1892
Frau Jenny Treibel
Überblick↑
Der Roman Frau Jenny Treibel von Theodor Fontane erschien zunächst von Januar bis April 1892 als Vorabdruck in der Zeitschrift Deutsche Rundschau. Ende 1892 kam er als Buch heraus, das die Jahreszahl 1893 trägt. Sehr schnell gewann das Werk die Gunst von Publikum und Kritik, die es bis heute bewahrt hat. Es gilt als der witzigste Roman Fontanes. Nach den Worten des Autors sollte das Buch das Hohle, Phrasenhafte und Lügnerische des bürgerlichen Standpunktes zeigen. Halb ironisch wird dem Leser eine Geschichte nach dem Muster einer Komödie erzählt. Im Mittelpunkt stehen Besitz und Ansehen, echte und falsche Gefühle sowie die Frage, wie sich gesellschaftlicher Aufstieg und persönliches Glück zueinander verhalten.
Inhalt (ohne Spoiler)↑
Im Mittelpunkt des Romans stehen zwei Berliner Familien. Auf der einen Seite die großbürgerlichen Treibels: der Fabrikant und Kommerzienrat Treibel, der die Farbe Berliner Blau herstellt, seine Frau Jenny sowie die Söhne Otto und Leopold. Auf der anderen Seite die Bildungsbürger Wilibald Schmidt, ein Gymnasialprofessor, und seine Tochter Corinna.
Die Verbindung der beiden Familien reicht in die Jugend zurück. Einst wohnten Wilibald und Jenny in derselben Berliner Straße einander gegenüber. Der Student Wilibald war in Jenny verliebt und schrieb ihr Liebesgedichte. Doch als der reiche Treibel um sie warb, entschied sich Jenny gegen den armen Verehrer. Bis heute schwärmt sie gern vom „Höheren" und „Idealen" und gibt vor, Besitz und Gold zu verachten – während ihr Handeln das Gegenteil zeigt.
Corinna möchte aus der bescheidenen Welt eines Professorenhaushalts ausbrechen. Sie setzt sich in den Kopf, den schwachen, ganz von seiner Mutter beherrschten Leopold Treibel zu heiraten, der sie schon lange heimlich bewundert. Wilibald sähe seine Tochter dagegen lieber an der Seite ihres Cousins Marcell, eines angehenden Archäologen, der sie aufrichtig liebt. So treffen Liebe und Berechnung, echtes und falsches Gefühl aufeinander.
Die Handlung im Detail↑
Die Verbindung zwischen den Treibels und den Schmidts entstand in der Jugend von Wilibald Schmidt und Jenny. Damals wohnten beide in der Berliner Adlerstraße, Wilibald bei seinen Eltern, Jenny Bürstenbinder im Haus gegenüber, wo ihr Vater einen Laden für Material- und Kolonialwaren betrieb. Der Student Wilibald war in Jenny verliebt und schrieb ihr Liebesgedichte, darunter das Lied mit der berühmten Stelle „Wo sich Herzen finden", deren Schlusszeile dem Roman seinen Untertitel gab. Als Wilibald am Ende seines Studiums die heimliche Verlobung offiziell machen wollte, hielt Jenny ihn hin. Als der reiche Treibel um sie warb, gab sie Wilibald den Laufpass.
Sein Liebeslied aber lässt Jenny bei gesellschaftlichen Anlässen vortragen, tief bewegt von dem „Höheren" und „Idealen", das sie darin sieht. Sie redet viel über dieses „Höhere" und gibt zu verstehen, dass sie Besitz, Vermögen und Gold verachte und ganz nach dem „Ideal" lebe. Den Widerspruch zwischen ihren Bekenntnissen und ihrem Handeln bemerkt sie selbst nicht. Wilibald stellt in einem Gespräch mit seinem Neffen Marcell Wedderkopp fest: „Jenny Treibel hat ein Talent, alles zu vergessen, was sie vergessen will." Entgegen ihrem eingebildeten Herzen für das Höhere habe sie nur ein Herz für alles, was ins Gewicht fällt und Zinsen trägt.
