1880
Grete Minde
Überblick↑
Die Novelle Grete Minde erzählt vom Schicksal einer jungen Frau. Nach erlittenem Unrecht wird sie zur Brandstifterin und kommt mit vielen Bewohnern der altmärkischen Stadt Tangermünde in den Flammen um. Theodor Fontane verfasste den Text 1879. Er lehnte ihn an die Überlieferung um die historische Margarethe Minde an und verknüpfte deren Schicksal mit dem Stadtbrand von Tangermünde im Jahr 1617. Von der historischen Vorlage weicht er allerdings deutlich ab. Die Erzählung gehört zu Fontanes frühen erzählerischen Arbeiten. Sie behandelt Themen, die sein Werk durchziehen: konfessionelle Spannungen, familiäre Härte und das Recht, das den Schwachen verweigert wird.
Inhalt (ohne Spoiler)↑
Im Mittelpunkt steht die dreizehnjährige Grete Minde, Tochter aus einem wohlhabenden Tangermünder Kaufmannshaus. Ihre verstorbene Mutter stammte als Katholikin aus dem von den Spaniern besetzten Flandern. Der inzwischen betagte Vater Jakob Minde ist Tangermünder Bürger. Aus seiner ersten Ehe hat er bereits einen erwachsenen Sohn: Gerdt, Gretes deutlich älterer Halbbruder, ein nachlässiger, aber habsüchtiger Mann. Gerdts Frau Trud stammt aus kleinen Verhältnissen in Gardelegen und wird von ihrem Mann gering geachtet. Der jüngeren Schwägerin begegnet sie von Beginn an mit Missgunst und Bosheit.
Als der Vater kurz nach Gretes Konfirmation stirbt, maßt sich Trud die Rolle einer Stiefmutter an. Sie wirft Grete deren halb-katholische Herkunft im inzwischen protestantischen Tangermünde vor. Zuwendung findet das Mädchen allein bei der alten Haushälterin Regine, ihrer früheren Kinderfrau. Halt gibt ihr auch der Nachbarjunge Valtin Zernitz, mit dem aus einer kindlichen Vertrautheit eine zarte Liebe wird. Trud verbietet den Umgang, Grete widersetzt sich. Nach einer heftigen Auseinandersetzung flieht sie nachts gemeinsam mit Valtin aus der Stadt. Damit beginnt ein Weg, der das junge Paar unter fahrendes Volk führt. Schließlich stellt er Grete vor eine bittere Wahl: zwischen einem Versprechen, das sie bindet, und einer Heimat, die sie nicht zurückhaben will.
Die Handlung im Detail↑
Grete Minde wächst als Tochter aus einem gutsituierten Tangermünder Kaufmannshaus auf. Die Mutter, eine Katholikin aus dem damals von den Spaniern besetzten Flandern, ist die zweite Frau des betagten Vaters Jakob Minde und früh verstorben. Auch Jakobs erste Frau ist nicht mehr am Leben; aus jener Ehe stammt Gerdt, Gretes deutlich älterer Halbbruder. Gerdt, nachlässig und habsüchtig, hat Trud aus Gardelegen geheiratet, eine Frau aus kleinen Verhältnissen, die von ihrem Mann wenig geachtet und kaum geliebt wird. Ihre Verbitterung richtet sie gegen die jüngere Schwägerin.
Kurz nach Gretes Konfirmation stirbt der Vater. Trud nimmt sich nun die Rolle einer Stiefmutter heraus und behauptet, in Grete stecke „etwas Böses" – eine Anspielung auf die halb-katholische Herkunft im inzwischen protestantischen Tangermünde. Als nach langer Zeit ein eigenes Kind die Ehe Truds und Gerdts segnet, verschärft sich die Niedertracht weiter, und Grete wird mehr und mehr zur Hausmagd herabgedrückt. Halt findet sie bei der alten Haushälterin Regine, ihrer einstigen Kinderfrau, und beim zwei oder drei Jahre älteren Nachbarjungen Valtin Zernitz, mit dem sie eine jugendliche Liebe verbindet. Trud verbietet den Umgang, Grete widersetzt sich. Nach einer heftigen Auseinandersetzung flieht sie nachts mit Valtin aus Tangermünde.
