1936
Der schwedische Reiter
Überblick↑
Der historische Roman Der schwedische Reiter von Leo Perutz erschien 1936. Er erzählt eine Verwechslungsgeschichte, die im Schlesien zu Beginn des 18. Jahrhunderts spielt. Im Mittelpunkt stehen zwei Männer, deren Wege sich in einer eiskalten Winternacht kreuzen: ein Dieb auf der Flucht und ein junger schwedischer Edelmann, der zum Heer seines Königs ziehen will. Die Welt des ausgehenden Barock, noch gezeichnet von den Narben des Dreißigjährigen Krieges, bildet den Hintergrund. In sie mischen sich das Wunderbare und das Unheimliche, etwa ein toter Müller, der zwischen Himmel und Hölle vermittelt. So verbindet Perutz genau beobachtete Geschichte mit einem Zug ins Geheimnisvolle.
Inhalt (ohne Spoiler)↑
Im Winter des Jahres 1701 suchen zwei Fremde in derselben Scheune Schutz vor der Kälte. Der eine ist ein Dieb, den man unter seinesgleichen den Hahnenschnapper nennt und dessen wirklichen Namen niemand kennt. Aus Pommern stammend, war er einst Knecht bei einem schwedischen Gutsherrn, ehe er zum Gesetzlosen wurde. Nun sucht er einen Zufluchtsort vor den Dragonern, die das Land durchstreifen und Gesetzlose gnadenlos zur Strecke bringen.
Der andere ist Christian von Tornefeld, ein junger Edelmann aus altem Offiziersgeschlecht. Er ist desertiert und will sich dem Heer des von ihm verehrten Schwedenkönigs Karl XII. anschließen, in dem er seine Berufung sieht. Trotz großspuriger Reden erträgt er die Strapazen der Flucht nur schwer, und es ist der Dieb, der ihn immer wieder zum Weitergehen zwingt.
Die beiden schließen Freundschaft und wollen ihren Weg gemeinsam fortsetzen. Doch das Land ist rau, voller Not und dunkler Gestalten. An einer Mühle, um die sich eine Spukgeschichte rankt, und auf einem verschuldeten Gut geraten die Gefährten in ein Geflecht aus Geheimnissen, Verwechslungen und Bedrohungen, das ihr beider Schicksal auf unvorhergesehene Bahnen lenkt.
Die Handlung im Detail↑
Ein Vorbericht stellt auf wenigen Seiten das Leben einer Maria Christine von Blohme vor. Ihren Vater kannte sie nur unter dem Namen „der schwedische Reiter“. Offiziell fiel er 1709 als hochdekorierter Soldat im Heer Karls XII. in der Schlacht bei Poltawa. Tatsächlich aber hatte er sie, als Kind, in den letzten Monaten seines Lebens immer nur nachts heimlich besucht. Warum das so war und wie die Dinge zusammenhingen, blieb ihr für immer verborgen. Der Vorbericht schließt mit den Worten: „Die Geschichte des ‚schwedischen Reiters' soll nun erzählt werden. Es ist die Geschichte zweier Männer.“
Im Winter 1701 begegnen sich in einer Scheune der Dieb, genannt der Hahnenschnapper, und der Schwede Christian von Tornefeld. Der Dieb will in einem Bistum Zuflucht suchen, wo er in Schmelzöfen und Steinbrüchen unter der strengen Aufsicht eines Bischofs arbeiten könnte, den man im Land nur „des Teufels Ambassador“ nennt. Diese „Vorhölle“ scheint ihm die einzige Überlebenschance, denn dort wäre er vor den Dragonern sicher und würde mit Speis und Trank versorgt. Christian dagegen fühlt sich als Schwede, will zu Karl XII. und rühmt die Kriegstaten seiner Vorfahren.
Die beiden gelangen zu einer Mühle. Von ihr heißt es, der Geist des Müllers suche sie auf, der sich vor zehn Jahren erhängt haben soll, nachdem der Vogt des Bischofs seinen Besitz gepfändet hatte. Der Dieb bemerkt, dass das Mühlrad läuft und Rauch aus dem Schornstein steigt, glaubt aber nicht an den Spuk. Im Inneren finden die Ausgehungerten einen gedeckten Tisch und essen sich satt. Gestärkt schwärmt Christian von seiner Zukunft, die ihm der Besitz eines Arcanums in der schwedischen Armee sichern werde. Der Dieb beneidet ihn, verachtet aber seine Schwäche und will das geheimnisvolle Arcanum sehen. Als seine Sticheleien Christian zum Angriff mit einem Bierkrug reizen, zückt der Dieb das Brotmesser.