Wilibald sähe es am liebsten, wenn seine Tochter Corinna ihren Cousin Marcell heiraten würde, einen vielversprechenden angehenden Archäologen, der sie liebt und sie heiraten möchte, sobald er das nötige Einkommen hat. Wilibald weigert sich jedoch, auf Corinna in Marcells Sinn Einfluss zu nehmen. Eine Eheentscheidung müsse von innen reifen, meint er, und auf Jenny Treibel sei Verlass: Sie werde Corinna niemals als Schwiegertochter akzeptieren.
Corinna aber möchte aus der bescheidenen Welt des Professorenhaushalts ausbrechen und Leopold Treibel heiraten, einen schwächlichen, unselbständigen und ganz von seiner Mutter beherrschten jungen Mann, der sie schon lange heimlich bewundert. Gesellschaftliches Ansehen und materieller Wohlstand erscheinen Corinna als ausreichende Garantien für eine glückliche Zukunft. Nach einer Landpartie kommt es zur heimlichen Verlobung der beiden. Jenny Treibel will diese Verbindung auflösen, weil sie für ihren Sohn eine standesgemäße, also reiche Partie wünscht. Sie lehnt Corinna nicht deshalb ab, weil diese aus Berechnung handelt, sondern weil das Mädchen außer einer „Bettlade" mit Aussteuerwäsche nichts in die Ehe einbringen würde.
Leopold erweist sich erneut als zu schwach, um sich gegen seine Mutter zu behaupten. Er beschränkt sich darauf, Corinna täglich kleine Briefe zu schreiben, in denen er sogar eine Flucht ins schottische Gretna Green anspricht, lässt seinen Worten aber keine Taten folgen. Die beiden Väter verhalten sich abwartend: der Kommerzienrat, weil er mit der Organisation seines Wahlkampfs beschäftigt ist, der Professor, weil er darauf vertraut, dass Corinnas Vernunft und Ehrgefühl sich durchsetzen werden.
Mit der Hilfe von Schmidts Haushälterin Rosalie Schmolke wird Corinna sich schließlich der entwürdigenden Lage bewusst. Sie löst die Verlobung und bittet ihren Cousin Marcell um Verzeihung. Marcell, der soeben eine Stelle als Gymnasial-Oberlehrer bekommen hat, macht ihr einen Antrag. Die Hochzeit der beiden sieht die Schmidts und die Treibels wieder versöhnt, denn außer Leopold folgen alle Treibels der Einladung zum Hochzeitsfest.
Stil↑
Die Geschichte wird halb ironisch und nach dem Muster einer Komödie erzählt. Fontane entlarvt die hohlen Bekenntnisse seiner Titelfigur, indem er ihre Reden über das „Höhere" und „Ideale" stets an ihrem berechnenden Handeln misst. Diese Spannung zwischen Wort und Tat trägt den ganzen Roman. Treffende Formulierungen wie das Urteil, Jenny habe „nur ein Herz für das Ponderable, für Alles, was ins Gewicht fällt und Zins trägt", bringen den gesellschaftskritischen Gehalt auf den Punkt. Das Werk gilt als der witzigste Roman Fontanes.
Rezeption↑
Schon bald nach dem Erscheinen gewann der Roman die Gunst von Publikum und Kritik, die er bis heute bewahrt hat. Der Stoff wurde mehrfach für andere Medien bearbeitet. 1951 entstand unter dem Titel Corinna Schmidt eine Verfilmung von Arthur Pohl. Weitere Filmfassungen folgten, darunter 1972 eine Verfilmung von Herbert Ballmann und 1982 eine von Franz Josef Wild. Auch fürs Radio wurde der Stoff mehrfach als Hörspiel eingerichtet, unter anderem 1987 und 1988.
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