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Werkseintrag · Warten auf Godot
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Cover Warten auf Godot
Warten auf Godot
1952
– Werkseintrag –

Warten auf Godot

1952 · Drama

Zwei Landstreicher warten an einem kahlen Ort auf einen Mann namens Godot, der ihnen eine Antwort bringen soll – und vertreiben sich mit kleinen Spielen die Zeit, ohne wegzugehen.

Überblick↑

Das Theaterstück Warten auf Godot von Samuel Beckett gehört zu den bekanntesten Werken des 20. Jahrhunderts. Zwei Landstreicher warten auf einen gewissen Godot, der ihnen eine Antwort geben soll – doch dieser Godot kommt nicht. Beckett begann die Arbeit im Herbst 1948 und stellte den Text Anfang 1949 fertig. 1952 erschien das Stück im Druck, ehe es am 5. Januar 1953 im Théâtre de Babylone in Paris uraufgeführt wurde. Regie führte Roger Blin, der zugleich die Rolle des Pozzo übernahm. Die Aufführung wurde überraschend erfolgreich und verhalf Beckett zum Durchbruch. Der Titel des Stücks ist inzwischen zur Redewendung geworden. Hinter der oft rein absurd verstandenen Oberfläche steht ein Thema von großem Ernst: das Ausbleiben einer moralischen Antwort der europäischen Gesellschaften auf Holocaust und Zweiten Weltkrieg.

Inhalt (ohne Spoiler)↑

Zwei Landstreicher, Estragon und Wladimir, warten an einem kahlen Ort auf einen Mann namens Godot, den sie nur vage kennen. Von ihm erhoffen sie sich eine Antwort. Dieses Warten bestimmt alles: Es blockiert jeden Versuch, wegzugehen oder etwas Neues zu beginnen. Gleich zu Beginn fällt der Satz, der sich durchs ganze Stück zieht: „Nichts zu machen!“

Vor allem Estragon leidet unter dem ereignislosen Nichtstun so sehr, dass er immer wieder den Wunsch äußert, das Warten abzubrechen. Um die Zeit zu vertreiben, denken sich die beiden eine Reihe von kleinen Spielen aus: Sie ziehen ihre Schuhe an und aus, tauschen die Hüte, beschimpfen sich, versichern sich ihrer Freundschaft und suchen nach Namen. Für Abwechslung sorgt der Auftritt eines reichen Herrn namens Pozzo, der seinen Diener Lucky an einem Strick mit sich führt. Ein Junge erscheint als Bote und bringt Nachricht von Godot. Ob der Erwartete wirklich kommt, bleibt die offene Frage, die das Stück von der ersten bis zur letzten Minute trägt.

Die Handlung im Detail↑

An einem kahlen Ort mit einem einzelnen Baum warten die Landstreicher Estragon und Wladimir auf Godot, einen Mann, den sie nur vage kennen und von dem sie eine Antwort erhoffen. Diese Anfrage macht sie zu Bittstellern und blockiert jeden Gedanken an Aufbruch. Gleich zu Anfang steht die Formel „Nichts zu machen“, die im Verlauf mehrfach wiederkehrt. An der Oberfläche bedeutet sie ein resigniertes „Wir können nichts machen“ – die Unmöglichkeit, Godots Antwort zu beschleunigen. Darunter aber schwingt ein „Wir sollten nichts machen“ mit, die stille Aufforderung, den Fragen nach Ursachen und Verantwortung auszuweichen.

Weil vor allem Estragon unter dem Nichtstun leidet und mehr als zehnmal das Warten abbrechen will, vertreiben sich die beiden die Zeit mit einer Reihe von Spielen: das An- und Ausziehen der Schuhe, das schnelle Tauschen der Hüte, das Nachahmen anderer, wechselseitige Beschimpfungen, dann wieder die Beteuerung ihrer Freundschaft, Leibesübungen und die Suche nach Namen. Diese Zerstreuungen dienen dazu, die Erinnerung an die Gräuel zu verscheuchen. In einem kurzen Moment der Klarheit fragt Wladimir irritiert, ob diese Spiele „unseren Verstand vor dem Untergang“ bewahren oder ihn erst recht in eine moralische „Nacht unergründlicher Tiefen“ führen. Mehrfach wird zwischen Estragon und Wladimir das Ziel des Wartens berührt: eine moralische Antwort der Zivilisation auf Massenmord und Krieg. An einer Stelle heißt es: „An dieser Stelle und in diesem Augenblick sind wir die Menschheit, ob es uns passt oder nicht.“

Das hoffnungsvolle Warten wird durch den Auftritt eines Herrn Pozzo und seines Dieners Lucky unterbrochen. Pozzo ist ein reicher Tyrann, der Lucky – den angeblich „Glücklichen“ – als Lastenträger und Hofnarren hält. Im ersten Akt treibt er den schwer mit Koffern beladenen Diener an einem Strick um den Hals vor sich her, lässt ihn auf Kommando apportieren und tanzen. Mit knallender Peitsche fordert er ihn schließlich auf, „laut zu denken“. Heraus kommt ein wirrer Monolog über das Abmagern, das Kleiner-Werden, das Steckenbleiben und das Unvollendete.

