1304 – 1374
Francesco Petrarca
Kurzporträt↑
Francesco Petrarca (1304–1374) gilt als einer der bedeutendsten Dichter der frühen italienischen Literatur. Neben Dante Alighieri und Boccaccio gilt er als Mitbegründer des Renaissance-Humanismus. Berühmt wurde er vor allem durch seine Liebeslyrik an die rätselhafte Laura. Diese soll er 1327 in einer Kirche in Avignon erstmals gesehen haben, und er verehrte sie zeitlebens als unerreichbare Inspirationsquelle. Sein Name steht zugleich für den Petrarkismus, eine bis ins 17. Jahrhundert verbreitete Richtung der europäischen Liebeslyrik. 1341 wurde er auf dem Kapitol in Rom zum Dichter gekrönt.
Biografie↑
Petrarca wurde am 20. Juli 1304 in Arezzo geboren. Sein Vater war der Notar Pietro di Parenzo mit den Beinamen Petracco und Patraca. Als Papstanhänger war er aus Florenz verbannt worden. Mit sieben Jahren folgte der Sohn ihm nach Avignon. Dort wohnte der Vater ab 1312, während die übrige Familie im nahen Carpentras lebte.
Ab 1316 studierte Petrarca Jura in Montpellier, ab 1320 in Bologna. 1326 kehrte er nach Avignon zurück, brach das rechtswissenschaftliche Studium ab und erhielt die niederen Weihen. Sein neues Domizil fand er in einem Haus in Fontaine-de-Vaucluse im Gebiet des heutigen Départements Vaucluse. Den Kirchenvater Augustinus erkor er sich zum Vorbild und versuchte, dessen Lebenswandel nachzueifern. Nach dem Tod seines Vaters geriet er in wirtschaftliche Schwierigkeiten.
Am 6. April 1327 sah er nach eigenen Angaben in der Kirche der heiligen Klara zu Avignon erstmals jene junge Frau, die er Laura nannte. Möglicherweise war sie mit der damals etwa sechzehnjährigen, jungverheirateten Laura de Noves identisch. Petrarca selbst sprach von einem Karfreitag, tatsächlich war es ein Ostermontag. Der Eindruck wirkte derart stark auf ihn, dass er Laura zeitlebens als ideale Frauenfigur und dauerhafte Quelle seiner dichterischen Inspiration verehrte. Dabei wusste er wohl, dass sie für ihn unerreichbar war. Im April 1348, exakt einundzwanzig Jahre nach der ersten Begegnung, starb sie – sehr wahrscheinlich an der Pest.
Am 26. April 1336 datierte Petrarca einen lateinischen Brief an den Frühhumanisten Dionysius von Borgo San Sepolcro. Darin schildert er die Besteigung des Mont Ventoux in der Provence gemeinsam mit seinem Bruder. Oben angekommen, schlug er zufällig eine Stelle in den Confessiones des Augustinus auf und wandte sich von der Landschaft ab sich selbst zu. Diese Verbindung von Naturerlebnis und Selbstbesinnung gilt vielen Gelehrten als kulturhistorischer Schlüsselmoment an der Schwelle vom Mittelalter zur Neuzeit. Zugleich gilt Petrarca aufgrund dieser frühen Bergbesteigung als Vater der Bergsteiger und Begründer des Alpinismus. In der Forschung ist allerdings umstritten, ob er den Mont Ventoux tatsächlich bestiegen hat oder ob es sich um eine literarische Fiktion handelt.
Petrarca reiste durch Frankreich, Deutschland und Belgien. In Lüttich stöberte er Ciceros verloren geglaubte Verteidigungsrede pro archia auf. Anschließend zog er sich nach Fontaine-de-Vaucluse bei Avignon zurück und lebte dort von 1337 bis 1349. In dieser Zeit entstand ein großer Teil seines Canzoniere. 1341 wurde er auf dem Kapitol in Rom zum poeta laureatus gekrönt. Zwischenzeitlich lebte er am Hof des Kardinals Giovanni Colonna in Avignon und war für acht Jahre Gesandter in Mailand. Sein letztes Jahrzehnt verbrachte er abwechselnd in Venedig und in Arquà. Zu seinem Freundeskreis gehörte unter anderem Giovanni de Dondi. Dieser war der Erfinder und Erbauer des Astrariums, einer der ersten öffentlichen astronomischen Uhren der Welt.
Den Naturwissenschaften und der Medizin, besonders den Ärzten seiner Zeit, stand Petrarca kritisch gegenüber. Die Invective contra medicum quendam verfasste er zu Beginn der 1350er Jahre und schloss sie 1355 in endgültiger Fassung ab. Darin nahm er Stellung gegen die in seinen Augen erstarrte spätscholastische Schulmedizin und warnte den erkrankten Papst Clemens VI. vor unfähigen geschwätzigen Ärzten in dessen Umgebung. Als angesehener Experte für antike Dokumente wurde er 1361 von Kaiser Karl IV. beauftragt, die Urkunden des Privilegium Maius zu begutachten. Es handelte sich um eine habsburgische Fälschung, über die sein Urteil zumindest in Teilen vernichtend ausfiel.
Petrarca starb am 19. Juli 1374 in Arquà und wurde dort begraben.
Literarische Merkmale↑
Petrarcas Liebeslyrik kreist beharrlich um die Gestalt Lauras, die zugleich konkrete Frau und Symbol ist. Bereits der Name spielt nach einer Lesart von Geraldine Gabor und Ernst-Jürgen Dreyer mit dem lateinischen laurus, dem Lorbeer des Dichterruhms, und mit Bildern wie Amors goldenem Pfeil oder dem goldenen Federkleid des Phönix. Das vermeintlich Persönliche löst sich „unter dem unbefangenen Blick in reine Sprache auf, die in unendlichzähligen Bedeutungen spielt".
