1396
Africa
Überblick↑
Das Versepos Africa stammt von Francesco Petrarca und ist in lateinischer Sprache verfasst. In Hexametern erzählt es vom Zweiten Punischen Krieg zwischen Rom und Karthago. Im Mittelpunkt steht der römische Feldherr Publius Cornelius Scipio Africanus. Petrarca arbeitete viele Jahre an dem Gedicht, vollendete es jedoch nie. Erst nach seinem Tod, im Jahr 1396, wurde es durch Pier Paolo Vergerio herausgegeben; die erste Druckausgabe folgte 1501 in Venedig. Schon zu Lebzeiten galt das Epos als Petrarcas Hauptanspruch auf dichterischen Ruhm.
Inhalt (ohne Spoiler)↑
Erzählt wird vom Zweiten Punischen Krieg, der lange Auseinandersetzung zwischen den Großmächten Rom und Karthago. Der karthagische Feldherr Hannibal hatte mit seinem Heer Italien überzogen und das römische Reich in seine schwerste Bedrängnis gebracht. Im Zentrum des Gedichts steht jedoch die römische Seite, verkörpert durch den jungen Feldherrn Scipio. Er führt den Krieg schließlich nach Nordafrika, auf das Gebiet Karthagos selbst, um die Entscheidung zu erzwingen.
Petrarca verbindet das militärische Geschehen mit feierlichen Reden, Visionen und eingeflochtenen Episoden. Gleich zu Beginn empfängt Scipio im Traum eine Erscheinung, die ihm Großes ankündigt. Neben den Schlachten finden auch persönliche Schicksale und Liebesgeschichten ihren Platz. So entsteht das Bild eines Helden, der Rom zu Ruhm und Größe führen soll, während sich das Ringen der beiden Reiche seinem Höhepunkt nähert.
Die Handlung im Detail↑
Das Epos schildert den Zweiten Punischen Krieg zwischen Rom und Karthago. Hannibal, der karthagische General, hatte Italien überzogen und Rom in größte Gefahr gebracht. Die ersten beiden Bücher gelten einem Traum: Dem römischen Feldherrn Scipio erscheint im Schlaf eine Vision, in der ihm die künftige Größe Roms und sein eigener Ruhm vor Augen geführt werden. Diese Traumszene ist dem Schluss von Ciceros Schrift De re publica nachgebildet.
Im weiteren Verlauf folgt die Erzählung den Ereignissen des Krieges, wie sie der römische Geschichtsschreiber Titus Livius überliefert hatte. Scipio trägt den Kampf nach Nordafrika, auf das Heimatgebiet Karthagos. Dort kommt es bei Zama zur entscheidenden Schlacht. Die römischen Truppen unter Scipios Führung besiegen Hannibal. Mit diesem Sieg ist Karthago bezwungen, und Scipio erhält den Beinamen Africanus, der den Triumph über den afrikanischen Gegner festhält.
In das kriegerische Geschehen sind weitere Teile eingebettet. Im neunten Buch tritt der altrömische Dichter Ennius auf und hält eine Rede über das Wesen der Dichtung. Darin lässt Petrarca ihn sagen, wer seine Werke frei erfinde, könne kein wahrer Dichter sein. Ennius weissagt dort zugleich das Epos Africa selbst und Petrarcas spätere Dichterkrönung auf dem Kapitol in Rom. Neben den heroischen Szenen finden sich auch wehmütige Liebesepisoden, in denen ein leiserer, melancholischer Ton anklingt.
Petrarca plante, das Werk von neun auf zwölf Bücher zu erweitern, und überarbeitete es immer wieder. Vollendet hat er es nie. Erst 1396, lange nach seinem Tod, gab Pier Paolo Vergerio das Epos heraus.
Stil↑
Verfasst ist das Werk in lateinischen Hexametern, dem klassischen Versmaß der antiken Heldendichtung. Petrarca knüpft damit bewusst an die großen römischen Epiker an und gestaltet sein Gedicht nach deren Vorbild. Die Nachahmung antiker Muster, die imitatio, ist kein Mangel, sondern ausdrücklich gewollt: Petrarca wählte einen historischen Stoff und stützte sich eng auf alte Quellen. Weite Strecken folgen dem Geschichtswerk des Titus Livius, dessen Prosabericht er in Verse übertrug. Die Traumszene des ersten Teils ist Ciceros Schrift De re publica nachgebildet.
Die Sprache ist von feierlichem, rhetorischem Prunk geprägt. Die beiden Hauptfiguren sind betont typenhaft gezeichnet: Scipio erscheint als makelloser Römerheld und Inbegriff aller Tugenden, während Hannibal trotz mancher menschlicher Züge als barbarischer Gegner gezeigt wird. Rom und seine Helden werden uneingeschränkt verherrlicht. Daneben gibt es Passagen, in denen das antik-heroische Pathos auf eine christliche Sicht der Welt trifft und in denen die Seelenregungen der Figuren oder elegisch-melancholische Liebesszenen einen eigenen Ton anschlagen.
Rezeption↑
Für Petrarca und seine Zeitgenossen war das Epos ein Meisterwerk. Es genoss buchstäblich Vorschusslorbeeren: Die Dichterkrönung zum poeta laureatus, die Petrarca 1341 in Rom empfing, bezog sich ausdrücklich auf dieses noch unvollendete Gedicht. Der Dichter selbst aber bekam mit den Jahren Zweifel, ob das Werk seinem hohen Anspruch genüge. Die endlosen Überarbeitungen und der Verzicht auf eine Veröffentlichung zeugen davon.
Die Nachwelt urteilte zurückhaltender. Das Epos geriet, wie es heißt, „nahezu völlig in Vergessenheit". Der Historiker Samuel Harrison Thomson machte dafür seine „Manieriertheit" verantwortlich. Jacob Burckhardt urteilte 1860 schroff: „An sich ist das Gedicht jetzt freilich ganz unlesbar." Der italienische Literaturwissenschaftler Bindo Chiurlo führte um 1940 aus, Petrarca habe sich über weite Strecken damit begnügt, den schönen Prosabericht des Livius in „etwas matte Verse" zu übertragen, und die beiden Hauptfiguren ganz schematisch behandelt.
Die neuere Forschung wertet diese Eigenheiten – die Verherrlichung Roms, die typenhafte Figurenzeichnung, den schwerfälligen rhetorischen Prunk – nicht mehr als Fehler. Sie gelten heute eher als Hürden, die dem modernen Leser den Zugang erschweren zu einem Werk, das für Petrarca selbst der eigentliche Beweis seines dichterischen Könnens war. Rainer Stillers bescheinigt dem Epos durchaus eine gewisse Originalität, dort, wo es sich vom bloßen Nachahmen löst, wo christliche Weltsicht und antikes Heldentum aufeinandertreffen und wo die Psychologie der Figuren und die melancholischen Liebesszenen auch heute noch berühren. Die größte Bedeutung aber sah Chiurlo im kulturgeschichtlichen Wert: Hier verbänden sich ungebrochener christlicher und neu erwachter klassischer Geist zu einer fruchtbaren Synthese, sodass man zum ersten Mal von einer humanistischen Dichtung sprechen könne.
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