Meisterwerke der Worte
MEISTERWERKE DER WORTE
Das Lexikon der klassischen Literatur
MEISTERWERKE DER WORTE
Das Lexikon der klassischen Literatur
Werkseintrag · Der schwarze Obelisk
Eingang · Werke · Der schwarze Obelisk
Cover Der schwarze Obelisk
Der schwarze Obelisk
1956
– Werkseintrag –

Der schwarze Obelisk

1956 · Roman

Ein Grabsteinverkäufer im Inflationsjahr 1923, eine geheimnisvolle Frau im Irrenhaus und ein ganzes Land am Rande des Abgrunds – Remarques sarkastische Geschichte einer verlorenen Jugend.

Überblick

Mit dem Roman Der schwarze Obelisk kehrte Erich Maria Remarque zu jenem Thema zurück, das sein gesamtes Werk prägt: den Überlebenden des Ersten Weltkriegs, die nach ihrer Heimkehr kein gewöhnliches Leben mehr finden. Der Untertitel nennt es eine „Geschichte einer verspäteten Jugend". Das Buch erschien 1956, doch seine Wurzeln reichen weit zurück: Erste Vorarbeiten leistete Remarque schon in den 1920er- und 1930er-Jahren, parallel zur Arbeit an Drei Kameraden. Thematisch bildet es eine lockere Fortsetzung von Im Westen nichts Neues und Der Weg zurück. Den Hintergrund bilden die Wirtschaftskrise und die rasende Inflation des Jahres 1923.

Inhalt (ohne Spoiler)

Im Mittelpunkt steht der junge Ludwig Bodmer, der in der Stadt Werdenbrück Grabsteine verkauft und sich seinen Lebensunterhalt im Jahr 1923 inmitten der galoppierenden Inflation sichern muss. Gemeinsam mit seinem Chef Georg Kroll führt er das Geschäft, das von Tag zu Tag schwieriger wird, weil das Geld immer rascher an Wert verliert. Seinen Beruf betreibt Ludwig mit viel Sarkasmus, den er sich im Krieg angeeignet hat.

Nebenbei spielt er gelegentlich Orgel im Irrenhaus der Stadt. Dort trifft er regelmäßig auf Geneviève Terhoven, eine Frau mit gespaltener Persönlichkeit, die sich meist für die verträumte, geheimnisvolle Isabelle hält. Sie nennt ihn bei wechselnden Namen, doch er liebt sie auf eine zurückhaltende, beinahe scheue Weise. Mit ihr führt er ernste Gespräche über die letzten Fragen des Lebens, und oft erscheint sie ihm vernünftiger als die Gesunden draußen.

Rund um diese beiden Lebenswelten entfaltet das Buch ein dichtes Bild der Zeit: die Tricks, mit denen die Menschen sich über Wasser halten, die Eifersüchteleien und kleinen Liebesgeschichten, der allgegenwärtige Krieg in den Erinnerungen der Männer und der langsam erstarkende Nationalismus, der besonders aus einem Kriegerverein spricht.

Die Handlung im Detail

Erzählt wird die Geschichte von Ludwig Bodmer selbst, der im Jahr 1923 in der Stadt Werdenbrück als Grabsteinverkäufer arbeitet. Die Inflation bestimmt jeden Tag: Der Wert der Papiermark sinkt im Verlauf der Handlung von 30.000 pro Dollar bis auf eine Billion. Gemeinsam mit seinem Chef Georg Kroll versucht Ludwig, das Geschäft am Leben zu halten. Beide durchschauen die Mechanismen des Überlebens und nutzen sie auch selbst aus. So nehmen sie den Restaurantbesitzer Knobloch mit Essensmarken aus, die sie auf Vorrat gekauft haben; weil diese Marken mit der Zeit kaum noch etwas wert sind, treiben sie ihn jedes Mal zur Weißglut.

Neben dem Geschäft spielt Ludwig im Irrenhaus der Stadt Orgel. Dort begegnet er Geneviève Terhoven, die sich meistens für Isabelle hält, eine liebenswürdige, verträumte, mystische Frau. Sie nennt ihn Rolf, Rudolf, seltener auch Raoul, doch er liebt sie auf verhaltene, platonische Weise. Mit ihr spricht er über die letzten Fragen, und sie kommt ihm oft vernünftiger vor als die Gesunden.

