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Werkseintrag · Die Besteigung des Mont Ventoux
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Die Besteigung des Mont Ventoux
– Werkseintrag –

Die Besteigung des Mont Ventoux

· Brief

Ein Brief aus dem Jahr 1336, in dem ein italienischer Dichter einen Berg in der Provence besteigt – und dabei eine Tür aufstößt, hinter der Europa zum ersten Mal nach innen blickt.

Überblick

Der kurze lateinische Bericht Die Besteigung des Mont Ventoux schildert eine Bergtour. Francesco Petrarca erklimmt darin im April 1336 gemeinsam mit seinem Bruder Gherardo den höchsten Gipfel der Provence. Petrarca verfasste den Text als Brief an seinen früheren Beichtvater Dionigi di Borgo San Sepolcro und schrieb ihn vermutlich um 1350 nieder. Später erschien er als erster Brief im vierten Buch der Epistolae familiares. Der schmale Text gilt als ein Schlüsseldokument der europäischen Geistesgeschichte. In ihm verbindet sich erstmals die Lust an der Natur mit einer scharfen Selbstbeobachtung. Deshalb schreibt man ihm eine besondere Stellung am Beginn der Renaissance zu.

Inhalt (ohne Spoiler)

Petrarca erzählt seinem Freund und einstigen Beichtvater, warum er den Mont Ventoux besteigen wollte und wie es dazu kam. Schon seit Jahren habe er den höchsten Berg der Gegend bezwingen wollen. Den letzten Anstoß habe ihm eine Stelle bei Livius gegeben, in der vom Aufstieg des makedonischen Königs Philipp V. auf den Haimos berichtet wird. Als einzig passenden Begleiter wählt er seinen Bruder Gherardo, dazu kommen zwei Diener. Nach einer Tageswanderung erreichen sie das Dorf am Fuß des Berges. Am nächsten Morgen beginnt der Aufstieg.

Unterwegs treffen die Brüder einen alten Hirten, der sie eindringlich vor dem Weiterweg warnt. Trotzdem steigen sie weiter, jeder auf seinem eigenen Pfad. Petrarca schildert die Landschaft und denkt an antike Vorbilder. Er spürt, wie die körperliche Anstrengung in ihm Gedanken über das Geistige weckt. Auf dem Gipfel angekommen, überwältigt ihn der weite Ausblick. Was er dort sieht und was sich dabei in seinem Inneren ereignet, formt den Kern des Berichts.

Die Handlung im Detail

Der Brief ist an Dionigi di Borgo San Sepolcro gerichtet und soll diesem die inneren Konflikte des Schreibers offenlegen. Petrarca erzählt, dass er den Mont Ventoux seit vielen Jahren habe besteigen wollen und sich endgültig durch Livius' Beschreibung der Haimos-Besteigung Philipps V. von Makedonien dazu entschlossen habe. Genau zehn Jahre nach seinem Aufbruch aus Bologna macht er sich mit seinem Bruder Gherardo und zwei Dienern auf den Weg. Nach einer Tageswanderung erreichen sie das Dorf Malaucène am Fuß des Berges, am folgenden Morgen beginnt der Aufstieg.

Unterwegs begegnet ihnen ein alter Hirte. Er habe den Berg vor etwa fünfzig Jahren selbst bestiegen, dort aber nur Felsen und Brombeeren vorgefunden; seither rate er jedem davon ab. Die Brüder lassen sich nicht beirren, im Gegenteil: Die Warnung stachelt ihren jugendlichen Eifer noch an. Sie trennen sich für den Weiterweg. Gherardo nimmt den steilen Grat, Petrarca den bequemeren, aber längeren Pfad. Während des Aufstiegs beschreibt er knapp die Umgebung, zieht Linien zur klassischen Literatur und gleitet angesichts der Mühen vom Körperlichen ins Unkörperliche hinüber.

Endlich erreichen sie den höchsten Gipfel, den Petrarca „Söhnlein" nennt. Vom Ausblick und der Natur überwältigt, ist er zunächst wie betäubt. Sein erster gerichteter Blick fällt sehnsüchtig nach Italien. Daran knüpft er ein Nachdenken über die zehn Jahre seit dem Ende seines Studiums in Bologna: über seinen Reifungsprozess, die Veränderungen in seinem Umfeld und, eher verhüllt, über seine Beziehung zu Laura. Dann schweift sein Blick über die Rhone, Marseille und die Cevennen ins Irdische, ehe er sich nach innen kehrt.

Petrarca schlägt die Confessiones des Augustinus auf, ein Geschenk seines Freundes, um sich und dem Bruder daraus vorzulesen. Sein Auge fällt auf die Stelle: „Und es gehen die Menschen, zu bestaunen die Gipfel der Berge und die ungeheuren Fluten des Meeres und die weit dahinfließenden Ströme und den Saum des Ozeans und die Kreisbahnen der Gestirne, und haben nicht acht ihrer selbst." Erneut wie betäubt, bittet er, in Ruhe gelassen zu werden. Er erkennt in dem Moment eine Verwandtschaft zum Erlebnis des Heiligen Antonius. Von der Schönheit des Irdischen wendet er sich ab und richtet das innere Auge auf die Seele, die ihm als das einzig wahrhaft Große erscheint. Schweigend steigt er zurück ins Tal. Während die Diener das Abendessen zubereiten, zieht er sich rasch zurück, um das Erlebnis und seine Gemütsbewegung möglichst unverfälscht festzuhalten.

Stil

Der Text ist ein lateinischer Brief. Er nutzt die Form des persönlichen Schreibens an einen vertrauten Empfänger, um Inneres und Äußeres eng zu verflechten. Petrarca schildert die Etappen des Aufstiegs nüchtern. Doch immer wieder bricht er die Beschreibung auf und deutet die Landschaft als Bild eines seelischen Vorgangs. Beobachtung der Natur, Anspielungen auf antike Autoren und religiöse Selbstprüfung greifen ineinander. Das Körperliche der Wanderung kippt unter der Hand ins Geistige. Charakteristisch ist die zweifache Perspektive: ein Blick nach außen über Berge, Flüsse und Städte, ein Blick nach innen auf die eigene Seele. Auch die eingelegten Zitate sind keine bloße Gelehrsamkeit, sondern Wendepunkte des Berichts. Livius steht am Anfang, Augustinus auf dem Gipfel, und an diesen Stellen richtet sich das Erzählen jeweils neu aus.

Rezeption

Dem schmalen Bericht wird eine herausragende kulturhistorische Bedeutung zugemessen. Er gilt als ein Startpunkt der Renaissance, weil sich in ihm Natur- und Selbsterfahrung auf eine neue, sehr persönliche Weise verbinden. Die Verschränkung von Landschaftsblick, Rückschau auf das eigene Leben und religiöser Innenwendung machte den Text zu einem festen Bezugspunkt. Man beruft sich auf ihn, wenn vom Aufkommen eines neuzeitlichen Ich-Bewusstseins die Rede ist. Bis heute wird er als Schlüsseldokument zitiert, sobald die Frage gestellt wird, wann der europäische Mensch begonnen habe, die Welt und sich selbst zugleich zu betrachten.

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