblick

Die letzte abgeschlossene Erzählung Thomas Manns entstand 1952/53. Sie erschien zuerst in der Zeitschrift Merkur, im selben Jahr auch als Buch bei S. Fischer. Im Mittelpunkt steht eine Witwe in den Wechseljahren. Sie verliebt sich in einen sehr viel jüngeren Mann und hält die scheinbare Rückkehr ihrer Jugend für ein Wunder. Wie alle späten Texte Manns ist auch dieser parodistisch gestimmt. Der Autor selbst sagte, im Stilistischen kenne er „eigentlich nur noch die Parodie". Erich Heller meinte dazu, man habe den Eindruck, „daß Felix Krull das Buch schrieb, während ihm Thomas Mann dabei über die Schulter blickte". 1958 wurde der Text in die Stockholmer Gesamtausgabe aufgenommen.

Inhalt (ohne Spoiler)

Rosalie von Tümmler ist seit langem Witwe. Sie lebt mit ihrer fast dreißigjährigen Tochter Anna und ihrem Sohn Eduard in Düsseldorf. Die Erzählung spielt in den 1920er Jahren. Anna ist Malerin und wegen eines Klumpfußes unverheiratet geblieben. Sie ist kühl und rational und der modernen abstrakten Kunst zugeneigt. Die Mutter dagegen ist eine leidenschaftliche Naturschwärmerin und vertraut auf ihren weiblichen Instinkt. Sie leidet darunter, dass die Wechseljahre sie aus dem natürlichen Kreislauf ausscheiden. Sie kommt sich vor wie eine „vertrocknete Hülle".

In diese Lebensphase tritt Ken Keaton, ein junger Amerikaner. Er ist einst im Ersten Weltkrieg nach Europa gekommen und geblieben. Eduard hat ihn als Englischlehrer engagiert. Rosalie fasst zu dem sportlichen jungen Mann rasch eine mehr als mütterliche Zuneigung. Anna und Eduard bemerken es bald. Vorsichtige Versuche, die Bekanntschaft zu beenden, wehrt die Mutter ab. Sie spricht mit Anna offen über ihre Liebe. Die besorgte Tochter sucht nach Wegen, die Lage zu entschärfen, weil Ken vom Alter her Rosalies Sohn sein könnte.

Als Ken einen Ausflug zum Rokokoschloss Holterhof am Rhein vorschlägt, willigt Rosalie begeistert ein. Die Fahrt geht zu Wasser, dann in den Park des Schlosses, zu den Schwarzschwänen am Teich und schließlich in das Innere des Schlosses. Dort kommt es zu einer Annäherung. Sie bestärkt Rosalies Gefühl für ihr Recht auf späte Liebe und führt die Erzählung zugleich auf einen Wendepunkt zu.

Die Handlung im Detail

Rosalie von Tümmler lebt in Düsseldorf mit ihren beiden Kindern. Zu Eduard, der sich aufs Abitur vorbereitet, ist ihr Verhältnis eher oberflächlich; mit Anna, der Tochter, verbindet sie eine tiefe Bindung. Anna hat Malerei studiert, ist wegen ihres Klumpfußes unverheiratet geblieben und gibt sich kühl und rational. In ihrer Kunst hat sie sich, dem Geschmack der 1920er Jahre entsprechend, dem abstrakten, asketischen Gestalten verschrieben. Rosalie bedauert die Einsamkeit der Tochter, genießt aber die ständige Gesprächspartnerin, auch wenn beider Ansichten häufig auseinandergehen. Sie selbst ist eine leidenschaftliche Naturschwärmerin und nennt die Menstruation einen „ehrwürdigen" weiblichen „Lebensakt". Über Annas monatliche Schmerzen versteigt sie sich sogar zu einer gewagten These, über die die Tochter nur lachen kann.

Rosalie kommt nicht zufällig auf das Thema: Ihre eigene Blutung ist in letzter Zeit unregelmäßig geworden und seit zwei Monaten ganz ausgeblieben. Sie empfindet sich als „vertrocknete Hülle", von der Natur „ausgeschieden", als „bloßes Gerümpel" – die seelische Anpassung an die neue Körperverfassung will ihr nicht gelingen.

In diese Stimmung hinein tritt Ken Keaton, ein junger, sportlicher Amerikaner, der im Ersten Weltkrieg nach Europa gekommen und geblieben ist. Eduard hat ihn als Englischlehrer engagiert, weil er für seinen weiteren Lebensweg Englischkenntnisse braucht. Rosalie fasst zu Ken schnell eine mehr als mütterliche Zuneigung. Bald bemerken es nicht nur Anna, sondern auch Eduard. Peinlich berührt schlägt Eduard der Mutter vor, auf Keatons Dienste zu verzichten, ohne den wahren Grund zu nennen – eine Grundlage im Englischen habe er ja gewonnen. Rosalie lehnt ab. Kurz darauf spricht sie sich mit Anna offen aus. Anna ist unglücklich über die Qualen der Mutter und über die unhaltbare Lage, denn Ken könnte vom Alter her ihr Sohn sein. Sie macht diplomatische Vorschläge, wie sich Kens Einfluss verringern ließe, doch Rosalie will davon nichts wissen.

