1898 – 1970
Erich Maria Remarque
Kurzporträt↑
Erich Maria Remarque (1898–1970) war ein deutscher Schriftsteller. Mit dem Antikriegsroman Im Westen nichts Neues wurde er 1928/29 zu einem der berühmtesten und umstrittensten Autoren seiner Zeit. Das Buch wurde in mehr als zwanzig Sprachen übersetzt und 1930 in Hollywood verfilmt. Es erzählt die Geschichte einer Generation, "die vom Krieg zerstört wurde". Im nationalsozialistischen Deutschland wurden seine Bücher verboten und 1933 öffentlich verbrannt. 1938 wurde ihm die deutsche Staatsbürgerschaft aberkannt. Remarque lebte ab 1931 in der Schweiz. 1939 ging er in die USA ins Exil und erhielt 1947 die amerikanische Staatsbürgerschaft. Seine pazifistischen Romane über die Grausamkeit des Krieges finden bis heute weite Verbreitung.
Biografie↑
Erich Paul Remark wurde am 22. Juni 1898 in Osnabrück geboren. Er stammte aus einer katholischen Familie französischer Herkunft (ursprünglich Remacle bzw. Remarck). Sein Vater Peter Remark war Buchbinder- und Maschinenmeister. Die Mutter Anna Maria stammte aus einer Bergmannsfamilie. Von 1912 bis 1915 besuchte er die schulgeldfreie Katholische Präparande in Osnabrück. Anschließend besuchte er bis zum Notexamen 1916 das Katholische Lehrerbildungsseminar. Prägend für seine künstlerischen Anfänge wurde der Freundeskreis um den Maler Fritz Hörstemeier. Dessen romantisch-dekadentes Weltbild findet sich in Remarques erstem, unbeachtet gebliebenem autobiographischen Künstlerroman Die Traumbude (1920) wieder.
Im November 1916 wurde Remarque zum Kriegsdienst eingezogen. Ab Juni 1917 war er Schanzsoldat an der Westfront. Bald darauf wurde er schwer verwundet und verbrachte die Zeit bis November 1918 in einem Lazarett in Duisburg. Dort begann er bereits eine erste, rasch abgebrochene Niederschrift seines zehn Jahre später vollendeten Romans Im Westen nichts Neues. Nach dem Krieg absolvierte er im September 1919 die Lehramtsprüfung für Volksschulen und wurde Aushilfslehrer in der ländlichen Umgebung Osnabrücks. Den Schuldienst quittierte er aber bereits im November 1919. Danach arbeitete er unter anderem als Grabsteinverkäufer. Diese Erfahrung sollte später in den Roman Der schwarze Obelisk (1956) einfließen.
Sein Pseudonym wählte er in Verehrung für Rainer Maria Rilke und im Rückgriff auf seine französischen Vorfahren. 1921 versuchte er sich erfolglos mit Gedichten, Erzählungen und Romanen. Ein Jahr später ging er als Werbetexter und Redakteur nach Hannover. Dort leitete er die Werkszeitung des Reifenherstellers Continental. Ende 1924 zog er nach Berlin und wurde Redaktionsmitglied der Zeitschrift "Sport und Bild" im Scherl-Verlag Alfred Hugenbergs. Dort veröffentlichte er neben Mode- und Sportartikeln den Rennfahrerroman Station am Horizont (1926). 1925 heiratete er in Berlin Ilse Jutta Zambona. Die Ehe wurde 1930 geschieden. Das Paar heiratete 1938 erneut und ließ sich 1951 ein zweites Mal scheiden.
Am 10. November 1928 begann in der "Vossischen Zeitung" der Vorabdruck von Im Westen nichts Neues. Anfang 1929 erschien die erste deutsche Buchausgabe im Ullstein-Verlag. Im Juni 1930 überschritt die Auflage bereits die Millionengrenze. Über Nacht wurde Remarque zu einem der berühmtesten, umstrittensten und reichsten deutschsprachigen Autoren. Die 1930 in Hollywood gedrehte Verfilmung unter der Regie von Lewis Milestone wurde ebenfalls ein Welterfolg. Ihre Vorführungen in Berlin wurden Ende 1930 von den Nationalsozialisten massiv gestört. Der Film wurde zeitweise verboten und vom Reichstag mehrheitlich scharf kritisiert. Erst nach 1952 kam er in einer gekürzten Fassung wieder in bundesdeutsche Kinos.
1931 erwarb Remarque die Casa Monte Tabor am Lago Maggiore. Plötzlicher Ruhm, politische Angriffe und Auseinandersetzungen mit der Steuerbehörde führten im April 1932 zur Übersiedlung nach Porto Ronco am Lago Maggiore. Dort wohnte er bis zu seinem Tod – ausgenommen längere Aufenthalte in Paris in den 1930er Jahren und sein Exil in New York und Hollywood von 1939 bis 1948. 1933 wurden seine Bücher im NS-Staat verboten und öffentlich verbrannt. 1938 wurde ihm die deutsche Staatsbürgerschaft aberkannt. 1939 emigrierte er in die USA. 1947 erhielt er die amerikanische Staatsbürgerschaft. Seine Schwester Elfriede Scholz wurde 1943 nach einer Denunziation wegen "Wehrkraftzersetzung" vom Volksgerichtshof zum Tode verurteilt und in Berlin hingerichtet.