Drei Jahre lang leben die beiden bei einer fahrenden Puppenspieler- und Schauspieltruppe. In dieser Zeit wird Grete von Valtin schwanger und bringt ein Kind zur Welt. Als die Truppe im unweit gelegenen Städtchen Arendsee gastiert, erkrankt Valtin auf den Tod. In seiner letzten Stunde nimmt er Grete das Versprechen ab, mit dem Kind nach Tangermünde zurückzukehren und Gerdt und Trud um Verzeihung und Aufnahme zu bitten. Der Arendseer Pastor verweigert dem Verstorbenen die Ruhe auf dem evangelischen Kirchhof; Grete erreicht aber, dass Valtin auf dem Friedhof des dortigen evangelischen Frauenstifts bestattet wird. Die wohlwollende Stiftsdomina und ihre Stellvertreterin bieten Grete an, im Stift zu bleiben. Sie schlägt es aus, weil sie sich an das Versprechen gebunden sieht, und wandert „mit ihrem Kind unter dem Mantel" zu Fuß nach Tangermünde.
Dort weigert sich Gerdt hartherzig, ihre Bitte zu erhören. Er lehnt es ab, sie und das Kind aufzunehmen, weist auch das Angebot zurück, dass Grete ihm als Magd diene, und will nicht einmal für das Kind sorgen. Verzweifelt fordert Grete ihren väterlichen Erbanteil. Auch das versagt der Halbbruder und verweist sie des Hauses. Grete wendet sich an den Tangermünder Stadtrat. Vor diesem beteuert Gerdt wahrheitswidrig und damit meineidig, die Halbschwester habe keinen Erbanspruch, weil ihre katholische Mutter nichts zum Vermögen des Hauses Minde beigesteuert habe. Die Ratsherren folgen, teils gegen ihr besseres Empfinden, diesem Meineid und weisen Gretes Anspruch ab.
Voller Enttäuschung und aus Wut über das Urteil legt Grete in der Stadt Feuer. Es breitet sich in Windeseile aus. Als schon große Teile Tangermündes brennen, steigt sie mit ihrem eigenen Kind und dem Kind Gerdts und Truds auf den bereits brennenden Kirchturm. Von oben erblickt sie den Halbbruder, den hauptsächlichen Adressaten ihrer Rache, und sieht nicht ohne Genugtuung, wie er über das unabwendbare Schicksal seines Kindes verzweifelt. Bald darauf stürzt der lodernde Turm in sich zusammen und begräbt Grete und beide Kinder unter seiner Glut. Im Stift zu Arendsee erfahren die beiden Vorsteherinnen, dass Tangermünde in Asche liegt und welches Schicksal sich an Grete erfüllt hat – und sind die Einzigen, die das junge unglückliche Leben bedauern. Die Schauspieltruppe, in deren Auftritten Grete noch kurz zuvor einen Engel verkörpert hatte, hat die Rolle am selben Abend bereits anderweitig besetzt.
Stil↑
Die Erzählung hält sich an die Form der knappen, zielstrebigen Novelle. Fontane setzt einen historischen Stoff aus dem frühen 17. Jahrhundert in eine sachliche, beobachtende Sprache um. Er führt die Handlung schrittweise auf den Untergang Tangermündes zu. Die Konfession der Figuren – katholisch, protestantisch – ist nicht Schmuck, sondern treibt die Konflikte. Auch der Gegensatz zwischen Stadtbürgertum und fahrendem Volk, zwischen Familienrecht und Stadtrecht, prägt den Aufbau. Wiederkehrende Bilder verknüpfen die Stationen und geben dem Geschehen seine innere Folgerichtigkeit: das Versprechen am Sterbebett, das Kind unter dem Mantel oder die Engelsrolle auf der Bühne der Schauspieltruppe.
Rezeption↑
Die Novelle Grete Minde erfreute sich lange Zeit großer Beliebtheit. Der spätere Literaturnobelpreisträger Paul Heyse nahm das Buch in seinen Neuen Deutschen Novellenschatz auf – eine deutliche Geste der literarischen Anerkennung im 19. Jahrhundert. Im 20. und 21. Jahrhundert wurde der Stoff mehrfach aufgegriffen: 1947 als Radiohörspiel unter dem Titel Es waren zwei Königskinder in der Regie von Alfred Vohrer, 1977 als Spielfilm unter der Regie von Heidi Genée, später auch in literarischen und musikalischen Bearbeitungen. Damit gehört Grete Minde zu jenen Fontane-Erzählungen, deren Stoff über die reine Buchlektüre hinaus weiterwirkt.
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