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MEISTERWERKE DER WORTE
Das Lexikon der klassischen Literatur
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Werkseintrag · Abigél
Eingang · Werke · Abigél
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Abigél
1970
– Werkseintrag –

Abigél

1970 · Roman

Ein behütetes Mädchen wird mitten im Zweiten Weltkrieg in ein strenges Internat gebracht und findet dort Hilfe von einer geheimnisvollen Gestalt, die niemand kennt.

Überblick↑

Der Roman Abigél der ungarischen Schriftstellerin Magda Szabó erschien 1970 im Verlag Móra in Budapest. Angelegt ist er als Buch für junge Leser, doch seine Wirkung reicht weit über diesen Rahmen hinaus. Was zunächst wie eine romantische Abenteuergeschichte wirkt, gewinnt im Verlauf an Tiefe, denn die Handlung spielt während des Zweiten Weltkriegs, der schließlich in das scheinbar sorglose Leben der Mädchen eines Mädchenpensionats eingreift.

In Ungarn ist das Buch bis heute außerordentlich beliebt. In einer Umfrage des Jahres 2005, die nach dem Vorbild des britischen Lesewettbewerbs The Big Read gestaltet war, belegte es unter hundert Titeln den sechsten Platz (unter den ungarischsprachigen Romanen den dritten Platz). Es wurde mehrfach neu aufgelegt und für Fernsehen, Kino, Musical und Theater bearbeitet. Internationale Aufmerksamkeit fand es erst lange nach seinem Erscheinen, durch die französische Übersetzung von 2017 und vor allem die englische von 2020.

Inhalt (ohne Spoiler)↑

Im Mittelpunkt steht Georgina, genannt Gina, Vitay, eine Jugendliche aus Budapest und Tochter eines Generals. Ihre Mutter ist früh gestorben, doch sie wächst behütet auf, umgeben von der Liebe ihres Vaters und einer französischen Gouvernante. Sie führt ein freies, sorgloses Leben und wird bei den geselligen Nachmittagen ihrer mondänen Tante Mimó bereits von einem jungen Leutnant umworben.

Im Herbst 1943 eröffnet ihr der Vater unerwartet, dass er verreisen müsse und sie deshalb in ein Internat in der Provinz bringe. Es ist das strenge Matula-Institut der reformierten Kirche in der fiktiven Stadt Árkod im Osten des Landes. Gina empfindet den Ortswechsel als Verlust der väterlichen Liebe. Die kühle, puritanische Ordnung des Pensionats, die Uniform und die militärisch anmutenden Umgangsformen vertiefen ihr Unglück. Rasch gerät sie in Streit mit ihren Mitschülerinnen und muss eine harte Zeit der Ausgrenzung durchstehen.

Im Garten des Instituts steht die Statue einer Frau, von den Mädchen Abigél genannt. Der Überlieferung nach hilft sie in der Not, wenn man ihr seinen Kummer auf einem Zettel in den Krug legt, den sie in Händen hält. Tatsächlich sind in den letzten Jahren geheimnisvolle Botschaften erschienen, mit „Abigél“ gezeichnet. Wer sich hinter dem Namen verbirgt, bleibt ein Rätsel. Als der Krieg immer näher rückt, wird aus dem kindlichen Spiel bitterer Ernst.

Die Handlung im Detail↑

Gina Vitay lebt sorglos in Budapest, bis ihr Vater, ein General, sie im September 1943 unvermittelt in das Matula-Institut nach Árkod bringt. Die verwöhnte, selbstbewusste Jugendliche fällt aus ihrer gewohnten Welt in ein strenges, puritanisches Umfeld. Ihre persönlichen Dinge, darunter einige Schönheitsmittel, muss sie wie einen Schatz verstecken.

Schon am ersten Schultag verstößt sie gegen die Bräuche der Mitschülerinnen: Zu Beginn des Jahres „heiratet“ jedes Mädchen scherzhaft einen Gegenstand des Klassenzimmers. Gina findet das kindisch und verrät das Geheimnis, worauf die ganze Klasse bestraft wird. Es folgt eine lange Zeit der Ächtung, die sie schwerer erträgt als die strenge Ordnung des Hauses.

Der straffe Tagesplan lässt den Mädchen kaum Freiraum; am meisten fehlt ihnen Zuneigung. Sie mögen die schöne Diakonisse Zsuzsanna, die sich außerhalb des Unterrichts um sie kümmert, aber jede Gefühlsregung zurückhält. Am meisten geliebt, obwohl streng, ist der junge, gut aussehende Lehrer Kalmár. Am meisten verachtet wird der unscheinbare Lehrer Kőnig, der als Einziger nicht streng ist, was die Mädchen als Schwäche empfinden.