Plötzlich tritt die Periode wieder ein. Rosalie fühlt sich verjüngt und in ihrem Recht bestätigt, den jungen Mann lieben zu dürfen. Sie deutet es als Folge des Einflusses der Seele auf den Körper. Anna bleibt skeptisch, weil sich an den äußeren Tatsachen nichts ändert und die Mutter körperlich eher geschwächt wirkt.

Ken, der ein großes Interesse am „alten Europa" zeigt und seinem eigenen Vaterland „seinen Mangel an historischer Atmosphäre" vorwirft, regt einen gemeinsamen Ausflug zum Rokokoschloss Holterhof am Rhein an. Rosalie ist sofort voller Tatendrang. Am folgenden Sonntag fährt man zu Wasser hin. Im herrschaftlichen Park ergehen sich die Drei in den prächtigen Alleen. Die riesigen alten Bäume und exotischen Pflanzen widersprechen Rosalies idyllischem Natursinn; nur das Füttern der Schwarzschwäne am Schlossteich interessiert sie – zumal sie dabei vom alten Brot kosten kann, das Ken für die Tiere mitgebracht hat und das seine Körperwärme angenommen hat. Einer der Schwäne zischt sie an.

Dann nimmt man im Schloss an einer Führung teil. Der Kriegsversehrte, der die auswendig gelernten Beschreibungen herunterleiert, zeigt der Gruppe auch eine versteckte Tapetentür. Während die übrigen Besucher weitergehen, schlüpfen Rosalie und Ken hindurch in die geheimen Räume dahinter. Im modrig riechenden Gang fällt Rosalie Ken in die Arme. Er führt sie weiter „in einen Alkoven […], dessen Tapeten mit schnäbelnden Taubenpaaren durchwirkt waren. Eine Art Causeuse stand da, an der ein geschnitzter Amor mit verbundenen Augen in einer Hand ein Ding hielt wie eine Fackelleuchte." Rosalie bedauert, ausgerechnet „in diesem Grabe" und dieser „Totenluft" Ken ihre Liebe gestehen zu müssen, und vertröstet ihn auf die kommende Nacht, in der sie ihn in seinem Gästezimmer besuchen wolle. Die beiden verlassen das „tote Lustgemach" und mischen sich wieder unter die Besucher.

Ihr Versprechen kann Rosalie nicht mehr einlösen. Schon am Abend wiederholt sich die Blutung in besorgniserregender Stärke. Ein Arzt wird gerufen und stellt rasch fest, dass das vermeintliche Wiedererblühen der Weiblichkeit auf ein weit fortgeschrittenes Karzinom zurückgeht. Aussicht auf Heilung oder auch nur Verlangsamung besteht nicht mehr. Rosalie lebt noch einige Wochen. In dieser Zeit erwähnt sie öfter den schwarzen Schwan, der sie angezischt hat, als sie von Kens Brot aß. Kurz vor ihrem Tod hat sie noch einen klaren Moment und richtet eine letzte Bitte an Anna.

Stil

Die Erzählung ist im parodistischen Ton der späten Mannschen Prosa gehalten. Mann selbst hat es so formuliert: „Ich kenne im Stilistischen eigentlich nur noch die Parodie." Erich Heller hat diesen Befund in ein oft zitiertes Bild gefasst. Es sei, als habe „Felix Krull das Buch geschrieben, während ihm Thomas Mann dabei über die Schulter blickte". Die Sprache spielt mit gehobenen, leicht altertümlichen Wendungen. Sie durchzieht den heiklen Stoff mit feiner Ironie. Charakteristisch ist die symbolische Aufladung von Schauplätzen und Motiven: der Rokoko-Park, der modrige Geheimgang hinter der Tapetentür mit seinem versteckten Alkoven, der geschnitzte Amor mit verbundenen Augen und vor allem der schwarze Schwan am Schlossteich, der die sterbende Rosalie noch in ihren letzten Wochen beschäftigt. Naturschwärmerei und kühle Sachlichkeit, Mutter und Tochter, Verjüngungsglaube und medizinischer Befund werden in scharfen Gegensätzen geführt. Die Form ist die der knappen, geschlossenen Erzählung.

Rezeption

Die Erzählung erschien zuerst 1953 in der Zeitschrift Merkur. Im selben Jahr folgte die Buchausgabe bei S. Fischer. 1958 wurde sie in die Stockholmer Gesamtausgabe der Werke Thomas Manns aufgenommen. Seither gilt sie als Schlussstück seines erzählerischen Werks. Erich Hellers Wort vom heimlichen Mitschreiber Felix Krull hat die Wahrnehmung des Textes nachhaltig geprägt. Es hat seinen parodistischen Charakter zum Erkennungszeichen gemacht. Unter dem Titel Blühen wurde der Stoff später auch in ein dramatisch-musikalisches Werk übertragen.

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