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Das Lexikon der klassischen Literatur
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Werkseintrag · Franziska Linkerhand
Eingang · Werke · Franziska Linkerhand
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Franziska Linkerhand
1974
– Werkseintrag –

Franziska Linkerhand

1974 · Roman

Eine junge Architektin will menschenwürdige Städte bauen, doch stößt im grauen Alltag der DDR-Plattenbauten an Mauern aus Zwängen, Ideologie und Resignation.

Überblick↑

Der Roman Franziska Linkerhand von Brigitte Reimann erschien 1974 postum in Ost-Berlin und blieb unvollendet. Zwanzig Jahre lang hat die Autorin geschrieben, davon die letzten zehn an diesem Buch, das als ihr bedeutendstes literarisches Werk gilt. Weil es den DDR-Alltag offen schildert, spielte es in den 1970er und 1980er Jahren eine wichtige Rolle für die kritische Auseinandersetzung innerhalb der DDR. Der Roman trägt stark autobiografische Züge. 1998 kam eine ungekürzte Neuausgabe heraus.

Im Mittelpunkt steht eine junge, ehrgeizige Architektin, die voller Begeisterung in eine neu entstehende Stadt am östlichen Rand der DDR geht. Dort will sie ihre Ideale eines menschenwürdigen Städtebaus verwirklichen. Ihr Anspruch gerät in einen scharfen Konflikt mit wirtschaftlichen Zwängen, mit erstarrten Denkweisen und mit der Resignation ihrer Kollegen.

Inhalt (ohne Spoiler)↑

Die junge Franziska Linkerhand stammt aus einem bürgerlichen Elternhaus. Ihr Vater ist ein protestantischer Verleger alter Schule, im Text stets nur „Linkerhand“ genannt. Die Familie kommt mit der neuen Gesellschaftsordnung nach dem Krieg nicht zurecht. Franziska erzählt ihre schwierige Jugend rückblickend und richtet ihren Lebensbericht an einen Geliebten, den sie Ben nennt.

Die Architektur liegt in der Familie. Nach dem Diplom bei ihrem berühmten Lehrer Professor Reger entscheidet sich die junge Frau gegen dessen glanzvolle Prestige-Projekte und für den nüchternen Städtebau. Sie geht nach Neustadt, wo Wohnungen für die Arbeiter eines großen Kombinats entstehen müssen. Dort wird Genosse Schafheutlin ihr Vorgesetzter. Er warnt sie von Anfang an: Schnell und billig viele Wohnungen zu bauen, sei die einzige vordringliche Aufgabe. Franziska stürzt sich dennoch mit hochfliegenden Plänen in die Arbeit und hält dagegen, abends sei Neustadt „toter als Pompeji und Herkulanum“.

Eines Abends entdeckt sie in einem Restaurant einen Mann, der sie an ihren Bruder erinnert. Sie nennt ihn bei sich Ben, doch er heißt Wolfgang Trojanowicz. Fasziniert von seiner Männlichkeit und seinem abgeklärten Zynismus, gerät sie in ein kompliziertes und zerbrechliches Verhältnis zu ihm. Zugleich reibt sie sich immer stärker an den Grenzen ihrer Arbeit auf.

Die Handlung im Detail↑

Franziskas Rückblick auf ihre Jugend setzt kurz nach dem 30. April 1945 ein. Ihr Vater, der Verleger Linkerhand, distanziert sich im Nachhinein vom Diktator und behauptet, ihn nicht gewählt zu haben. Die Eltern finden sich in der neuen Ordnung nicht zurecht und gehen Anfang der 1960er Jahre nach Bamberg. In den Maitagen 1945 wird die rote Fahne herausgehängt, und Franziska lernt das Wort „Kapitalist“ – so nennen die Russen den Vater, der seine mittelalterlichen Kunstschätze vergeblich im Salatbeet vergräbt. Nicht er ernährt in jenem Frühjahr die Familie, sondern vor allem ihr acht Jahre älterer Bruder Wilhelm.

Wilhelm studiert weit entfernt Kernphysik, promoviert später und arbeitet als privilegierter Wissenschaftler in Dubna. Mit achtzehn Jahren verliert Franziska ihre Unschuld an den 19-jährigen Arbeiter Wolfgang Exß. Wilhelm, auf Heimaturlaub, verprügelt den Verführer. Franziska heiratet Wolfgang, doch die Ehe scheitert.