Diese Sprache, so Wolf-Dieter Lange, „verbirgt eher, als dass sie offenbart". Gerade darin zeigt sich Petrarcas Stellung zwischen Mittelalter und Renaissance. Die Daten und Zahlen seiner Dichtung sind mit christlichem Symbolwert aufgeladen. Der 6. April ist nach kirchenväterlicher Tradition Tag der Erschaffung Adams und des Todes Christi. Zwischen dem Beginn der Liebe zu Laura 1327 und ihrem Tod 1348 liegen einundzwanzig Jahre, also dreimal sieben. Der Canzoniere besteht – das Einleitungssonett abgezogen – aus 366 Gedichten. Diese Zahl lässt sich auf die Tage eines Schaltjahres und damit auf Lauras Todesjahr 1348 beziehen.
Bezeichnend für Petrarcas Selbstverhältnis ist sein Umgang mit den volkssprachlichen Gedichten des Canzoniere, den Rerum vulgarium fragmenta – Bruchstücke alltäglicher Dinge. Seinen Freunden gegenüber bezeichnete er sie immer als zweitrangig, als Jugendtorheit, als nugellae, also Kleinigkeiten.
Eine ebenso bedeutende Linie seines Schreibens ist die radikale Subjektivität. Sie wird im Brief über die Besteigung des Mont Ventoux greifbar. Petrarca sah die Welt nicht mehr, wie es das Mittelalter vielfach tat, als feindliche Durchgangsstation zu einem Jenseits. Er sah sie vielmehr als etwas, das eine eigene Wertigkeit besitzt. In seinen Texten klingt eine neue Natur- und Landschaftserfahrung an, in der sich ästhetische und kontemplative Sichtweisen verbinden. Diese Verschiebung ist mit der Landschaftsmalerei seiner Zeit verwandt. Was das Bekehrungserlebnis betrifft, stellte sich Petrarca selbst in eine Reihe mit Paulus von Tarsus, Augustinus und – in späterer Sicht – Jean-Jacques Rousseau.
Rezeption↑
Petrarcas Wirkung reicht weit über die italienische Literatur hinaus. Sein Name liegt dem Begriff Petrarkismus zugrunde. Dieser bezeichnet eine bis ins 17. Jahrhundert verbreitete Richtung europäischer Liebeslyrik. Besonders die Musik hat seine Gedichte immer wieder aufgegriffen. Seine Madrigale wurden zu zentralen Textvorlagen für das Trecento-Madrigal wie für das Madrigal des 16. und 17. Jahrhunderts. Adrian Willaert und Cipriano de Rore griffen für ihre schnell als musterhaft empfundenen Madrigale der 1540er Jahre fast ausschließlich auf Petrarca-Sonette zurück. Willaert brachte 1559 seine Musica nova mit 24 Madrigalen auf Petrarca-Sonette heraus. Auch Luca Marenzio vertonte Petrarca, Claudio Monteverdi schrieb vier Petrarca-Madrigale.
Im 19. und 20. Jahrhundert setzte sich diese Linie fort. Franz Schubert vertonte 1818 drei Sonette in den Übersetzungen von August Wilhelm Schlegel und Johann Diederich Gries für Singstimme und Klavier. Franz Liszt schuf 1838/39 die Tre Sonetti del Petrarca. Diese fanden vor allem in der Bearbeitung für Klavier solo und im Rahmen der Années de pèlerinage weite Verbreitung. Arnold Schönberg verwendete Petrarca-Sonette in der Übersetzung von Karl August Förster in seinen Orchesterliedern op. 8 und in der Serenade op. 24. Auch Akos Banlaky vertonte Sonette Petrarcas im 20. Jahrhundert.
In der literarischen Erinnerungskultur ist Petrarca bis heute präsent. Christine Brückner widmete ihm 1983 in ihrem Buch Wenn du geredet hättest, Desdemona einen ungehaltenen Monolog: Die Rede der pestkranken Laura an den entflohenen Petrarca. Der von Hubert Burda gestiftete Petrarca-Preis wurde von 1975 bis 1995 und erneut von 2010 bis 2014 an zeitgenössische Dichter und Übersetzer vergeben. Eine Marmorherme Petrarcas steht neben Hermen Dantes, Tassos und Ariosts im Dichterhain vor der Westseite des Schlosses Charlottenhof. Die Hermen schuf Gustav Bläser. In seiner Geburtsstadt Arezzo wurde ihm 1928 im Park „Prato" ein Denkmal mit einer Statue von Alessandro Lazzerini errichtet. Auch der am 10. August 1991 entdeckte Asteroid (12722) Petrarca trägt seinen Namen.
Seine Grabstätte fand Petrarca in Arquà Petrarca nahe Padua. Die Gruft wurde 1380 von seinem Schwiegersohn Francesco da Brosano errichtet. 1630 wurde sie von Grabräubern heimgesucht. Am 5. Dezember 1873 wurde sie für anthropologische Untersuchungen auf Antrag der Akademie von Bovolenta geöffnet. Bei einer erneuten Graböffnung 2004 stellte sich heraus, dass der Schädel im Sarg offenbar zu einer Frau gehörte. Die übrigen sterblichen Überreste lassen sich mit hoher Wahrscheinlichkeit dem Dichter zuordnen. Der Friedhof wurde 1874 zur 500. Wiederkehr seines Todestages in einen Platz umgestaltet. Dieser wurde 1965 mit Trachytplatten belegt. Petrarcas Sarkophag besteht aus Veroneser Marmor.
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