1862
Wanderungen durch die Mark Brandenburg
Überblick↑
Mit den Wanderungen durch die Mark Brandenburg schuf Theodor Fontane sein umfangreichstes Werk. Es ist eine fünfbändige Entdeckungsreise durch Schlösser, Klöster, Dörfer und Landschaften der Mark, ihrer Bewohner und ihrer Geschichte. Die Bände erschienen zwischen 1862 und 1889. Sie verbinden einen wachen Blick für Landschaft und Gegenwart mit gründlicher historischer Forschung. Sie sind Ausdruck eines erstarkten preußischen Selbstbewusstseins und zugleich von romantischer Heimatliebe getragen. Die Eindrücke und Erkenntnisse dieser dreißig Wanderjahre bildeten das Reservoir, aus dem Fontane später seine großen Romane wie Effi Briest oder Der Stechlin schöpfte.
Inhalt (ohne Spoiler)↑
Fünf Bände führen den Leser kreuz und quer durch die Mark Brandenburg. Fontane beschreibt Landschaften, Städte, Dörfer, Klöster, Schlösser und Herrensitze. Er erzählt von alten Adelsfamilien und Rittergeschlechtern und gibt Sagen und Legenden wieder. Und er gräbt in Kirchenbüchern, Briefen, Memoiren und Familienarchiven nach den Spuren der Geschichte.
Der erste Band, Die Grafschaft Ruppin, beginnt in Fontanes Heimatstadt Neuruppin. Er führt zum Ruppiner See, in die Ruppiner Schweiz mit dem Stechlinsee, nach Rheinsberg und in die Dörfer des Plateaus. Das Oderland widmet sich der Trockenlegung des Oderbruchs, der Märkischen Schweiz um Buckow, den Schlössern Friedersdorf und Neuhardenberg sowie Küstrin. Havelland beginnt mit einer ausführlichen Darstellung der Wenden, der Gründung der Mark und des Klosters Lehnin. Der Band führt weiter zum Tochterkloster Chorin, nach Oranienburg, Spandau, zur Pfaueninsel, nach Caputh und Werder. Spreeland wendet sich dem Thümenschen Winkel zwischen Nuthe und Nieplitz zu, dazu den Familien von Gröben, von Schlabrendorf und von Thümen sowie Orten wie Blankensee und Trebbin. Den Abschluss bildet Fünf Schlösser. Es versteht sich nach Fontanes eigenem Vorwort eher als Bild fünf märkischer Herrensitze.
Die großen Städte Potsdam und Berlin spart Fontane bewusst weitgehend aus. Diesen Bogen schlägt der Wanderer mit gutem Grund.
Die Handlung im Detail↑
Die Idee zu den Wanderungen kam Fontane im Sommer 1858 auf einer Schottlandreise. Der Anblick der alten Burg Loch Leven Castle auf einer Insel rief in ihm das Bild des Schlosses Rheinsberg wach und mit ihm den Gedanken: „Je nun, so viel hat Mark Brandenburg auch. Geh' hin und zeig' es." Aus Liebe und Anhänglichkeit an die Heimat beschloss er, künftig die Kostbarkeiten der eigenen Landschaft aufzusuchen. Zwischen 1859 und 1889 durchwanderte er die Mark dreißig Jahre lang. Die erste märkische Wanderung führte ihn im Juli 1859 ins Ruppinsche; im selben Jahr erschien der erste Aufsatz, in der Neuen Preußischen (Kreuz‑)Zeitung begann eine sechsteilige Folge unter dem Titel Märkische Bilder, im Morgenblatt für gebildete Leser folgten zwischen 1860 und 1864 weitere Beiträge. Im Oktober 1860 beschloss Fontane, die Aufsätze zu einem Band zusammenzufassen. Die Grafschaft Ruppin entstand und erschien im November 1861 im Berliner Verlag Wilhelm Hertz, vordatiert auf 1862. Weitere Bände folgten: Das Oderland 1863, Havelland 1873, Spreeland 1882 und Fünf Schlösser 1889. Auch Havelland und Spreeland erschienen tatsächlich jeweils am Ende des Vorjahres. Für die Gesamtausgabe der ersten vier Bände von 1892, die als „Wohlfeile Ausgabe" auf den Markt kam, nahm Fontane Streichungen und Ergänzungen vor.