Unter ihrem Lehrer Professor Reger macht sie das Diplom; er nimmt sie sogar in sein Haus auf. Die 24-Jährige entscheidet sich gegen seine Prestige-Projekte und für den Städtebau in Neustadt. Vorgesetzter wird Genosse Schafheutlin, der stolz auf die Ergebnisse der modernen industriellen Plattenbauweise ist. Er selbst wohnt mit Frau und vier Kindern eine Stunde entfernt. Mit dem 28-jährigen Kollegen Jazwauk soll Franziska die Sanierung der Altstadt planen. Sie setzt hohe Ansprüche, doch Schafheutlin ermahnt sie immer wieder zur schnellen, billigen Bauweise.

In einem Restaurant entdeckt Franziska einen Mann, der ihrem Bruder ähnelt, und nennt ihn im Stillen Ben. Es ist Wolfgang Trojanowicz. Er provoziert sie mit der Behauptung, der Wohnungsbau habe nur „eine Siedlung von Fernsehhöhlen“ hervorgebracht. Franziska quält sich mit Eifersucht, weil Trojanowicz mit Sigrid liiert ist, einer Sport- und Russischlehrerin. Zwischen den beiden entsteht ein kompliziertes, zerbrechliches Liebesverhältnis. Doch am Ende kehrt Trojanowicz zu Sigrid zurück.

Gegen Ende des Fragments schildert die Autorin Trojanowiczs Vergangenheit als eine Art Protokoll. Der gebürtige Masure steigt nach dem Krieg zum FDJ-Sekretär auf und wird am 17. Juni als „roter Agitator“ zu empörten Leipziger Arbeitern geschickt, wo er fliegenden Schraubenschlüsseln ausweichen muss. Danach macht er sich als Journalist einen Namen. 1956 lernt er während seiner Promotion in Leipzig Sigrid kennen. Im selben Jahr wird er nach den Ungarn-Ereignissen aufgrund unbewiesener Verdächtigungen festgenommen und zu vier Jahren Bautzen verurteilt. Im letzten Jahr arbeitet er in einem Haftlager beim Bau eines Kombinats.

Franziska erkennt zunehmend, dass ihre Arbeit an den einförmigen Typenprojekten auch eine technische Zeichnerin erledigen könnte. Ihre „Studententräume“ halten dem Neustädter Alltag nicht stand, der auch von „Fenstersturz, Gashahn, Schlaftabletten“ erfüllt ist. Sie meint von sich, versagt zu haben. Doch der Roman macht deutlich, dass es sich nicht um ein persönliches Versagen handelt, sondern um einen gesellschaftlichen Konflikt, der auf tragische Weise unlösbar bleibt: Der Zwang, in kürzester Zeit Wohnraum für Tausende zu schaffen, kollidiert mit ihrem Anspruch, „Häuser zu bauen, die ihren Bewohnern das Gefühl von Freiheit und Würde geben“. Am Ende verweist die Erzählung über das Scheitern hinaus auf eine Hoffnung: „Es muss, es muss sie geben, die kluge Synthese zwischen Heute und Morgen, zwischen tristem Blockbau und heiter lebendiger Straße, zwischen dem Notwendigen und dem Schönen, und ich bin ihr auf der Spur, hochmütig und ach, wie oft, zaghaft, und eines Tages werde ich sie finden."

Stil↑

Mit den Erzählformen dieses Romans experimentierte Brigitte Reimann auf eine Weise, die in der DDR-Literatur jener Zeit ungewöhnlich war. Das Buch wechselt zwischen einer Erzählung aus der Außensicht und der Ich-Erzählung, mitunter mitten im Satz. Dadurch lässt sich die Sicht der Hauptfigur kaum von der Sicht der Autorin trennen. Selbst in den Passagen mit auktorialer Erzählweise tritt der Erzähler nicht als allwissende Instanz auf, die die Ansichten der Heldin korrigieren würde. Mit diesen Mitteln unterstreicht die Autorin ihr Beharren auf einer persönlichen Sicht, die sich nicht an kulturpolitischen Vorgaben orientiert.

