1904
Warten auf die Barbaren
Überblick↑
Das Gedicht Warten auf die Barbaren gehört zu den bekanntesten Werken des griechischen Dichters Konstantinos Kavafis. Es entstand im November 1898 und wurde um Dezember 1904 als privates Flugblatt gedruckt. Kavafis zählte es zu seinen historischen Gedichten. Geschildert wird ein Gemeinwesen im Niedergang, dessen Bürger und Herrscher auf das Eintreffen der Barbaren warten. Der scheinbar antike Schauplatz ist bewusst unbestimmt gehalten und lässt sich als Sinnbild lesen.
Inhalt (ohne Spoiler)↑
In einem Wechsel von Fragen und Antworten entfaltet sich das Gedicht wie ein Zwiegespräch. Immer wieder fragt eine Stimme, warum das Leben in der Stadt stillsteht – warum sich alle auf dem Marktplatz versammeln, warum niemand mehr arbeitet. Die Antwort lautet stets gleich: weil heute die Barbaren kommen. Für ihren Empfang hat sich die ganze Stadt herausgeputzt. Der Kaiser sitzt bereit, die Senatoren und Würdenträger haben ihre kostbaren Gewänder und ihren Schmuck angelegt, die Redner schweigen. Das gesamte Gemeinwesen verharrt in feierlicher Erwartung eines Feindes, von dem es sich offenbar eine Entscheidung erhofft.
Die Handlung im Detail↑
Aufgebaut ist das Gedicht als fortlaufendes Zwiegespräch aus Fragen und Antworten. Eine Stimme wundert sich über den Stillstand: Warum kommt der Senat nicht zusammen, warum sitzt der Kaiser früh am Tor auf seinem Thron, warum haben die Würdenträger ihre bestickten Gewänder und ihren Schmuck angelegt, warum schweigen die Redner? Auf jede Frage folgt dieselbe Erklärung – weil heute die Barbaren erwartet werden. Ihretwegen ruht das öffentliche Leben, ihretwegen legt sich die Stadt in Prunk.
Doch der Tag vergeht, es wird Nacht, und die Barbaren sind nicht gekommen. Ratlosigkeit macht sich breit. Das Gedicht endet mit der beunruhigenden Frage, was nun aus den Menschen werden solle, da die Barbaren ausbleiben – jene Barbaren seien schließlich eine Art Lösung gewesen. Der erwartete Feind, so zeigt sich, war für das erstarrte Gemeinwesen zur eigentlichen Daseinsberechtigung geworden.
Stil↑
Auffällig ist die strenge Bauform als Zwiegespräch: Ein naiv wirkender Frager und ein scheinbar kundiger Antwortender wechseln sich ab. Auch metrisch sind beide Rollen unterschieden. Die Fragen stehen in fünfzehnsilbigen Versen, die Antworten meist in zwölf-, mitunter dreizehnsilbigen Zeilen; der abschließende Gedanke ist in dreizehnsilbigen Versen gehalten.
Kavafis arbeitet vor allem mit Ironie, auch mit dramatischer Ironie. Der kundig scheinende Sprecher weiß im Grunde ebenso wenig wie der naive; keiner der Bürger handelt aus sicherem Wissen, alle richten sich nur nach ihren Vorstellungen von den Barbaren. Weder Senat noch Kaiser tun etwas; in ihrer Untätigkeit gleichen sie dem Volk und warten allesamt auf das Eingreifen einer fremden Macht.
Seine Wertung spricht der Dichter nirgends offen aus. Er bevorzugt die Untertreibung und lässt die Bilder für sich wirken: Beiworte wie bestickt, prächtig und elegant beschreiben Gewänder und Schmuck und vermitteln so das Prunkvolle, zugleich Erstarrte einer Kultur, die auf ihrem Höhepunkt nur noch sich selbst zur Schau stellen kann. Die Barbaren selbst verstand Kavafis ausdrücklich als Sinnbild; Kaiser, Senatoren und Redner seien nicht zwingend als Römer zu verstehen.
Rezeption↑
Über die Jahrzehnte wurde Warten auf die Barbaren in zahlreiche Sprachen übersetzt und regte viele andere Werke an. Zu ihnen zählen Dino Buzzatis Roman Die Tatarenwüste (1940), Julien Gracqs Le Rivage des Syrtes (1951) und J. M. Coetzees Roman Warten auf die Barbaren (1980), der seinen Titel unmittelbar dem Gedicht verdankt. Auf Coetzees Roman wiederum gründet eine Oper des amerikanischen Komponisten Philip Glass, die im September 2005 am Theater Erfurt zur Uraufführung kam.
Kritiker heben immer wieder die politische Hellsichtigkeit des Gedichts hervor. Der Übersetzer Daniel Mendelsohn nannte die Schilderung eines Staates, dessen Gesetzgeber in träger Untätigkeit verharren, angesichts der Haushaltssperre der US-Regierung von 2013 besonders vorausschauend. Robert Pinsky beschrieb das Gedicht als raffiniert und vergnüglich. Charles Simić sah darin eine treffende Beschreibung jedes Staates, der Feinde – echte oder eingebildete – als dauerhaften Vorwand braucht. Und in der Schlusszeile fand mancher eine Vorahnung jener Gefahren, die das Ende des Kalten Krieges mit sich brachte.
Der Nachhall reicht bis in die Musik: Komponisten und Liedermacher haben das Gedicht vertont und ganze Alben nach ihm benannt.
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