1882 – 1957
Leo Perutz
Kurzporträt↑
Erzähler kunstvoll verschachtelter Geschichten war Leo Perutz einer der eigenwilligsten deutschsprachigen Autoren des 20. Jahrhunderts. Er wurde 1882 in Prag geboren und starb 1957 in Bad Ischl. Im Brotberuf war er Versicherungsmathematiker und arbeitete lange für Wiener Versicherungsgesellschaften. Bekannt wurde er mit spannungsreichen historischen Romanen und Zeitromanen, in denen er mit Erzählebenen und rätselhaften Erzählerfiguren spielte. Seine Fähigkeit, gut lesbare, fesselnde Bücher zu schreiben, galt lange als Grund, ihn nicht zur Hochliteratur zu rechnen. Erst in den vergangenen Jahrzehnten ist seine besondere Stellung innerhalb der literarischen Moderne stärker beachtet worden.
Biografie↑
Leopold Perutz stammte aus einer jüdisch-sephardischen Familie, die ursprünglich in Spanien gelebt hatte und seit spätestens 1730 im böhmischen Rakonitz ansässig war. Sein Vater Benedikt Perutz war ein erfolgreicher Textilunternehmer, die Mutter hieß Emilie, geborene Österreicher. Die Eltern zogen noch vor der Geburt des Sohnes nach Prag, wo Leo am 2. November 1882 zur Welt kam. Er hatte drei jüngere Geschwister; die beiden Brüder übernahmen später das Textilunternehmen des Vaters. In der Familie sprach man Deutsch, religiös war sie wenig.
Als Schüler tat sich Perutz schwer. Er besuchte in Prag die Piaristenvolksschule und danach ein Gymnasium, von dem er 1899 verwiesen wurde. Auch in Krumau reichten seine Leistungen nicht für die Matura. 1901 zog die Familie nach Wien. Dort verließ Perutz das Gymnasium 1902 ohne Abschluss und arbeitete vermutlich eine Zeit lang in der Firma seines Vaters. Von 1903 bis Ende 1904 leistete er Wehrdienst beim k.k. Landwehrregiment und schied im Rang eines Korporals aus gesundheitlichen Gründen aus.
Ab dem Wintersemester 1905/1906 schrieb sich Perutz an der Universität Wien ein, allerdings nur als außerordentlicher Hörer, da ihm die Hochschulreife fehlte. Er hörte Mathematik und Volkswirtschaft. Ein Jahr später wechselte er an die Technische Hochschule Wien und beschäftigte sich mit Wahrscheinlichkeitsrechnung, Statistik und Versicherungsmathematik. In seinem Nachlass fanden sich Dokumente, die auf einen Abschluss in Versicherungsmathematik hindeuten. In Wien knüpfte er Kontakte zu jungen Schriftstellern und trug im Verein „Freilicht“ erste literarische Versuche vor. Ein wichtiges Vorbild war für ihn Karl Kraus, dessen Zeitschrift Die Fackel er regelmäßig las.
Im Oktober 1907 fand Perutz eine Anstellung als Versicherungsmathematiker bei den Assicurazioni Generali in Triest, für die auch Franz Kafka arbeitete. Ein Jahr später kehrte er nach Wien zurück und war dort bis 1923 für die Versicherungsgesellschaft Anker tätig. Er berechnete Sterbetafeln und Versicherungssätze; die nach ihm benannte Perutzsche Ausgleichsformel wurde in der Branche noch längere Zeit verwendet. Das Interesse an mathematischen Problemen begleitete ihn sein Leben lang und prägte auch den Bau mancher seiner Bücher. Neben der Arbeit besuchte er die literarischen Cafés, verkehrte unter anderem mit Peter Altenberg, Hermann Bahr, Oskar Kokoschka und Alfred Polgar und unternahm Reisen bis nach Nordafrika und in den Nahen Osten.
Sein erster Roman Die dritte Kugel erschien 1915 und wurde unter anderem von Kurt Tucholsky positiv besprochen. 1916 folgte der gemeinsam mit Paul Frank geschriebene Roman Das Mangobaumwunder, dessen Filmrechte 1917 verkauft wurden. Von der Kriegsbegeisterung des Jahres 1914 ließ Perutz sich nicht mitreißen. Wegen seiner Kurzsichtigkeit wurde er zunächst nicht eingezogen, musste aber im August 1915 doch einrücken. Im Juli 1916 erlitt er in Galizien einen Lungenschuss und lag lange im Lazarett. Danach wurde er zum Leutnant befördert und ab 1917 im Kriegspressequartier eingesetzt. 1918 heiratete er Ida Weil.
Die Jahre zwischen 1918 und 1928 waren seine produktivste Zeit. Der 1918 erschienene Roman Zwischen neun und neun brachte den Durchbruch; die Rechte verkaufte er 1922 an das amerikanische Filmstudio Metro-Goldwyn-Mayer. 1923 gelang ihm mit Der Meister des Jüngsten Tages ein weiterer großer Erfolg bei Publikum und Kritik, und das Buch wurde in viele Sprachen übersetzt. Der 1928 zunächst in Fortsetzungen gedruckte Roman Wohin rollst Du, Äpfelchen machte ihn einem Millionenpublikum bekannt. Perutz und seine Frau wohnten ab 1922 im Wiener Bezirk Alsergrund, ihre Ehe war glücklich. Drei Kinder kamen zur Welt. 1928, kurz nach der Geburt des Sohnes, starb Ida Perutz und stürzte ihn in eine tiefe Krise. Er suchte danach Okkultisten auf, um Kontakt zu seiner toten Frau aufzunehmen, blieb solchen Methoden aber zugleich skeptisch.
