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MEISTERWERKE DER WORTE
Das Lexikon der klassischen Literatur
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Autoreneintrag · Brigitte Reimann
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Porträt Brigitte Reimann
Brigitte Reimann
1933 – 1973
– Autorenporträt –

Brigitte Reimann

1933 – 1973 · 39 Jahre

Die DDR-Erzählerin Brigitte Reimann gab mit ihrem Kurzroman „Ankunft im Alltag“ einer ganzen Literaturrichtung den Namen – heute gelten ihre Tagebücher als ihr eigentliches literarisches Vermächtnis.

Kurzbiografie↑

Zu den bekanntesten Erzählerinnen der DDR-Literatur zählt Brigitte Reimann, geboren am 21. Juli 1933 in Burg bei Magdeburg, gestorben am 20. Februar 1973 in Ost-Berlin. Mit dem Kurzroman Ankunft im Alltag (1961) gab sie der sogenannten Ankunftsliteratur ihren Namen. Ihr unvollendet gebliebenes Hauptwerk, der Roman Franziska Linkerhand, erschien erst nach ihrem frühen Tod und wurde zum Kultbuch einer Generation. In der Rückschau gelten vielen Kritikern und Lesern jedoch ihre Tagebücher als das eigentliche literarische Vermächtnis dieser Autorin, die mit nur 39 Jahren an Krebs starb.


Biografie↑

Als ältestes von vier Geschwistern wuchs Brigitte Reimann in Burg bei Magdeburg auf. Ihr Vater Willi Reimann (1904–1990) war Bankkaufmann, die Mutter Elisabeth (1905–1992) Sekretärin. Mit 14 Jahren erkrankte sie an Kinderlähmung und musste ein halbes Jahr auf einer Isolierstation verbringen. In dieser Zeit fasste sie den Entschluss, Schriftstellerin zu werden. Laut der Neuen Deutschen Biographie behielt sie infolge der Erkrankung eine leichte Gehbehinderung.

In Burg gehörte sie der „Arbeitsgemeinschaft Junger Autoren“ an, wo sie durch den Schriftsteller Otto Bernhard Wendler nachdrücklich gefördert wurde. Schon während der Schulzeit fand sie mit selbstverfassten Theaterstücken öffentliche Anerkennung. Nach dem Abitur 1951 arbeitete sie zunächst zwei Jahre als Grundschullehrerin. 1953 heiratete sie Günter Domnik; die Ehe wurde 1958 geschieden. In der Spätphase dieser Ehe suchte das Ministerium für Staatssicherheit Kontakt zu ihr, auf den sie sich aus pragmatischen Gründen einließ. Kurz darauf offenbarte sie sich jedoch gegenüber dem Vorstand des Schriftstellerverbandes, woraufhin die Stasi den Kontakt einstellte.

Ihr literarischer Durchbruch gelang 1956 mit der Erzählung Die Frau am Pranger, einer Liebesgeschichte zwischen einer Deutschen und einem russischen Kriegsgefangenen. In ihrem Frühwerk war Reimann dem Bitterfelder Weg verpflichtet, nach dessen Leitlinien Autoren durch die Arbeit in Industriebetrieben einen engeren Kontakt zum Volk suchen sollten. Auch dem staatlich propagierten Sozialistischen Realismus stand sie anfangs positiv gegenüber; Walter Ulbricht berief sie in die Jugendkommission beim Zentralkomitee der SED.

1960 zog sie nach Hoyerswerda, wo sie bis 1968 lebte und im VEB Kombinat Schwarze Pumpe arbeitete. Aus dieser Tätigkeit heraus entstand 1961 der Kurzroman Ankunft im Alltag, der die Erlebnisse dreier Abiturienten in einer Arbeiterbrigade schildert. Das Buch hatte großen Erfolg und gab der Ankunftsliteratur ihren Namen. In diesen Jahren war Reimann in zweiter Ehe mit dem Schriftsteller Siegfried Pitschmann (1930–2002) verheiratet, mit dem sie mehrere Hörspiele und Szenarien schuf. Für ihre Erzählung Die Geschwister (1963), die das Thema der Flucht in den Westen behandelt, erhielt sie 1965 den Heinrich-Mann-Preis.