1948 kehrte Remarque in die Schweiz zurück, hielt sich aber weiterhin häufig in den USA auf. 1958 heiratete er in dritter Ehe die Schauspielerin Paulette Goddard. Er blieb ein scharfer Gegner des Dritten Reiches und lehnte ebenso das kommunistische Regime in der DDR ab. In einigen Romanen und Theaterstücken kritisierte er die verweigerte Vergangenheitsbewältigung in der Bundesrepublik, etwa im Filmdrehbuch Der letzte Akt (1955) und im Schauspiel Die letzte Station (1956). Mit Der Funke Leben (1952) legte er laut der Deutschen Biographie eines der bewegendsten fiktiven Bücher über das Schicksal der Menschen in den Konzentrationslagern vor. 1954 thematisierte er in Zeit zu leben und Zeit zu sterben die Verbrechen der deutschen Wehrmacht im Osten. Erich Maria Remarque starb am 25. September 1970 in Locarno und wurde in Porto Ronco bei Ascona bestattet.
Literarische Merkmale↑
Mit Im Westen nichts Neues verarbeitete Remarque die Fronterlebnisse des Ersten Weltkriegs literarisch. Er erzählte, wie er selbst formulierte, die Geschichte einer Generation, "die vom Krieg zerstört wurde". Der Roman wurde in mehr als zwanzig Sprachen übersetzt und machte ihn über Nacht weltberühmt. Bereits zehn Jahre vor der Veröffentlichung, im Lazarett von Duisburg, hatte er eine erste, rasch wieder abgebrochene Niederschrift begonnen. Das zeigt, wie lange ihn der Stoff begleitete.
Sein Werk speist sich aus eigener Anschauung: das Soldatenleben an der Westfront, die Heimkehr und die Verlorenheit der Kriegsgeneration, später das Schicksal der Emigranten in Europa und Amerika sowie die Verbrechen des nationalsozialistischen Staates. Marcel Reich-Ranicki urteilte, Remarques Prosa sei zwar nicht durch künstlerische Originalität, aber durch handwerkliches Können geprägt und habe genau den Nerv der Zeit getroffen. Obwohl er Stoffe gewählt habe, die als unpopulär galten, habe er mit jedem seiner Bücher hohe Auflagen erzielt: Er habe immer nur geschrieben, was und wie es ihm gefiel, und genau das wollte das Publikum haben.
Sein Biograph Wilhelm von Sternburg beschreibt Remarque als "ungemein genauen Beobachter seiner Zeit […], einen radikalen Deuter der Politik, einen Menschenfreund, der auf Distanz blieb". In der Öffentlichkeit gab er sich als dandyhafter Erfolgsautor, kenntnisreicher Kunstsammler und Lebemann mit Affären zu berühmten Schauspielerinnen, darunter eine langjährige Beziehung zu Marlene Dietrich. Hinter dieser Maske verbarg sich jedoch ein überaus sensibler, von schweren Depressionen heimgesuchter und um jedes neue Werk ringender Autor, so die Deutsche Biographie.
Rezeption↑
Remarques Romane fanden ein Millionenpublikum. Das literarische Urteil über sie blieb jedoch gespalten. Laut der Deutschen Biographie wurde er von der deutschen Literaturwissenschaft und ‑kritik seit seinen Anfängen unterschätzt und in die Nähe von Kolportage, Unterhaltungsprosa oder Trivialliteratur gerückt – im Gegensatz zur angelsächsischen Germanistik. Seine Kritiker übersahen dabei die bedeutende politische und humanistische Dimension seines Werks, so Wilhelm von Sternburg. Von dieser Dimension zeugt nicht nur Im Westen nichts Neues, sondern auch die Emigrantenromane Liebe Deinen Nächsten (1941), Die Nacht von Lissabon (1962), Schatten im Paradies (1971) und sein zweiter Welterfolg Arc de Triomphe (1945).
Viele seiner Bücher wurden international verfilmt, unter anderem Der Weg zurück (1937, Regie James Whale), Drei Kameraden (1938, Regie Frank Borzage), Arc de Triomphe (1948, Regie Lewis Milestone) und Zeit zu leben und Zeit zu sterben (1957, Regie Douglas Sirk). Zu Lebzeiten wurde er mit der Justus-Möser-Medaille der Stadt Osnabrück (1964) und dem Großen Bundesverdienstkreuz (1967) ausgezeichnet. 1968 wurde er Mitglied der Deutschen Akademie für Sprache und Dichtung.
In seiner Geburtsstadt Osnabrück wird sein Erbe bis heute gepflegt. Seit 1991 verleiht die Stadt den Erich-Maria-Remarque-Friedenspreis. Im selben Jahr nahm das Erich-Maria-Remarque-Jahrbuch mit jährlich ergänzter Bibliographie seine Arbeit auf. 1986 wurde die Erich-Maria-Remarque-Gesellschaft gegründet. Sie organisiert mit über zweihundert Mitgliedern im In- und Ausland Lesungen, Vorträge und Diskussionen. 1996 öffnete in Osnabrück das Erich-Maria-Remarque-Friedenszentrum, ein gemeinsam von Stadt und Universität betriebenes Museum mit Archiv und Dauerausstellung unter dem Motto "Unabhängigkeit – Toleranz – Humor". Zu seinem 50. Todestag am 25. September 2020 widmete es ihm eine Sonderausstellung. Sein Nachlass wird im Erich-Maria-Remarque-Archiv der Universität Osnabrück verwahrt.
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