Im ersten Band führt Fontane den Leser zunächst in seine Heimatstadt Neuruppin, rund fünfzig Kilometer nordwestlich von Berlin. Er schildert ihre Geschichte ausführlich und erinnert daran, dass hier 38 Jahre vor ihm der Architekt Karl Friedrich Schinkel geboren wurde. Ab 1688 war Neuruppin eine der ersten Garnisonsstädte Brandenburgs; zwei Regimentern widmet Fontane eine eingehende Beschreibung. Spaziergänge führen an den Ruppiner See, erste Streifzüge in die Ruppiner Schweiz im heutigen Naturpark Stechlin-Ruppiner Land mit dem Stechlinsee, einem der klarsten Seen Norddeutschlands. Das nördlich gelegene Rheinsberg mit Schloss und See erhält eine literarische Würdigung und historische Aufarbeitung. Ausflüge in die Flusslandschaften an Rhin und Dosse, in die Seenlandschaften bei Lindow und Gransee folgen, dann Dörfer auf der Ruppiner Platte wie Ganzer, Kränzlin und Gottberg, wo Fontane zum ersten Mal Einsicht in Kirchenbücher nimmt. Besonderes Gewicht legt er auf die Aufzeichnungen zur planmäßigen Verwüstung des Ruppinschen Landes im Dreißigjährigen Krieg. Familien wie Schinkel, Gentz, von Quast, Gadow und von Jürgaß treten hervor.
Der zweite Band, Das Oderland, rückt die Oder, das Oderbruch, östliche Teile des Barnim und das Lebuser Land in den Mittelpunkt. Ausführlich beschreibt Fontane die Anstrengungen, das Oderbruch trockenzulegen und nutzbar zu machen. Vom Ruinenberg in Freienwalde aus schildert er den Blick auf die Landschaft wie auf einen Bottich, durchströmt von fauler, alter und neuer Oder, eingedämmt von Bergen, meilenweit Wiesen, keine Fruchtfelder, keine Dörfer, nur Heuschober, einzelne Kropfweiden, ein Kahn, ein Heuwagen, hier und da ein leuchtend rotes Ziegeldach. Es folgen Buckow, das er die Perle der Märkischen Schweiz nennt, die Hügel und Seen dieser kleinen Schweiz mit dem geliebten Schermützelsee, Küstrin unter Markgraf Hans, Friedland, Cunersdorf, die Schlösser Friedersdorf und Neuhardenberg sowie Werbellin, Sparrenland und Pfulenland auf dem Hohen Barnim. Familien wie Uchtenhagen, von Friedland, Itzenplitz, von Görtzke, von der Marwitz, von Massow, von Pfuel und von Sparr werden behandelt.
Im dritten Band, Havelland, trete – so kündigt Fontane im Vorwort der zweiten Auflage von 1880 an – das Historische gegenüber Landschaft und Genre zurück. Tatsächlich beginnt der Band mit einer rund fünfundzwanzigseitigen Darstellung der Wenden in der Mark und der Gründung der Mark Brandenburg 1157 durch Albrecht den Bären, gefolgt von einem Abschnitt über die Zisterzienser. Beides bereitet das fast achtzig Seiten umfassende Kapitel über das 1180 gegründete Kloster Lehnin vor, dessen Geschichte fast vollständig wiedergegeben wird. An Lehnin schließt sich das Tochterkloster Chorin an, dann das Schloss Oranienburg, Städte und Dörfer um Spandau, die heutige Berliner Pfaueninsel sowie Fahrland, Sacrow, Paretz, Wust, Caputh, das Fontane das Chicago des Schwielowsees nennt, Petzow und Werder. Das Dorf Ribbeck, später durch Fontanes berühmtes Gedicht Herr von Ribbeck auf Ribbeck im Havelland von 1889 weit über Brandenburg hinaus bekannt, erwähnt er nicht; das Adelsgeschlecht der von Ribbecks findet jedoch im Kapitel über Groß Glienicke Beachtung. Die kulturell bedeutende Stadt Brandenburg an der Havel klammert Fontane aus, weil er, wie er bekennt, zu einem auch nur leidlich gründlichen Studium dieser einst wichtigsten Stadt des Landes nie gekommen sei.
Der vierte Band, Spreeland, widmet sich dem von Fontane sogenannten Thümenschen Winkel zwischen Nuthe und Nieplitz, dem heutigen Kerngebiet des Naturparks Nuthe-Nieplitz. Märkischer Landadel wie die Familien von Gröben, von Schlabrendorf und von Thümen bestimmte hier über Jahrhunderte die Geschicke der Region. Flüsse, Seen, Familien und Dörfer wie Gröben bei Ludwigsfelde, Blankensee, Stangenhagen und Trebbin stehen im Mittelpunkt. Im ältesten erhaltenen Kirchenbuch der Mark, in Gröben, fand Fontane eine reiche Quelle; um es einzusehen, reiste er mehrfach in das Dorf. In Saarmund forschte er vergeblich nach den schon für ihn legendären Nutheburgen aus der Zeit der deutschen Ostausdehnung in die Gebiete der slawischen Stämme.