Von 1964 bis 1970 war sie mit Hans Kerschek verheiratet, den sie in ihren Tagebüchern Jon K. nannte. Mit der Zeit veränderten sich ihre politische Haltung und ihr literarischer Anspruch. Ab November 1968 wohnte sie in Neubrandenburg, enttäuscht über die verschenkte Chance beim Aufbau einer neuen Stadt und einer neuen Gesellschaft. 1971 heiratete sie in vierter Ehe den Arzt Rudolf Burgartz (1943–2015). Hier arbeitete sie an ihrem Hauptwerk Franziska Linkerhand, obwohl sie in ihren letzten Lebensjahren schwer von einer Krebserkrankung gezeichnet war. Sie starb im Februar 1973 in der Robert-Rössle-Klinik in Berlin-Buch. Da kein Testament überliefert war, ging ihr gesamtes Erbe auf ihren letzten Ehemann über.


Literarische Merkmale↑

Anfangs schrieb Reimann im Sinne des Sozialistischen Realismus und des Bitterfelder Wegs, doch ihr literarischer Anspruch wandelte sich. Mit der Erzählung Die Geschwister näherte sie sich einer modernen Erzählstruktur; die Deutsche Biographie sieht darin eine Zäsur in ihrem Schaffen. In ihrem postum veröffentlichten Romanfragment Franziska Linkerhand experimentierte sie verstärkt mit Formen des assoziativen und subjektiven Erzählens.

Kennzeichnend ist die genaue Kenntnis des Alltags von Arbeitern und Angestellten, die sie aus ihrer eigenen Tätigkeit gewann. Zugleich sprach sie in ihrem Roman Franziska Linkerhand aus, was offiziell nicht vorkommen durfte: Einsamkeit, Vergewaltigung, Alkohol, Selbstmord und kompromissloses Denken. Diese Verbindung von sozialistischer Aufbauvision und schonungsloser Wahrnehmung der Wirklichkeit prägt vor allem ihr späteres Werk. In den Tagebüchern und Briefen tritt eine sehr persönliche, offene Stimme hervor, die ihr Denken und Fühlen unmittelbar festhält.


Rezeption↑

Bereits Ankunft im Alltag war ein vielgelesenes Buch, dessen Titel einer ganzen Literaturrichtung der DDR den Namen gab. Die Geschwister zählt neben Christa Wolfs Der geteilte Himmel laut der Deutschen Biographie zu den bedeutendsten Thematisierungen der Republikflucht in der DDR. Der Roman Franziska Linkerhand avancierte zum Kultbuch einer Generation, weil er aussprach, was es offiziell nicht geben durfte.

Von diesem Roman erschien 1974 in der DDR zunächst eine gekürzte Fassung; eine vollständige Ausgabe nach dem überlieferten Typoskript folgte erst 1998. Aus dem Nachwort von Witold Bonner geht hervor, dass in der Erstausgabe etwa vier Prozent des Textes gestrichen worden waren, darunter viele DDR-kritische Passagen. 1981 entstand nach Motiven des Romans der DEFA-Film Unser kurzes Leben.

Nach ihrem Tod erlangten Reimanns Tagebücher in den Augen von Kritikern wie Lesern den Rang ihres eigentlichen literarischen Hauptwerks. Der Aufbau-Verlag legte 1997 und 1998 eine zweibändige Ausgabe der Tagebücher vor. Zahlreiche Ehrungen folgten: In Hoyerswerda wurde die Stadtbibliothek nach ihr benannt, in Neubrandenburg eine Gedenkstätte eingerichtet, und 2004 verfilmte die Fernsehproduktion Hunger auf Leben mit Martina Gedeck ihr Leben. 2023 erschien Carsten Gansels Biographie Ich bin so gierig nach Leben.

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