Eine weitere Besonderheit verstärkt den intimen Charakter: Franziska richtet ihren Lebensbericht an einen „idealen Geliebten“, den sie Ben nennt. Diese Wunschgestalt verschmilzt später mit der realen Figur des Wolfgang Trojanowicz. Weil diese Liebe scheitert, lässt sich der Roman auch als Abschiedsbrief an den Geliebten lesen – an den erträumten wie an den wirklichen.

Die Handlung verläuft nicht geradlinig in der Zeit. Vor- und Rückblicke wechseln mit Passagen, in denen der Zeitfluss stoppt und poetischer Nachdenklichkeit Raum gegeben wird. Diese Technik des Bewusstseinsstroms führt bisweilen zu stark verkürzten Sätzen und Auslassungen: „Am Ostseestrand erholen sich. Zu Gast bei ihm.“ Der Roman ist reich an poetischen Metaphern. Das trug der Autorin bei manchen Kritikern den Vorwurf ein, zu nahe am Kitsch zu sein.

Rezeption↑

Die Druckgenehmigung erteilte die Hauptverwaltung Verlage und Buchhandel im Ministerium für Kultur der DDR. Das ausschlaggebende Außengutachten lobte das Buch als Lektüre einer „Selbstverwirklichung“. Die Autorin selbst nannte den Entwicklungsroman in einem Schreiben an Annemarie Auer ihr „Unglücksbuch“.

Nach dem Erscheinen 1974 fielen die DDR-Stimmen überwiegend zustimmend aus. Annemarie Auer schrieb im Neuen Deutschland, Brigitte Reimann habe „Stoff von ihrem Stoffe“ eingebracht. Rulo Melchert bemerkte in der Jungen Welt einen „starken optimistischen Zug“. Klaus Jarmatz wollte keine „Leidensgeschichte“ erkennen, Karin Hirdina in „Sinn und Form“ kein „Klagelied“; sie bescheinigte der Autorin Ehrlichkeit und Tiefe bei der Wiedergabe eines Ausschnitts der DDR-Wirklichkeit. Der Architekt Hermann Henselmann hielt Franziskas Scheitern für nicht weiter schlimm, solange sie ihre Schöpferkraft behalte. Nur wenige durchbrachen diesen Grundton: Anne Dessau hörte „Bitterkeit über... nicht lösbare Probleme“ heraus, und der Architekt Wolfgang Kil erkannte Reimanns Mut an und ermahnte seine Kollegen: „Nachdenken müssen wir alle selber.“

Auch in der Bundesrepublik fand das Buch Beachtung. Gabriele Wohmann war zwar irritiert, würdigte aber die „Lebendigkeit“ des Romans. Peter Pawlik in der Stuttgarter Zeitung fand, manches passe nicht in die bewährten Schubladen von Gut und Böse, nannte den Roman aber eines der Bücher mit einer selten „wahrheitsgemäßen“ Abbildung der Arbeitswelt. Hedwig Rohde lobte im Tagesspiegel, die Autorin habe zu einer „vielschichtigen“, „subjektiven“ Schreibweise gefunden. Heinz Mudrich und Wolfgang Werth warfen ihr Kitschpassagen vor, Rolf Michaelis sah in der „Zeit“ die zerstörerische Wirkung des Sozialismus auf den Menschen bestätigt.

Die ungekürzte Neuausgabe von 1998 machte sichtbar, was die Erstausgabe getilgt hatte. Angela Drescher konnte etwa vier Prozent gestrichenen Textes wiederherstellen. Betroffen waren unter anderem eine Stelle über die Selbstmordziffern in den Neustädter Neubauten sowie Passagen, in denen Fehler von Sowjetmenschen benannt wurden; nicht alle Streichungen hatten allerdings politische Gründe. Die Inhaftierung des Journalisten Trojanowicz sei dem Fall Erich Loest nachempfunden.

Auch Jahrzehnte später wird der Roman noch auf die Bühne gebracht. Die Inszenierung von Daniela Löffner am Deutschen Theater Berlin 2019 wurde für ihre Werktreue und für die Darstellung der Hauptfigur durch Kathleen Morgeneyer gelobt; Kritiker vermissten allerdings eine straffere Dramatisierung des vierstündigen Abends. Sebastian Baumgartens Fassung am Maxim Gorki Theater 2024 ließ Franziska von drei Schauspielerinnen verkörpern, wurde aber für ihren aggressiven Ton und die klischeehafte Zeichnung der Figuren kritisiert.

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