Meisterwerke der Worte
MEISTERWERKE DER WORTE
Das Lexikon der klassischen Literatur
MEISTERWERKE DER WORTE
Das Lexikon der klassischen Literatur
Autoreneintrag · Samuel Beckett
Eingang · Autoren · Samuel Beckett
Porträt Samuel Beckett
Samuel Beckett
1906 – 1989
– Autorenporträt –

Samuel Beckett

1906 – 1989 · 83 Jahre

Der irische Schriftsteller Samuel Beckett schrieb abwechselnd auf Englisch und Französisch und wurde mit seinem Theaterstück „Warten auf Godot“ zu einer der Galionsfiguren des absurden Theaters. 1969 erhielt er den Nobelpreis für Literatur.

Kurzbiografie↑

Als einer der bedeutendsten Schriftsteller des 20. Jahrhunderts gilt Samuel Beckett, geboren 1906 in Dublin, gestorben 1989 in Paris. Sein bekanntestes Werk ist das Theaterstück Warten auf Godot, das 1953 in Paris uraufgeführt wurde und ihn zu einer der Galionsfiguren des absurden Theaters machte. Beckett war zunächst britischer, nach der Unabhängigkeit Irlands 1921 irischer Staatsbürger und lebte seit 1937 ständig in Frankreich. Seine ersten Texte schrieb er auf Englisch, in seiner mittleren und fruchtbarsten Phase überwiegend auf Französisch; später wechselte er oft von Text zu Text zwischen beiden Sprachen und übersetzte seine Werke häufig selbst. 1969 erhielt er den Nobelpreis für Literatur.


Biografie↑

Geboren wurde Samuel Barclay Beckett am 13. April 1906 in Dublin als zweiter Sohn von Bill und May Beckett. Die väterliche Linie stammte von Hugenotten ab, die wahrscheinlich im 18. Jahrhundert aus Frankreich nach Irland gekommen waren. Sie erwarb sich zunächst mit der Herstellung edler Stoffe einigen Reichtum und war seit der großväterlichen Generation im Baugewerbe tätig. Becketts Vater arbeitete als Baukalkulator und galt als angesehenes Mitglied der bürgerlichen Gesellschaft Dublins. Auch die Mutter stammte aus einer achtbaren protestantischen Familie. Die Familie lebte im wohlhabenden Vorort Foxrock in einem großzügigen Haus namens Cooldrinagh. Um das Gerücht, Beckett habe sein Geburtsdatum selbst auf den Karfreitag verlegt, um es zum Symbol für das Leid zu machen, ranken sich Legenden; tatsächlich kam er an diesem Tag zur Welt.

Vom fünften Lebensjahr an besuchte er eine Kindergartenschule bei Foxrock, wo er früh Französischlektionen und Klavierstunden erhielt. Ab 1915 lernte er an der höheren Schule Earlsfort House, 1919 wechselte er auf die traditionsreiche Portora Royal School in Enniskillen, ein Internat, an dem zuvor auch Oscar Wilde gelernt hatte. Beckett galt als intelligenter, wenn auch nicht herausragender Schüler und fiel vor allem durch gute Aufsätze und sportliche Fähigkeiten auf; er spielte Tennis, Cricket und Golf. Im Oktober 1923 begann er mit 17 Jahren ein Studium der Fächer Französisch und Italienisch am Dubliner Trinity College. In diesem Zusammenhang reiste er 1926 erstmals nach Frankreich und 1927 nach Italien.

