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Das Lexikon der klassischen Literatur
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Werkseintrag · Aeneis
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Aeneis
– Werkseintrag –

Aeneis

· Epik

Aus dem brennenden Troja bricht ein Mann auf, um übers Meer eine neue Heimat zu suchen – nicht aus eigenem Wunsch, sondern aus Pflicht gegenüber den Göttern und seinem Volk.

Überblick↑

Das Epos Äneis stammt vom römischen Dichter Vergil (70–19 v. Chr.). Er gestaltete es vor allem nach dem Vorbild der Homer zugeschriebenen Epen Ilias und Odyssee. Erzählt wird die Flucht des Aeneas aus dem brennenden Troja und seine Irrfahrten, die ihn schließlich nach Latium in Mittelitalien führen. Dort wird er zum Stammvater der Römer. Damit erzählt das Werk einen der wichtigen Gründungsmythen des Römischen Reiches. Vergil arbeitete ab 29 v. Chr. bis zu seinem Tod daran. Das Epos umfasst zwölf Bücher mit rund 10.000 Versen im Hexameter. Es feiert die Größe Roms und dessen niemals endende Herrschaft (imperium sine fine). Zugleich wirbt es um Mitgefühl für die Opfer dieser Vorherrschaft. In Aeneas gestaltete Vergil das Ideal des römischen Princeps: einen Helden, der nicht durch kriegerisches Draufgängertum auffällt, sondern durch sein Pflichtbewusstsein (pietas).

Inhalt (ohne Spoiler)↑

Am Anfang steht ein Schiffbruch. Ein Seesturm, den die Göttin Juno aus altem Zorn schickt, treibt Aeneas und die aus Troja entkommenen Gefährten an die Küste von Karthago. Dort nimmt Königin Dido den Fremden gastlich auf. Bei einem abendlichen Gastmahl erzählt Aeneas seiner Gastgeberin, wie Troja fiel und welche Irrfahrten er seither hinter sich gebracht hat. So entfaltet sich die Vorgeschichte: die List mit dem hölzernen Pferd, der Untergang der Stadt und die Flucht des Helden mit seinem Vater und seinem Sohn.

Das Werk zerfällt in zwei Hälften. Die ersten sechs Bücher schildern nach dem Vorbild der Odyssee die Irrfahrten über das Meer. Die zweiten sechs erzählen im Geist der Ilias die Kämpfe, die Aeneas in Italien bestehen muss. Über allem steht ein Ziel, das ihm die Götter aufgetragen haben und dem er alles Eigene unterordnet: in einem fernen Land eine neue Heimat zu gründen.

Die Handlung im Detail↑

Zu Beginn treibt ein Seesturm die Trojaner nach Karthago. Juno hat ihn geschickt, weil ihr Zorn über das Urteil des Paris nicht nachlässt. Königin Dido empfängt Aeneas freundlich an ihrem Hof. Seine Mutter Venus will weitere Irrfahrten verhindern und lässt Dido sich in den Gast verlieben. Dazu nimmt der Liebesgott Amor die Gestalt von Aeneas' Sohn Ascanius an. Das Kind selbst wird eingeschläfert und an Venus' Kultort Idalium gebracht. Als Amor sich beim Gastmahl auf Didos Schoß setzt, entzündet er in ihr die Liebesleidenschaft, die Vergil wie ein Gift und eine zerstörerische Flamme schildert.

Beim Gastmahl blickt Aeneas zurück auf den Untergang Trojas. Die Griechen bauen ein riesiges hölzernes Pferd, verstecken Krieger in seinem Bauch und stellen es als angebliches Weihegeschenk vor der Stadt ab. Sie selbst ziehen sich zur nahen Insel Tenedos zurück. Die Trojaner streiten, was mit dem Pferd geschehen soll. Der Priester Laokoon warnt eindringlich und schleudert seine Lanze in die Flanke, doch das Schicksal lenkt die Trojaner ab. Der gefangene Grieche Sinon belügt sie: Das Pferd sei absichtlich so groß gebaut, damit es nicht in die Stadt passe, denn dort würde es Troja unbesiegbar machen. Als zwei Schlangen aus dem Meer kommen und Laokoon samt seinen Söhnen töten, deuten die Trojaner dies als Strafe für den Lanzenwurf. Sie reißen die Mauer auf und ziehen das Pferd hinein. Auch die Warnung der Kassandra bleibt, wie vorbestimmt, ungehört. In der Nacht öffnet Sinon den Bauch, die Krieger steigen heraus und öffnen die Tore.

Dem schlafenden Aeneas erscheint der schwer verwundete Hektor im Traum und fordert ihn auf, die Penaten Trojas zu retten. Aeneas erwacht und stürzt sich dennoch in den aussichtslosen Kampf. Vom Palast des Priamus aus muss er mitansehen, wie Neoptolemus, der Sohn Achills, erst den Königssohn Polites und dann den greisen Priamus am Altar tötet. Venus erscheint ihrem Sohn und macht ihm klar, dass mächtige Götter die Griechen unterstützen und jeder Widerstand vergeblich ist. Sie geleitet ihn zum Haus seines Vaters Anchises.