Die Liebesverhältnisse bringen Verwirrung und Eifersucht. So verliert Ludwig „seine" Gerda an den Restaurantbesitzer Knobloch, denn manche Frauen suchen sich in dieser unsicheren Zeit reiche und erfolgreiche Männer zum Heiraten. Über allem liegt der Erste Weltkrieg, der tief in den Personen verankert ist und über den sie immer wieder sprechen. Zugleich wächst der aufkommende Nationalsozialismus heran, vor allem in einem Kriegerverein, der kurz nach dem Krieg noch pazifistisch war, sich mit der Zeit aber stark nationalistisch ausrichtet.

Gegen Ende tritt Ludwig eine Stelle bei einer Zeitung an. Er wird mit 200 Roggenmark im Monat bezahlt – einer getreidegedeckten Währung, die 1923 als mögliche Alternative diskutiert, aber verworfen wurde. Das letzte Kapitel ist ein Rückblick aus dem Jahr 1955 auf die weiteren Schicksale der Figuren. Ludwig Bodmer sieht keinen seiner Werdenbrücker Weggenossen wieder, denn die meisten kommen entweder im Zweiten Weltkrieg oder in Konzentrationslagern um.

Ein zentrales Sinnbild des Buches ist der titelgebende Grabstein: ein schwarzer, glänzend polierter Stein, der im Geschäft „SS" genannt wird. Dass dieser Obelisk am Ende ausgerechnet an eine Bordellbesitzerin verkauft wird, zeigt, wie sehr die bürgerlichen Wertvorstellungen verkommen sind.

Stil

Erzählt wird der Roman aus der Ich-Perspektive Ludwig Bodmers, was dem Geschehen Unmittelbarkeit und eine persönliche Färbung gibt. Der Grundton ist von beißendem Sarkasmus geprägt, den die Hauptfigur sich nach eigener Aussage im Krieg angeeignet hat. So verbindet das Buch bittere Komik mit ernster Nachdenklichkeit, etwa in den langen Gesprächen über die letzten Fragen, die Ludwig mit Isabelle führt.

Die Erzählung trägt deutlich autobiografische Züge. Ludwig Bodmer durchläuft mehrere Stationen aus Remarques eigenem Leben: Beide waren nach dem Krieg kurze Zeit Volksschullehrer, verkauften Grabsteine und spielten Orgel in einem Irrenhaus. Zudem versuchte sich Ludwig – nicht sehr erfolgreich – als Dichter. Auch die fiktive Stadt Werdenbrück entspricht in vielen Einzelheiten Osnabrück, wo Remarque geboren wurde und seine Jugend verbrachte.

Über den einzelnen Bildern liegt eine durchgehende Symbolik. Der schwarze Obelisk steht für den Herrschaftsanspruch des reichen Bürgertums, der in der Inflationszeit zerfällt; dass der monarchistisch gesinnte Feldwebel a. D. Knopf den Stein immer wieder zur Verrichtung seiner Notdurft nutzt, treibt diese Entwertung ins Komische.

Rezeption

Bis heute wird Der schwarze Obelisk als Osnabrücker Schlüsselroman gelesen, in dem sich hinter den erfundenen Figuren reale Personen der Heimatstadt verbergen. Der dichtende Wirt Eduard Knobloch etwa geht auf einen tatsächlichen Osnabrücker Gastwirt zurück, und auch weitere Mitglieder des Werdenbrücker Dichterclubs lassen sich auf wirkliche Vorbilder zurückführen. Tilman Westphalen deutet diese Bezüge in seinem Nachwort als Absicht Remarques, die Wurzeln des Nationalsozialismus im Kleinbürger- und Bürgertum der eigenen Heimatstadt offenzulegen – beispielhaft für zahllose Mittelstädte dieser Art.

Auch der titelgebende Obelisk wurde gedeutet: In Rezensionen erscheint er als warnender Finger, der gegen die drohende Aufrüstung der Bundesrepublik in den ausgehenden 1950er Jahren in den Himmel zeigt. Die fortdauernde Beschäftigung mit dem Werk schlägt sich in einer Reihe wissenschaftlicher Untersuchungen nieder, darunter Arbeiten aus dem Erich-Maria-Remarque-Archiv. Im Jahr 2020 erschien zudem ein Dokumentarfilm, der den Roman näher betrachtet.

Mitglieder des YouTube-Kanals erhalten das ganze Lexikon als PDF zum Download – zum Sammeln, Offline-Lesen und Ausdrucken. Mitglied werden →

meisterwerke-der-worte.de · Auszug aus dem Lexikon · Alle Rechte vorbehalten