Nach dem Studium wurde Beckett für zwei Jahre Englisch-Lektor an der Pariser École normale supérieure. In Paris knüpfte er Kontakt zu Literatenkreisen und lernte unter anderem seinen 24 Jahre älteren Landsmann James Joyce kennen, dessen Werk er zum Teil übersetzte. Hier unternahm er erste ernsthafte schriftstellerische Versuche, zunächst Lyrik in englischer Sprache. Ab 1928 reiste er mehrfach nach Deutschland, auch weil er sich in seine in Kassel lebende Cousine Peggy Sinclair verliebt hatte. Ihr setzte er mit seinem Romanerstling Traum von mehr bis minder schönen Frauen ein Denkmal, der 1932 entstand und erst 1993 veröffentlicht wurde. 1930 kehrte Beckett als Assistent für Französisch ans Trinity College zurück, empfand die geregelte Tätigkeit jedoch als Last und kündigte. Nach dem plötzlichen Tod seines Vaters 1933 widersetzte er sich dem Druck der Mutter, in die Firma des Bruders einzutreten, und ging nach London. Dort suchte er mühsam und oft in depressiver Stimmung als Autor Fuß zu fassen. Sein Band erzählender Texte Mehr Prügel als Flügel von 1934 blieb erfolglos und wurde bald verboten. 1934 begann er in London eine zweijährige Psychoanalyse bei Wilfred Bion.

Eine Reise durch Deutschland 1936/37 entstand wohl aus dem Bedürfnis, sich nach der literarischen Erfolglosigkeit neu zu orientieren. Er verbrachte neun Wochen in Hamburg, besuchte Theater, Konzerte und vor allem die Kunsthalle und fand Kontakt zur modernen Kunstszene, die trotz der nationalsozialistischen Verfolgung noch existierte. Weitere Stationen waren Berlin, Dresden und München, wo das politische Klima für die freie Kultur schon so gefährlich geworden war, dass er nicht mehr an die gewünschte Literatur herankam. Ein Tagebuch dieser Reise wurde erst nach seinem Tod entdeckt. Im Oktober 1937 ließ Beckett sich endgültig in Paris nieder. Ein entscheidender Grund war die Pianistin Suzanne Deschevaux-Dumesnil, die ihn nach einem lebensgefährlichen Messerstich im Krankenhaus besuchte und bald seine Lebensgefährtin und 1961 seine Ehefrau wurde. Auch sprachlich verlegte er sich nun aufs Französische.

Ende 1940 schloss Beckett sich dem französischen Widerstand an. Als seine Widerstandszelle 1942 an die Gestapo verraten wurde, tauchte er unter und ging mit Suzanne in den unbesetzten Süden Frankreichs, ins Dorf Roussillon, wo er sich als Erntehelfer und Gelegenheitsarbeiter verdingte. Nachts schrieb er an seinem vorerst letzten englischsprachigen Roman Watt, der erst 1953 gedruckt wurde. Nach der Befreiung Frankreichs kehrte er 1945 nach Paris zurück und meldete sich freiwillig als Rotkreuzhelfer, überwiegend als Dolmetscher, in einem Lazarett in der normannischen Kleinstadt Saint-Lô.

Wieder in Paris begann Beckett als französischsprachiger Autor seine fruchtbarste Schaffensphase. Zunächst hatte er Mühe, Verlage zu finden, bis Suzanne den Verleger der Éditions de Minuit, Jérôme Lindon, für ihn gewann. Es entstanden die Romane Molloy und Malone stirbt sowie das Stück Warten auf Godot, für das sich zunächst kein Spielort finden ließ. Erst Anfang 1953 wurde es mit überraschendem Erfolg am Théâtre de Babylone von Roger Blin aufgeführt. Es folgten der Roman Der Namenlose und das Stück Endspiel, dessen Uraufführung 1957 stattfand. Ab 1953 begann Beckett, seine französisch verfassten Werke selbst ins Englische zu übertragen. 1956 konzipierte er für den englischen Radiosender BBC eine Serie von Hörspielen, eine Gattung, die in Frankreich damals kaum bekannt war.

