1940
Abschied
Überblick↑
Der Roman Abschied von Johannes R. Becher erschien 1940 in Moskau, im Verlag Meschdunarodnaja Kniga (Das Internationale Buch). Sein vollständiger Titel lautet Abschied. Einer deutschen Tragödie erster Teil 1900–1914. Becher schildert darin die Entwicklung des jungen Hans Peter Gastl von der Jahrhundertwende 1899/1900 bis zum Ausbruch des Ersten Weltkriegs. Das Buch ist stark autobiographisch geprägt und gilt als einer der bekanntesten erzählerischen Versuche des Autors. Becher begann die Arbeit daran ab 1935 im sowjetischen Exil.
Inhalt (ohne Spoiler)↑
In der Silvesternacht 1899/1900 fasst der junge Hans Peter Gastl einen Vorsatz: Mit dem neuen Jahrhundert will er „anders“ werden. Er wächst als einziger Sohn eines Münchner Oberstaatsanwalts auf, in einer kaisertreuen, ordnungsliebenden und vom Vater beherrschten Familie. Doch schon die nächsten Tage bringen seine guten Vorsätze ins Wanken.
Der Roman begleitet Hans durch Kindheit und Jugend im wilhelminischen Deutschland. Er erlebt Freundschaften und deren Zerbrechen, die strengen Standesregeln seines Elternhauses und erste Berührungen mit Ideen, die seinem behüteten Milieu fremd sind. Zwischen dem Wunsch nach Selbstbestimmung und dem Druck der väterlichen Autorität sucht er einen eigenen Weg. Über allem liegt die Frage, ob und wie er sich aus den Zwängen seiner Herkunft befreien kann. Die Erzählung führt bis an die Schwelle des Ersten Weltkriegs.
Die Handlung im Detail↑
Die Erzählung setzt mit der Silvesternacht 1899/1900 ein. Der Ich-Erzähler Hans Peter Gastl, einziger Sohn des Münchner Oberstaatsanwalts Heinrich Gastl und seiner Frau Betty, schwört sich zu Beginn des neuen Jahrhunderts, „anders“ zu werden. Doch schon die folgenden Tage in der kaisertreuen, vom Vater dominierten Familie lassen seine Vorsätze wanken.
Als Hans zehn Mark von seiner Großmutter stiehlt und mit seinem Schulfreund Franzl Hartinger dem Unterricht fernbleibt, wird allein Franzl bestraft. Auch den Diebstahl schiebt man auf den schlechten Einfluss Hartingers, der als Sohn eines Arbeiters und Sozialdemokraten ohnehin als nicht standesgemäß gilt. Gemeinsam mit seinen neuen, standesgemäßen Freunden Feck und Freyschlag misshandelt Hans seinen früheren Freund Hartinger. Als die Beziehung zu Hartinger jedoch herhalten soll, um Hans’ Verhältnis zu einer ermordeten Dirne zu erklären, bleibt Hans bei der Wahrheit. Damit widersetzt er sich zum ersten Mal dem väterlichen Einfluss.
Nun erkennt Hans, dass er seinen Wunsch, „anders“ zu werden, nicht allein verwirklichen kann. Er wendet sich an den jüdischen Klassenkameraden Löwenstein, der ihn mit den Begriffen Klassenkampf, Sozialismus und Internationale bekannt macht.
Als Hans vom Attentat in Sarajevo erfährt, hofft er, dass nun endlich eine neue Zeit anbreche. Sein Vater aber verlangt, dass er sich als Kriegsfreiwilliger meldet. Darüber kommt es zum Streit zwischen Vater und Sohn, in dem Hans seine Haltung behauptet. Der Konflikt gipfelt darin, dass Hans die elterliche Wohnung verlässt. Im letzten Kapitel zieht er ein Fazit, das sich an die Leser wendet: „Wenn so einer wie ich ... Dann braucht ihr, ihr alle den Mut nicht zu verlieren ...“
Einen zweiten Teil veröffentlichte Becher nicht unmittelbar. Die Kapitel Vom Aufstand im Menschen in seinem Werk Auf andere Art so große Hoffnung. Tagebuch 1950 verstand er als Fortsetzung. Weitere Entwürfe unter dem Titel Wiederanders blieben Fragment.
Stil↑
Das Buch ist ein Entwicklungsroman und zugleich stark autobiographisch geprägt. Sein zentrales Motiv ist das „Anderswerden“, das mit der Befreiung des Menschen aus den Zwängen der wilhelminisch-bürgerlichen Gesellschaft verbunden ist. Damit verknüpft sich die Hoffnung, dass solche Zwänge in einer sozialistisch geprägten Gesellschaft nicht mehr auftreten.
Erzählt wird überwiegend in fortlaufender Prosa aus der Sicht des Ich-Erzählers. In diese Erzählung sind jedoch poetische Passagen eingeschoben, die teilweise expressionistische Züge tragen. Die insgesamt fünfzig Kapitel sind zudem immer wieder mit verwirrenden, surrealistisch anmutenden Tagträumen des Erzählers durchsetzt. So verbindet Becher nüchterne Schilderung mit lyrischen und traumhaften Einschüben.
Rezeption↑
Der Roman gilt als einer der bekanntesten erzählerischen Versuche Bechers und fand in der Literaturwissenschaft mehrfach Beachtung. Peter Härtling widmete ihm einen Beitrag in seinem Band Vergessene Bücher. Hinweise und Beispiele aus dem Jahr 1966. York-Gothart Mix stellte das Buch 1994 in einer Studie neben Hans Falladas Der junge Goedeschal und Hermann Hesses Unterm Rad, um den Erziehungsalltag im Kaiserreich zu beleuchten.
Auch verfilmt wurde der Stoff: 1968 brachte der Regisseur Egon Günther den Roman unter dem Titel Abschied auf die Leinwand. Das Drehbuch schrieb er gemeinsam mit Günter Kunert. Später erschien der Text erneut in Buchform, unter anderem 1995 im Aufbau Taschenbuch Verlag.
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