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Porträt Fernando Pessoa
Fernando Pessoa
1888 – 1935
– Autorenporträt –

Fernando Pessoa

1888 – 1935 · 47 Jahre

Portugiesischer Dichter, der sein Werk auf erfundene Autoren mit eigener Biographie und eigenem Stil verteilte – zu Lebzeiten kaum bekannt, heute einer der bedeutendsten Dichter in portugiesischer Sprache.

Kurzporträt

Fernando Pessoa (1888–1935) gilt als einer der bedeutendsten Dichter in portugiesischer Sprache. Manche stellen ihn neben Luís de Camões. Er war Dichter, Schriftsteller und Denker. Sein Geld verdiente er jedoch als Angestellter eines Handelshauses. In Lissabon führte er ein unauffälliges Leben. Sein Werk verteilte er auf zahlreiche sogenannte Heteronyme – erfundene Dichtergestalten mit eigener Biographie, eigenem Schreibstil und eigenen Themen. Die drei wichtigsten heißen Alberto Caeiro, Ricardo Reis und Álvaro de Campos. Zu Lebzeiten war er kaum bekannt. Er hinterließ einen riesigen Nachlass, der bis heute nicht vollständig erschlossen ist. Pessoa zählt zu den wichtigen Autoren des 20. Jahrhunderts.


Biografie

Geboren wurde Fernando António Nogueira de Seabra Pessoa am 13. Juni 1888 in Lissabon. Als er fünf Jahre alt war, starb sein Vater an Schwindsucht. Zwei Jahre später heiratete die Mutter den portugiesischen Konsul in Durban in Südafrika. Dort verbrachte Pessoa einen großen Teil seiner Jugend. So kam er mit der englischen Kultur in Berührung. Diese Prägung bestimmte später sein Schreiben mit.

Mit 17 Jahren kehrte er in seine Geburtsstadt zurück. Er begann ein Studium der Literaturwissenschaft, das er nicht beendete. Drei Monate lang arbeitete er bei einem erfolglosen Werkzeughandel mit, an dem sein Cousin Mitanteil hatte. Danach arbeitete Pessoa als Handelskorrespondent. In diesem Beruf blieb er bis zu seinem Tod. Eine Zeitlang fühlte er sich der Saudosismo-Bewegung verbunden. Diese strebte eine kulturelle Revolution und eine „Portugiesische Renaissance" an.

Die einzige bekannte Beziehung zu einer Frau begann 1920. Im Büro seines Cousins stellte sich die 19-jährige Ophelia Queiroz für eine Stelle als Sekretärin vor. Auf Drängen Pessoas bekam sie diese. Die beiden verlobten sich kurz darauf. Pessoa schrieb der jungen Frau 1920 und dann erneut 1929 insgesamt 48 Briefe.

Das auffälligste Merkmal seines Schaffens ist der Gebrauch der Heteronyme. Anders als gewöhnliche Pseudonyme stehen sie für verschiedene fiktive Autoren mit eigener Lebensgeschichte, eigenem Stil und eigener Gedankenwelt. Der englische Übersetzer Pessoas, Richard Zenith, zählt 72 verschiedene Namen. Dabei wird nicht immer klar, welche davon Heteronyme und welche bloße Pseudonyme sind. Die drei wichtigsten sind Alberto Caeiro, Álvaro de Campos und Ricardo Reis. Sowohl Campos und Reis als auch Pessoa selbst bezeichnen Caeiro als ihren Meister. Das gemeinsame Schlüsselwerk ist Caeiros Gedichtzyklus O Guardador de Rebanhos (Der Hüter der Herden). In Anlehnung an die Hirtendichtung trägt er eine Philosophie vor, die Pessoa, Campos und Reis als Paganismus bezeichnen. Ricardo Reis folgt diesem Paganismus in Form eines klassizistischen Neuhellenismus. Seine stark rhythmisierten Gedichte nennt er Oden. Álvaro de Campos ist freier in der Form. Seine Gedichte sind oft ohne festen Rhythmus und beziehen sich auf ein städtisches Umfeld. Ihr lyrisches Ich erscheint häufig als gescheitertes Genie, etwa in dem bekannten Gedicht Tabacaria (Tabaksladen).

Das Verhältnis dieser Gestalten zueinander, Pessoa selbst eingeschlossen, ist schwer zu entschlüsseln. Das liegt an der oft widersprüchlich wirkenden Struktur der Texte. So lautet der erste Satz des Zyklus Der Hüter der Herden: „Ich habe nie Herden gehütet." Es liegt aber auch an den irreführenden Kommentaren, die Pessoa über seine Heteronyme hinterlassen hat.