In den 1930er Jahren gingen seine Einkünfte zurück, und politisch wandte er sich dem Legitimismus zu. 1933 erschien in Deutschland noch der Roman St. Petri-Schnee. Nach der Machtübernahme der Nationalsozialisten konnte sein Verlag Zsolnay, der als jüdisch galt, die Bücher jedoch kaum noch nach Deutschland ausliefern, und damit brach Perutz sein wichtigster Markt weg. 1935 heiratete er Grete Humburger. Nach dem „Anschluss“ Österreichs floh er 1938 mit seiner Familie über Venedig und Haifa nach Tel Aviv. In Palästina tat er sich anfangs schwer, denn er vermisste das kulturelle Leben und hatte für den Zionismus wenig Sympathien. An Veröffentlichungen war dort kaum zu denken, und er schrieb nur wenig. Ab 1941 erschienen in Argentinien, unterstützt durch Jorge Luis Borges, einige seiner Romane auf Spanisch.
Perutz nahm 1940 die Staatsbürgerschaft Palästinas an. Nach 1945 dachte er an eine Rückkehr nach Europa. Nach der Gründung des Staates Israel fühlte er sich zunehmend unwohl, denn er lehnte jeden Nationalismus ab. 1950 reiste er erstmals wieder nach Österreich und England, 1952 nahm er die österreichische Staatsbürgerschaft wieder an. Die Sommermonate verbrachte er nun stets in Wien und im Salzkammergut. Der literarische Neuanfang blieb schwierig: Sein früherer Verleger lehnte den Roman Nachts unter der steinernen Brücke ab, der schließlich 1953 in Frankfurt am Main erschien. Ein zweiter Roman, Der Judas des Leonardo, kam erst kurz nach seinem Tod heraus. Während eines Besuches im Haus seines Freundes Alexander Lernet-Holenia in Bad Ischl brach Perutz 1957 zusammen und starb kurz darauf im dortigen Krankenhaus im Alter von 74 Jahren. Beigesetzt wurde er auf dem Friedhof von Bad Ischl.
Literarische Merkmale↑
Kennzeichnend für Perutz ist die Fähigkeit, wie es die Neue Deutsche Biographie mit einem Wort Carl von Ossietzkys sagt, „ungewöhnlich fesselnde Romane zu schreiben“. Genau diese Lesbarkeit galt lange als Einwand dagegen, ihn zur Hochliteratur zu rechnen. Erst in den vergangenen Jahrzehnten ist sein eigener Platz innerhalb der literarischen Moderne deutlicher hervorgetreten.
Laut der Neuen Deutschen Biographie suchten seine Romane und Novellen in Abgrenzung zur Literatur des „Jungen Wien“ einen eigenständigen Umgang mit der „Krise des Ich“. Perutz spielte mit Handlungsstrategien und mehreren Erzählebenen und setzte gern undurchsichtige Erzählerfiguren ein. So stellte er die Frage, wie man aus einem Leben oder aus der Geschichte überhaupt einen sinnvollen Zusammenhang macht. Schon sein Debüt Die dritte Kugel zeigte die Merkmale, die sein späteres Werk prägen sollten: den Verlust der eigenen Identität als Thema, kunstvoll gebaute Erzählerfiguren, die Verschachtelung von Rahmen- und Binnenerzählung und die Vermischung von Fakten und Erfindung. In der Folge schrieb er im Wechsel historische Romane und Zeitromane. Auch sein lebenslanges Interesse an mathematischen Problemen schlug sich in der Konstruktion einiger Bücher nieder.
Rezeption↑
Erfolg beim Publikum und Anerkennung bei einzelnen Kritikern begleiteten Perutz schon früh. Kurt Tucholsky besprach Die dritte Kugel positiv, und laut der Neuen Deutschen Biographie überzeugte er auch Hermann Broch bereits mit frühen Werken wie Der Marques de Bolibar. Beim breiten Publikum fand er seit Der Meister des Jüngsten Tages so großen Anklang, dass er seine Arbeit als Versicherungsmathematiker aufgeben und ganz vom Schreiben leben konnte. Zu seinem größten Verkaufserfolg wurde der 1928 veröffentlichte Roman Wohin rollst Du, Äpfelchen.
Mit der Machtübernahme Hitlers verlor Perutz die Möglichkeit, in Deutschland zu veröffentlichen. Zugleich zerstörte der Nationalsozialismus die Kultur, der seine Bücher zugehörten. Das zeigte sich an der geringen Beachtung, die etwa der 1936 in Österreich erschienene Roman Der schwedische Reiter auf Jahre hinaus fand. Im Exil in Palästina bezeichnete Perutz sich nach eigenem Urteil als „forgotten writer“, als vergessener Schriftsteller. Dort stellte er seine beiden letzten Romane fertig: Nachts unter der steinernen Brücke erinnert in vierzehn verknüpften Novellen an das jüdische Prag um 1700, der postum erschienene Der Judas des Leonardo fragt nach dem künstlerischen Umgang mit Verrat und Schuld. Ab 1941 erschienen, unterstützt durch Jorge Luis Borges, spanische Übersetzungen in Argentinien. Erst in den vergangenen Jahrzehnten ist seine besondere Stellung innerhalb der literarischen Moderne stärker ins Blickfeld gerückt.
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