In diesem Augenblick bemerken sie eine dritte Gestalt: ein Mann mit lederner, runzliger Haut, schiefem Mund und Augen wie „hohle Nußschalen“, in rotem Wams und Fuhrmannshut. Der Dieb hält ihn für den Geist des toten Müllers und versucht vergeblich Schutzsprüche. Der Alte bestätigt, jener Müller zu sein, berichtet aber, man habe ihn damals rechtzeitig vom Strick geschnitten; nach einem Aderlass sei er genesen und diene nun dem Bischof als Fuhrmann, der ganz Europa bereist. Der abergläubische Dieb glaubt ihm nicht und bleibt überzeugt, einen Toten vor sich zu haben. Der Müller verspottet Christians Kriegslust und hält den Tod im Krieg für sinnlos: „Sechzehn Kugeln gehen auf ein Pfund Blei, und eine davon ist schon für dich gegossen.“ Er verspricht, den Dieb zu den Schmelzöfen zu bringen, wenn die beiden das verzehrte Essen bezahlen.
Da sie keinen Kreuzer besitzen, schickt Christian den Dieb zum Gut seines Vetters und Taufpaten Christian Heinrich Erasmus von Krechwitz, um Geld und Kleider zu holen. Als Beweis gibt er ihm seinen silbernen Wappenring mit. Auf dem Gut Kleinroop findet der Dieb Äcker und Vieh in erbärmlichem Zustand und wird Zeuge der Betrügereien des Rentmeisters. Statt sich vorzustellen, spioniert er nach Diebesart und erfährt, dass die Herrschaft bereits Schmuck versetzt hat, um Schulden zu tilgen. Als Dragoner auf ihn aufmerksam werden, versteckt er sich im Schlafzimmer des Herrenhauses und erschrickt, als er im Bett ein Paar entdeckt.
Er belauscht ein Gespräch der beiden, in dem die Frau dem Mann vorwirft, seine Liebe sei erkaltet. Ein Kichern verrät ihn. Zu seinem Schrecken ist der Mann nicht der Gutsherr, sondern der Dragonerhauptmann Hans-Georg Lilgenau, weithin als Malefizbaron gefürchtet, bei einem Stelldichein mit der Magd Margret. Mit kaiserlicher Erlaubnis jagt dieser Mann die Räuberbanden Schlesiens und Böhmens; die Gefassten brandmarkt er mit einem L auf der Stirn und schickt sie lebenslang auf die Galeeren. Vor ihm gerade hatte der Dieb in die Arbeitshölle des Bischofs fliehen wollen.
Der Malefizbaron ruft seine Dragoner. Ein Dragoner namens Lienhard, der die Räuberbande des schwarzen Ibitz ausspioniert, bestätigt, dass der Dieb nicht zu jener Bande gehört. Da gibt der Dieb sich als Gesandter des Patenkindes der Herrschaft aus, des Schweden Christian von Tornefeld. Doch der Malefizbaron lacht ihn aus und lässt ihn festnehmen. Verwirrt wird er von den Worten der Magd, die Herrschaft habe „nirgends in der Welt ein Patenkind“. Das Rätsel klärt sich, als der Baron ihn vor die Herrschaft führt: Christians Vetter ist längst tot, und das Gut gehört dessen siebzehnjähriger Tochter, der schönen Maria Agneta. Nun begreift der Dieb, warum auf dem Gut alles zerfällt und jeder das arme Mädchen ausnutzt. Maria Agneta ist bei ihrem Paten, dem Freiherrn von Saltza, verschuldet, der sie deshalb zu einer Heirat zwingen zu können glaubt.
Stil↑
Angesiedelt in der Zeit des ausgehenden Barock, lässt der Roman eine Welt aufleben, die noch die Narben des Dreißigjährigen Krieges trägt und in der die Sitten rau sind. Die Sprache passt sich dieser Epoche an: Sie ist durchsetzt von saloppen Wendungen, alten Wörtern und französischen Einsprengseln. So entsteht ein breites Zeitpanorama, vor dem sich die Figuren entfalten.
Neben den handfest gezeichneten Menschen behalten in diesem Roman Zaubersprüche und Aberglaube ihre Geltung. Ein toter Müller tritt als Mittler zwischen Himmel und Hölle auf, und in der Mitte des Buches erlebt die Hauptfigur die Vision eines himmlischen Gerichts. Perutz verschränkt das genau beobachtete historische Bild mit diesen phantastischen Zügen, so dass das Wirkliche und das Unheimliche ununterscheidbar nebeneinanderstehen. Aufgebaut ist das Werk aus einem Vorbericht und vier Kapiteln – „Der Dieb“, „Der Gottesräuber“, „Der schwedische Reiter“ und „Der Namenlose“ –, in denen das Leben der beiden Männer einmal ausführlich, einmal knapp umrissen erzählt wird.
Rezeption↑
Als einer der historischen Romane von Leo Perutz erschien Der schwedische Reiter im Jahr 1936. Er reiht sich in das Werk eines Autors ein, der geschichtliche Stoffe mit rätselhaften, ins Phantastische reichenden Wendungen zu verbinden wusste. Die Mischung aus dicht gezeichnetem historischem Milieu und einem geheimnisvollen Grundton, in dem sich Verwechslung, Aberglaube und Spuk verweben, hat dem Buch seine anhaltende Anziehungskraft bewahrt.
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