Den Abschluss bildet 1889 Fünf Schlösser, das nach Fontanes Vorwort eher „Fünf Herrensitze" heißen müsste. Aufsätze, die nicht in die Bücher eingingen, sowie Entwürfe, Pläne und Fassungen aus dem Nachlass wurden später, 1997, in einer achtbändigen Ausgabe innerhalb der Großen Brandenburger Ausgabe veröffentlicht; die zusätzlichen drei Bände tragen die Titel Dörfer und Flecken im Lande Ruppin, Das Ländchen Friesack und die Bredows sowie ein Personen- und Geografisches Register.
Bei aller Materialfülle bleiben Potsdam und Berlin ausgespart. Fontane begründet das doppelt: In den großen Städten lasse sich schlecht wandern, und die Quellenarbeit, die er hier hätte leisten müssen, sei ihm uferlos vorgekommen. Bei Dörfern, Kleinstädten, Klöstern und Adelsfamilien dagegen war alles überschaubar, in einem absehbaren Zeitrahmen abschließbar – und ließ sich, wie er es liebte, „nach Lust und Laune" mit dem Wandern verbinden. Bereits ohne die beiden Hauptstädte hatte sich so viel Material angesammelt, dass er vorübergehend plante, die Wanderungen auf zwanzig Bände auszudehnen.
Stil↑
Fontane verbindet die Beschreibung von Landschaft und Gegenwart mit gründlich erarbeiteter Geschichte. Seine Quellen waren Beobachtungen und Erlebnisse sowie Gespräche mit Menschen aller Schichten. Dazu kamen Briefliteratur, Memoiren, Monografien, Sagen, Legenden, Romane sowie Familienarchive und Kirchenbücher. Die Herkunft seiner Angaben weist er in der Regel in Anmerkungen nach. Geschichte erscheint bei ihm vielfach als Familiengeschichte. Ganze Kapitel führen Rittergeschlechter, Adelsfamilien und ihre Schicksale vor.
Neben diesem historischen Realismus steht ein ausgesprochen lustbetontes, fast chaotisches Arbeiten. Am liebsten arbeitet er, wie er schreibt, „ohne vorgeschriebene Marschroute, ganz nach Lust und Laune". Seine Vorliebe gilt den kleinen Dingen: dem Dorf, dem Herrensitz, dem überschaubaren Landstrich. Daher die Bögen um Potsdam und Berlin. Seine Eindrücke hielt er in Notizbüchern fest, in Wort und Zeichnung. 21 dieser Bücher hat er für die Wanderungen verwendet. Eine digitale Edition wird seit 2015 erstellt.
Die Sprache ist anschaulich, oft bildhaft. Die berühmte Bottichschilderung des Oderbruchs vom Ruinenberg aus zeigt es: Wiesen, Heuschober, ein einsamer Kahn, das leuchtende Rot eines Ziegeldachs als Lichtpunkt im Bild. Solche Passagen geben den Wanderungen ihren erzählerischen Atem. Und sie machen verständlich, warum aus diesem Wandern und Schauen später die großen Romane werden konnten.
Rezeption↑
Die Wanderungen gelten als Fontanes umfangreichstes Werk und als Ausdruck eines gewachsenen preußischen Nationalbewusstseins, getragen zugleich von romantischer Zuwendung zur Heimat. Über drei Jahrzehnte hinweg wurden sie in Aufsätzen vorabgedruckt, in Bänden gesammelt und mehrfach neu aufgelegt. So fanden die fünf Bücher ein anhaltendes Publikum. Schon zu Lebzeiten erschienen mehrere Auflagen der einzelnen Bände. 1892 folgte als „Wohlfeile Ausgabe" eine Gesamtausgabe der ersten vier Bände, für die Fontane noch einmal Hand anlegte.
Ihre nachhaltigste Wirkung entfalteten die Wanderungen jedoch indirekt. Die Landschaften, Familiengeschichten und historischen Studien lieferten Fontane den Stoff und die Atmosphäre für seine späteren großen Romane wie Effi Briest oder Der Stechlin. Bis heute bleiben die Bände eine Hauptquelle für das Bild der Mark Brandenburg in der deutschen Literatur. Sie wurden mehrfach adaptiert, etwa als Radiohörspiel Ein Herr reist durchs Dosse-Bruch 1967 und als Film 1986 in der Regie von Eberhard Itzenplitz. Eine textkritische Edition innerhalb der Großen Brandenburger Ausgabe von 1997 macht auch Entwürfe und nicht eingegangene Aufsätze zugänglich. Die seit 2015 erscheinende digitale Edition der Notizbücher erschließt die Werkstatt hinter dem Werk.
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