Im Garten steht die Statue Abigél, an die sich die Legende geheimnisvoller Hilfe knüpft. Gina fügt sich äußerlich, zeigt sich als gute Schülerin, denkt aber nur an Flucht. Als Belohnung für ihr Verhalten darf ihre Klasse zum Geburtstag der ehemaligen Schülerin Mici Horn kommen. Gina nutzt die Gelegenheit, täuscht Unwohlsein vor und steigt aus dem Fenster. Auf dem Bahnsteig wird sie im strömenden Regen vom Lehrer Kőnig aufgegriffen und in die Krankenstube gebracht, da sie schwer erkältet ist. Kőnig verrät den Fluchtversuch nicht, sondern erklärt, sie habe im Fieber gehandelt.

Der Vater besucht sie und offenbart ihr den wahren Grund: Sie muss sich im Internat verstecken, weil er der Leiter einer Widerstandsbewegung ist, die Ungarn aus dem Krieg führen will. Würde er verhaftet und wüsste man, wo seine Tochter ist, könnte man ihn zwingen, die Bewegung zu verraten, um sie zu retten. Gina begreift die Lage und reift daran.

Ein Fliegeralarm führt zur Aussöhnung mit ihrer Klasse: Die gemeinsam durchgestandene Angst im Luftschutzkeller verbindet sie. Von nun an gehört Gina dazu. Im Institut leben vier Mädchen aus zum Christentum übergetretenen jüdischen Familien, die in Gefahr sind. Gina findet in ihrer Tasche gefälschte Papiere und eine Botschaft Abigéls; sie soll die Dokumente an die vier weitergeben und rettet sie so, verantwortungsbewusst wie eine Erwachsene. Über Weihnachten bleibt sie im leeren Internat zurück, nur mit der verwaisten Nichte des Direktors.

Im März 1944 besetzen deutsche Truppen Ungarn. In der Kirche erblickt Gina ihren früheren Verehrer, den Leutnant. Er will sie aus dem Internat holen, angeblich weil ihr Vater schwer krank sei. Man lässt ihn nicht ein, also soll die Entführung heimlich geschehen. Doch dann erhält Gina eine neue Botschaft Abigéls: Ihr Vater ist verhaftet, und der Leutnant ist ein Mann der Geheimpolizei, der sie holen soll, um sie als Druckmittel gegen den General zu benutzen. Von nun an darf Gina nur noch tun, was Abigél ihr rät.

Der Leutnant unternimmt einen zweiten, offenen Versuch und behauptet gegenüber dem Direktor, er habe den Befehl, Gina zu ihrem Vater zu bringen. Der Direktor lehnt ab: Nur der General selbst dürfe sie holen. Gina, die an der Tür lauscht, erkennt, dass mehrere Mitglieder des Widerstands sie zu schützen suchen.

Bei der schlichten Feier zum Namenstag des Direktors erscheint überraschend Mici Horn. Mit einem Gesellschaftsspiel stiftet sie Unruhe und rät Gina, den Augenblick zu nutzen, aus dem Zimmer der Diakonisse Zsuzsanna deren Uniform zu nehmen, das Internat zu verlassen und zu ihr zu kommen. Gina schließt daraus, Abigél sei Mici Horn. Am Ende wird sie gerettet und erfährt mit Überraschung und Scham, wer Abigél in Wahrheit ist: der unscheinbare, verachtete Lehrer Kőnig, der auch andere Taten des Widerstands vollbracht hat.

Stil↑

Angelegt ist das Buch als Roman für junge Leser, und zunächst liest es sich wie eine romantische Abenteuergeschichte aus der geschlossenen Welt eines Mädchenpensionats. Erst im Verlauf der Handlung zeigt sich seine Tiefe. Die enge, streng geregelte Welt des Internats wird ganz aus der Sicht der jungen Gina erlebbar, und mit ihr wandelt sich die Erzählung: Aus Kinderstreichen und Rätselspielen um eine Statue wird tödlicher Ernst, als der Krieg in den scheinbar abgeschirmten Alltag einbricht. Die Spannung entsteht daraus, dass die Leserin lange ebenso wenig weiß wie die Heldin, wer Freund und wer Feind ist und wer sich hinter dem Namen Abigél verbirgt.

Rezeption↑

Große und anhaltende Beliebtheit hat das Buch vor allem in Ungarn gefunden, wo es auch im 21. Jahrhundert viel gelesen wird. In einer landesweiten Leserumfrage des Jahres 2005, die nach dem Vorbild des britischen Lesewettbewerbs The Big Read gestaltet war, erreichte es unter hundert Titeln den sechsten Platz (unter den ungarischsprachigen Romanen den dritten Platz). Seit dem Erscheinen wurde es mehrfach neu aufgelegt und für Fernsehen, Kino, Musical und Theater bearbeitet.

International wurde der Roman erst spät entdeckt. Den Anstoß gab die französische Übersetzung, die 2017 erschien und 2019 neu herausgebracht wurde. Breitere Aufmerksamkeit brachte vor allem die englische Übersetzung von 2020.

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