1891 – 1958
Johannes R. Becher
Kurzbiografie↑
Als expressionistischer Dichter begann Johannes R. Becher (1891–1958) seine Laufbahn, als radikaler Parteischriftsteller der KPD setzte er sie fort, und als Kulturpolitiker der DDR beschloss er sie. Geboren in München als Hans Robert Becher, zählte er in den Jahren vor dem Ersten Weltkrieg zu den wichtigsten expressionistischen Dichtertalenten. Nach 1923 stellte er seine Kunst ganz in den Dienst der kommunistischen Sache. Nach Jahren im Exil kehrte er 1945 nach Deutschland zurück und stieg in der DDR zum ersten Minister für Kultur auf. Bekannt blieb er auch als Verfasser des Textes der Nationalhymne der DDR. In seinen Ämtern trug er Mitverantwortung für die zentral gelenkte Kulturpolitik der SED und die damit verbundene staatliche Zensur.
Biografie↑
Geboren wurde er am 22. Mai 1891 in München als Sohn von Heinrich Becher, Richter am Oberlandesgericht München, und dessen Frau Johanna. Im Elternhaus galten Loyalität zum Monarchen und nationale Begeisterung als oberste Pflicht; der Vater war Teil eines protestantisch-bürokratischen Establishments. Die Erziehung durch den oft jähzornigen Vater war streng, und der Sohn war dem ständigen Leistungsdruck kaum gewachsen. Zuflucht fand er bei seiner Großmutter, die in ihm wohl auch die Leidenschaft für die Literatur weckte. Wegen anhaltend schlechter Schulleistungen bestimmte der Vater ihn zur Offizierslaufbahn. Immer stärker aber wuchs in Hans der Wunsch, Dichter zu werden.
Aus dieser Verzweiflung heraus kam es 1910 zu einem Doppelsuizidversuch mit seiner um sieben Jahre älteren Jugendliebe Franziska Fuß. Dem Vorbild Heinrich von Kleists nacheifernd, schoss er zuerst auf sie und dann auf sich selbst. Sie erlag ihren Verletzungen, er überlebte schwer verletzt. Wegen verminderter Zurechnungsfähigkeit wurde keine Anklage erhoben, sodass er 1911 in Ingolstadt das Abitur als Externer ablegen konnte.
Noch 1911 zog Becher mit dem Verleger und Dichter Heinrich Bachmair nach Berlin, um sich für das Medizinstudium einzuschreiben. Zu Kleists hundertstem Todestag erschien im gemeinsam gegründeten Verlag sein erstes Gedicht, die Kleist-Hymne Der Ringende. Von da an trat er unter dem Namen Johannes R. Becher hervor. Das Studium setzte er abwechselnd in Berlin und München fort, ohne es je abzuschließen. Bald galt er als eines der wichtigsten expressionistischen Dichtertalente, vor allem wegen des aus einem Lyrik- und einem Prosaband bestehenden Werks Verfall und Triumph von 1914. Kurt Pinthus nahm mehrere seiner Gedichte in die Anthologie Menschheitsdämmerung auf.
Diese Jahre waren zugleich von einer schweren Morphiumsucht geprägt, die mit Geldnot und häufigen Wohnungswechseln in München, Leipzig und Berlin einherging. Zwischen 1913 und 1918 wurde Becher mehrfach in psychiatrischen Kliniken behandelt. Erst mit Hilfe seiner Frau Käthe gelang ihm um 1918 ein erfolgreicher Entzug. Im selben Jahr nahm sich sein jüngerer Bruder Ernst das Leben. Nach der Novemberrevolution suchte Becher zunächst in der lebensreformerischen Kommune um Karl Raichle in Urach und dann in der Religion Halt. Seine politische Frühzeit wird in der Forschung sehr unterschiedlich dargestellt; selbst seine frühen Partei-Mitgliedschaften gelten als umstritten.
Im März 1923 trat Becher (erneut) in die KPD ein. Er verlegte seinen Wohnsitz endgültig nach Berlin und verkehrte dort mit Intellektuellen wie Robert Musil und Lion Feuchtwanger. Fortan wollte er Literatur und Politik nicht mehr trennen. Rasch etablierte er sich als Parteidichter, der im Auftrag der Partei Gedichte und Artikel schrieb. Seine bürgerliche Bildung und seine Bereitschaft zum Opportunismus ebneten ihm den Weg bis ins Zentralkomitee. Sein Aufstieg war eng mit den wechselnden Richtungen der KPD verbunden. Dichterisch versuchte er, an die Avantgarde anzuschließen, so im Gaskriegsroman Levisite oder Der einzig gerechte Krieg und im Lyrikband Maschinenrhythmen, beide 1926. Im selben Jahr wurde ein Prozess wegen literarischen Hochverrats gegen ihn eröffnet, der nach einem Aufruf Maxim Gorkis von Solidaritätsbekundungen unter anderem von Alfred Döblin, Bertolt Brecht und Alfred Kerr begleitet und 1928 eingestellt wurde. 1928 wurde er Mitbegründer und Erster Sekretär des Bundes proletarisch-revolutionärer Schriftsteller.