Auch am zweiten Tag erscheint ein Junge als Bote Godots und teilt mit, Godot werde nicht heute, aber bestimmt morgen kommen. Beim zweiten Auftritt von Pozzo und Lucky, nach einem Zeitsprung, ist Pozzo blind und Lucky stumm geworden; ihre Hinfälligkeit steht für die Auszehrung eines Systems aus Unterdrückung. Immer wieder vereinbaren Estragon und Wladimir das Ende des Wartens und setzen es doch nicht um: „Wir gehen? – Gehen wir! Sie gehen nicht von der Stelle.“ So endet das Stück mit dem nicht endenden Warten. Godot erscheint nicht.

Stil↑

Prägend ist die Kunst der Wiederholung. Ein und dieselben Formeln, Gesten und Handlungssequenzen kehren immer wieder: die Eröffnungsworte „Nichts zu machen“, das An- und Ausziehen der Schuhe, das Tauschen der Hüte, die Ankündigung des Aufbruchs, der nie erfolgt. Sechsmal vereinbaren die beiden Figuren das Ende des Wartens, ohne sich von der Stelle zu bewegen. Diese Widersprüche zwischen Wort und Tat tragen das Stück und verwandeln den Bühnenauftritt in ein Sinnbild.

Beckett arbeitet dabei stark über Körperhaltung und Verhalten, nicht nur über den gesprochenen Text. In einer Untersuchung wurden nicht weniger als fünfundvierzig Szenenanweisungen gezählt, in denen eine Figur die aufrechte Haltung – das Zeichen menschlicher Würde – verliert. So betont die Bühnensprache den Abstand zwischen Anspruch und Wirklichkeit. Vieles trägt Züge der Clownerie und des Komiker-Duetts, doch die Komik bleibt doppelbödig: Unter der heiteren Oberfläche liegt der Ernst des moralischen Versagens. Auch die Sprache selbst ist doppeldeutig angelegt, sodass ein und derselbe Satz zugleich Resignation und stille Verweigerung ausdrücken kann.

Rezeption↑

Die Aufführung von 1953 in Paris war überraschend erfolgreich und machte Beckett als Autor bekannt. Bald folgten Inszenierungen im deutschsprachigen Raum: Am 8. September 1953 kam das Stück im Schlosspark Theater in Berlin auf die Bühne, in der mit Beckett abgestimmten Übersetzung von Elmar Tophoven und unter der Regie von Karl Heinz Stroux. 1955 gelangte Becketts eigene englischsprachige Fassung in London zur Aufführung. Das Stück zählt zu den großen Erfolgen der Nachkriegszeit, und seine Faszination hält bis heute an.

Das Werk wurde zum vielzitierten Beispiel des absurden Theaters und in der Literaturwissenschaft oft als Drama gedeutet, das sich jeder Auslegung entziehe. Andere Deutungen widersprechen und lesen es als Kritik am moralischen Versagen der Nachkriegsgesellschaft. Für Wolfgang Iser wurde das Stück in den 1970er Jahren ein zentraler Baustein seiner Theorie des impliziten Lesers: Die bewusst offen gelassenen Stellen und die Frage nach der Identität Godots zwängen den Zuschauer geradezu, eigene Deutungen zu erfinden.

Das Stück hat vielfältig weitergewirkt. Der serbische Schriftsteller Miodrag Bulatović formte daraus die Parodie Godot ist gekommen (1966) und zeigt darin, was geschähe, wenn tatsächlich ein Erlöser erschiene. Der norwegische Schriftsteller Johan Harstad griff Beckett in seinem 2019 auf Deutsch erschienenen Roman Max, Mischa und die Tet-Offensive wieder auf und lässt ihn ebenfalls mit „Nichts zu machen“ beginnen. Im Spielfilm Ein Triumph von Emmanuel Courcol, der im Dezember 2022 in die deutschen Kinos kam, inszeniert ein Regisseur das Stück mit Häftlingen in einem Gefängnis. 2022 sagte ein Kulturzentrum im niederländischen Groningen eine geplante Aufführung ab, weil die Männerrollen von Frauen gespielt werden sollten – Beckett hatte testamentarisch verfügt, dass diese Rollen nur von Männern übernommen werden dürfen.

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