Anchises will nicht fliehen, sondern in Troja sterben. Erst ein Zeichen der Götter stimmt ihn um: eine harmlose Flamme auf dem Kopf des kleinen Ascanius, dazu krachender Donner und ein Stern, der über das Haus zum Idagebirge zieht. Aeneas nimmt den Vater mit den heiligen Penaten auf die Schultern, fasst Ascanius an der Hand und verlässt die Stadt. Seine Frau Krëusa folgt dicht dahinter. Am vereinbarten Treffpunkt bemerkt Aeneas, dass Krëusa fehlt. Er eilt zurück, doch sie erscheint ihm nur noch als Schatten. Sie weissagt ihm nach langen Irrfahrten ein neues Reich und eine Prinzessin zur Gemahlin und trägt ihm auf, ohne sie weiterzuziehen. Dreimal versucht er vergeblich, sie festzuhalten. Am Morgen sammeln sich zahlreiche Gefährten um ihn, die als Siedler mit ihm übers Meer ziehen wollen.

Aeneas erzählt weiter von der Reise, die ihn von Troja bis nach Karthago führte. In Thrakien will er eine Stadt gründen, doch aus abgerissenen Zweigen tropft Blut: Er steht auf dem Grab des ermordeten Priamus-Sohnes Polydorus und verlässt das befleckte Land. Auf Delos trägt der Orakelgott Apollo den Trojanern auf, ihre „alte Mutter“ zu suchen. Anchises deutet den Spruch falsch und führt sie nach Kreta, wo bald eine Dürre und Seuche ausbricht. Nachts erscheinen dem Aeneas die Penaten und nennen das wahre Ziel: Hesperien, also Italien. Ein dreitägiger Sturm verschlägt die Trojaner auf die Strophaden, wo die Harpyien ihre Mahlzeiten beschmutzen. Eine von ihnen, Celaeno, weissagt eine Hungersnot, bei der sie sogar ihre Tische verzehren müssten. Über Actium, wo Aeneas Wettspiele veranstaltet, gelangen sie schließlich nach Buthrotum. Dort herrscht Helenus, ein Sohn des Priamus, an seiner Seite Andromache, die Witwe Hektors.

Von hier führt der Weg die Trojaner endlich nach Latium. Dort aber ist Aeneas noch nicht am Ziel. Juno bäumt sich weiter gegen das Schicksal auf und entfacht einen Krieg, in dem viele ihr Leben lassen, ehe Aeneas seine Bestimmung erfüllen und zum Stammvater der Römer werden kann. Diese Kämpfe füllen die zweite Hälfte des Epos, die dem Vorbild der Ilias folgt.

Stil↑

Vergil formte die Äneis als kunstvolles Gebäude aus zwölf Büchern mit rund 10.000 Versen im Hexameter, dem klassischen Versmaß des antiken Epos. Am deutlichsten ist die Zweiteilung. Die ersten sechs Bücher greifen Motive der Odyssee auf – Seesturm, Irrfahrten, den Abstieg in die Unterwelt. Die zweiten sechs folgen dem kriegerischen Ton der Ilias. Darüber legt Vergil weitere Ordnungen: Die Bücher lassen sich zu Vierer-, Dreier- und Zweiergruppen zusammenfassen, und einzelne Bücher bilden einen Rahmen umeinander. So umschließen das erste und das vierte Buch die Liebe der Dido.

Kunstvoll ist auch die Erzählweise. Den Untergang Trojas und die Irrfahrten trägt nicht der Dichter selbst vor. Aeneas erzählt sie rückblickend als Gast am Hof der Dido. Seine Bilder sind eindringlich: Die Liebe erscheint als Gift und als verzehrende Flamme. Hinter dem Geschehen stehen die großen Begriffe, um die das Werk kreist – das Pflichtbewusstsein (pietas), das Aeneas alles Eigene hintanstellen lässt, das Schicksal (fatum), gegen das die Göttin Juno vergeblich aufbegehrt, und die Aussicht auf eine Herrschaft ohne Ende (imperium sine fine).

Rezeption↑

Von Anfang an war die Äneis mehr als eine Dichtung. Sie gab dem Römischen Reich einen Ursprungsmythos und verband dessen Herrscher über Aeneas mit den Helden Trojas. Vergil schuf in seinem Helden das Vorbild des römischen Princeps, des „ersten Bürgers“ – eines Mannes, der sich ganz seiner Pflicht und den Weisungen der Götter unterordnet.

Das Werk wirkte über die Antike hinaus weiter und wurde immer wieder neu erzählt. Im Mittelalter entstand der altfranzösische Roman d'Énéas (um 1200), im 15. Jahrhundert folgte Le livre des Eneydes (1483). Später wurde der Stoff auch parodistisch verkehrt, etwa im Virgile travesti um 1700 oder in der Enejida (1798). Die Episode um den Priester Laokoon und die Meerschlangen wurde zu einem viel dargestellten Motiv der bildenden Kunst. Die Liebe zwischen Dido und Aeneas wurde zu einem beliebten Vorwurf der Oper, so in Dido and Aeneas und in Les Troyens. Noch im 20. Jahrhundert kam der Stoff auf die Leinwand, etwa in Äneas, Held von Troja (1962) und in der Fernsehreihe Die Äneis (1971).

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