Als wichtiger Funktionär stand Becher längst auf der schwarzen Liste der SA. Mit einem gefälschten Reisepass gelang ihm im März 1933 die Ausreise. Über Wien und Prag führte ihn der Weg nach Paris, 1935 nach Moskau. Dort gab er die Exilzeitschrift Internationale Literatur heraus und suchte eine literarische Einheitsfront gegen den Nationalsozialismus zu organisieren. 1934 wurde ihm die deutsche Staatsbürgerschaft aberkannt. Seine Exilwerke stehen im Zeichen des Widerstands; 1943 gehörte er zu den Mitgründern des Nationalkomitees Freies Deutschland. In diese Jahre fällt auch der Roman Abschied von 1940, der das Muster des Adoleszenzromans der Jahrhundertwende neu abwandelt.
Mit der Gruppe Ulbricht kehrte Becher 1945 nach Berlin zurück. Er zählte zu den Gründern des Aufbau Verlags und wurde Präsident des Kulturbundes zur demokratischen Erneuerung Deutschlands. 1949 rief er die Zeitschrift Sinn und Form ins Leben und verfasste den Text der Nationalhymne der DDR, eine Bestellung des Politbüros. 1950 war er Mitgründer der Deutschen Akademie der Künste. Im Januar 1954 wurde er erster DDR-Kulturminister. In einer kurzen Tauwetterperiode organisierte er einige Ost-West-Gespräche und warb für die kulturelle Einheit Deutschlands.
Zum Verhängnis wurden ihm 1956 die Parteitagsrede Chruschtschows und der Ungarnaufstand. Becher gehörte zwar keiner antistalinistischen Opposition an, war in deren Pläne aber eingeweiht und sympathisierte mit ihr. Sein Versuch, den befreundeten Georg Lukács aus Ungarn herauszuholen, scheiterte. Danach behielt er zwar pro forma sein Amt, war aber entmachtet; inoffiziell übte es bereits sein Nachfolger Alexander Abusch aus. Am 11. Oktober 1958 starb Becher nach einer Krebsoperation in Ost-Berlin. Sein Wunsch, man möge auf Gedenkfeiern und offizielle Ehrungen verzichten, wurde mit einem Staatsbegräbnis missachtet.
Literarische Merkmale↑
Als jugendstilhaft beschreibt die Deutsche Biographie Bechers erste Arbeiten, die Kleist-Hymne Der Ringende ebenso wie den Roman Erde von 1912. Wenig später wurde er zu einem der wichtigsten expressionistischen Schriftsteller der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts. Sein Ruf gründete vor allem auf dem Doppelwerk Verfall und Triumph, das je einen Band Lyrik und Prosa umfasst. Aufnahme in Kurt Pinthus’ Anthologie Menschheitsdämmerung festigte diesen Rang.
Nach der Hinwendung zum Kommunismus änderte sich sein Schreiben. Becher versuchte, seine Dichtung an die Avantgarde anzuschließen, und suchte zugleich neue Wege, Verse an ein Arbeiterpublikum zu bringen. So wurden Gedichte in Versammlungen gemeinsam gesprochen oder als Sprechchor aufgeführt. In den späten 1920er Jahren mischten sich neusachliche Töne in sein Werk, etwa im Gedichtband Die hungrige Stadt; seit 1925 gehörte er der neusachlichen Gruppe 1925 an. Aus diesen Jahren stammt auch ein Stilpluralismus, in dem avantgardistische neben nüchtern-sachlichen Texten stehen.
Kennzeichnend für seine Romane und Dramen ist eine retrospektive, oft stark subjektive Auseinandersetzung mit dem eigenen Leben. Die Hauptfiguren sind meist autobiografisch angelegt. Sie lösen sich von einer kaisertreuen, deutschnationalen Welt, die jeweils der Vater verkörpert, und finden am Ende zum Kommunismus. Diesen Entwicklungsgang führte der Roman Abschied zum Höhepunkt. Seine Neigung zu Männern verarbeitete Becher unter anderem in diesem Roman und im Fragment Wiederanders. Im Spätwerk wandte er sich strengen Formen zu und erprobte immer wieder das Sonett.
Rezeption↑
Unterschiedlich fielen die Urteile über Becher in Ost und West aus. Im Westen wurde er vor allem als Repräsentant des ostdeutschen Staates wahrgenommen, als Mitglied des Zentralkomitees der SED und als Minister für Kultur. In der DDR galt er nach dem Ungarnaufstand und seinen vergeblichen Bemühungen um eine Rettung von Georg Lukács ab 1956 nur noch nominell als Amtsinhaber, während sein Nachfolger Alexander Abusch die Geschäfte bereits inoffiziell führte.
Mit seinem Tod erklärte ihn die Partei, allen voran Walter Ulbricht, zum größten deutschen Dichter der neuesten Zeit. Das Institut für Literatur, das heutige Deutsche Literaturinstitut Leipzig, trug von 1959 bis 1990 seinen Namen. 1997 wurde seine Grabstätte auf dem Dorotheenstädtischen Friedhof zum Ehrengrab des Landes Berlin. Sein Leben und Werk wurden in mehreren Biografien und Sammelbänden untersucht, unter anderem von Horst Haase und Jens-Fietje Dwars. Seit 2025 widmet sich zudem der Podcast Wiederanders der Stuttgarter Literaturwissenschaftler Kristin Eichhorn und Toni Bernhart seinem schriftstellerischen Werk.
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