Mit Aleister Crowley war Pessoa befreundet. Unter seiner Mitwirkung inszenierte Crowley Ende August 1930 in der Nähe von Cascais, an der „Boca do Inferno", einen vorgetäuschten Selbstmord. Pessoa sprach dem Alkohol stark zu und rauchte gern. Er starb am 30. November 1935 in Lissabon an den Folgen einer Leberzirrhose. Seinen letzten Satz schrieb er auf Englisch nieder: „I know not what tomorrow will bring…" – Ich weiß nicht, was der morgige Tag bringen wird. Seit 1985 befinden sich seine Gebeine im Hieronymus-Kloster in Belém. Auf seinem Grabmal stehen Verse von Caeiro, Reis und Campos eingelassen, aber kein einziger von Pessoa selbst.


Literarische Merkmale

Zu Lebzeiten wurde Pessoa nur von wenigen Freunden als Dichter geschätzt. Die meisten seiner Manuskripte blieben unveröffentlicht und landeten in einer Truhe. Als er starb, umfasste sein Werk über 24.000 Fragmente – neben Gedichten und Prosa auch dramatische Skizzen sowie politische und soziologische Schriften. Dieser gewaltige Nachlass ist bis heute nicht vollständig aufgearbeitet und veröffentlicht.

Seine schriftstellerische Arbeit begann Pessoa damit, dass er Gedichte in englischer Sprache schrieb. Außerdem übertrug er englische Gedichte ins Portugiesische. Es folgten portugiesische Gedichte in mehreren Zeitschriften. Schließlich gründete er gemeinsam mit Mário de Sá-Carneiro und Luis de Montalvor die Zeitschrift Orpheu. Von ihr erschienen allerdings nur zwei Nummern.

Als seine wichtigste Prosa-Arbeit gilt Das Buch der Unruhe (Livro do Desassossego). Etwa von 1913 bis 1934 sammelte Pessoa tagebuchartige Reflexionen und Beobachtungen. Er hielt sie auf Zetteln und in Notizbüchern fest und wollte sie bereits zu Lebzeiten unter diesem Titel herausgeben. Erst 1982, also 47 Jahre nach seinem Tod, erschien eine erste Ausgabe. Die heutige Fassung enthält 481 in sich geschlossene Abschnitte, die er meist in einem Zug niederschrieb. Das Buch zeichnet sich durch eine dichte, poetische Genauigkeit aus. Es handelt überwiegend von der Wahrnehmung feiner Dinge des Alltags und des Daseins überhaupt. Bei aller intellektuellen Brillanz ist es nicht frei von Traurigkeit und Kälte.

Unter dem Einfluss seiner Freundschaft mit Aleister Crowley verfasste Pessoa zudem eine Reihe politischer und esoterischer Schriften. Sie zeigen ihn als radikal antidemokratischen Denker mit stark messianistischen Zügen.


Rezeption

Vor allem in der Musik wirkt Pessoa bis heute nach. Besonders portugiesische Musiker wenden sich seinen Texten zu, insbesondere Fado-Sängerinnen und -Sänger. Die Sängerin Mariza etwa vertonte auf ihrem 2005 erschienenen Album Transparente Lyrik von Pessoa. Das Buch Fernando Pessoa – O Fado e a Alma Portuguesa (2013) versammelte mit beiliegender CD zwanzig weitere solcher Beispiele. Dazu gehören Beiträge von Carminho, Ricardo Ribeiro, Camané, Mísia, António Zambujo, Cristina Branco und Ana Moura. Bereits 2002 war beim brasilianischen Label Biscoito Fino die Zusammenstellung A Música em Pessoa erschienen. Sie enthielt vertonte Texte durch Musiker wie Tom Jobim, Edu Lobo oder Milton Nascimento.

Auch Film und Fernsehen griffen sein Werk auf. Mehrfach wurden Texte Pessoas verfilmt, besonders im portugiesischen Kino, vor allem durch João Botelho. Verfilmungen gab es aber auch in französischen und italienischen Produktionen. Schauspieler widmeten sich seinen Texten in Funk und Fernsehen. Die Rezitationen von João Villaret im portugiesischen Rundfunk blieben unvergessen. Namhafte Sprecher nahmen Hörbücher auf, im deutschsprachigen Raum etwa Hanns Zischler (Ein anarchistischer Bankier, 2006) und Udo Samel (Das Buch der Unruhe, 2006 für den rbb). In dem Film Lissabonner Requiem (1998) von Alain Tanner, nach einem Roman von Antonio Tabucchi, sucht die Hauptfigur den Geist Fernando Pessoas zu treffen.

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