In den folgenden Jahren wandte sich Beckett auch dem Film und dem Fernsehen zu. 1964 drehte er in Zusammenarbeit mit dem Regisseur Alan Schneider den stummfilmartigen Streifen Film, dessen Hauptrolle der Stummfilmstar Buster Keaton spielte. 1965 verfasste er sein erstes Fernsehstück He Joe, das 1966 an seinem 60. Geburtstag vom Süddeutschen Rundfunk gesendet wurde. Spätestens ab dem Ende der fünfziger Jahre war Beckett ein anerkannter Autor. Obwohl von Natur aus eher scheu und notorisch depressiv, figurierte er ein wenig als Star im Pariser Literaturbetrieb. 1969 erhielt er den Nobelpreis für Literatur, blieb der Überreichungszeremonie jedoch fern; aus seinen Briefen geht hervor, dass er jeder Form der Ehrung grundsätzlich ablehnend gegenüberstand. In seinem Spätwerk zog Beckett sich mehr und mehr zurück und schrieb zahlreiche kürzere Texte. Er starb am 22. Dezember 1989 im Alter von 83 Jahren. Seine letzte Ruhestätte befindet sich auf dem Cimetière du Montparnasse in Paris.


Literarische Merkmale↑

Kennzeichnend für Beckett ist der Wechsel zwischen zwei Sprachen. Seine ersten Texte verfasste er auf Englisch, in seiner mittleren und fruchtbarsten Phase schrieb er überwiegend auf Französisch, später wechselte er oft von Text zu Text zwischen beiden. Häufig übersetzte er seine Werke selbst in die jeweils andere Sprache. So übertrug er etwa den Roman Murphy selbst ins Französische, und ab 1953 begann er, seine französischen Werke ins Englische zu übertragen, was ihn wiederum dazu brachte, teilweise erneut englisch zu schreiben.

Mit Warten auf Godot gilt Beckett als eine der Galionsfiguren des absurden Theaters. Der ausweglose Dauerzustand des Wartens und die Nonsense-Dialoge der beiden Hauptfiguren verdeutlichen die Merkmale dieser Form: die existentialistische Sichtweise der Sinnlosigkeit der Welt, die Fragwürdigkeit der Sprache und die Selbstentfremdung des Menschen, konsequent in die dramatische Form umgesetzt.

Im Lauf seines Schaffens erschloss Beckett sich immer neue Gattungen und Medien. Neben Romanen und Theaterstücken schrieb er Hörspiele, Prosastücke, Gedichte und Stücke für Film und Fernsehen. Sein Spätwerk wurde zunehmend knapper. Die Verssammlung Mirlitonnades von 1978 wird als ein Werk der „Einfachheit mit doppeltem Boden“ beschrieben; es folgten zahlreiche weitere kürzere Texte.


Rezeption↑

Becketts Ruhm beruht vor allem auf Warten auf Godot, dessen zwei zentrale Figuren eine menschliche Grundsituation zu verkörpern scheinen: das Hoffen auf eine vermeintlich nahe Erfüllung oder Erlöserfigur. Das Stück gilt als paradigmatisches Beispiel des absurden Theaters. Das Rätsel um die Figur Godot hat auch in Deutschland zu zahllosen Deutungen geführt, unter anderem von Günther Anders in seinem Werk „Die Antiquiertheit des Menschen“.

Beckett war überzeugt, sein Leben habe keinerlei Bedeutung für sein Werk, und lehnte deshalb zunächst jede Zusammenarbeit mit seinem Biographen James Knowlson ab. Später rückte er von dieser Haltung ab, sodass Knowlsons Biographie 1996 mit seiner Zustimmung erscheinen konnte.

Seine Wirkung reicht bis in die Gegenwart. Laut Le Monde vom 21. Dezember 2007 hielt Beckett, wenn auch mit einigem Abstand hinter Eugène Ionesco, Platz zwei auf der Liste der französischen Theaterautoren, die außerhalb Frankreichs am meisten gespielt werden.

Mitglieder des YouTube-Kanals erhalten das ganze Lexikon als PDF zum Download – zum Sammeln, Offline-Lesen und Ausdrucken. Mitglied werden →

Aus dem Werkverzeichnis↑

Im Lexikon

Weitere Werke (Auswahl)

Vollständiges Werkverzeichnis bei Wikipedia (90 weitere Titel)

meisterwerke-der-worte.de · Auszug aus dem Lexikon · Alle Rechte vorbehalten