1939
Walter Mittys Geheimleben
Überblick↑
Die Kurzgeschichte Walter Mittys Geheimleben zählt zu den bekanntesten Erzählungen des amerikanischen Schriftstellers James Thurber. Sie erschien am 18. März 1939 in der Zeitschrift The New Yorker, in der auch die meisten seiner übrigen Erzählungen gedruckt wurden. Drei Jahre später nahm Thurber sie in den Sammelband My World and Welcome to It auf. Seither ist sie in zahlreichen Anthologien abgedruckt worden, besonders in der 1945 erschienenen Sammlung The Thurber Carnival. Erzählt wird von einem Mann, der seinem farblosen Alltag in immer neue Tagträume entkommt.
Inhalt (ohne Spoiler)↑
Im Mittelpunkt steht Walter Mitty, ein unscheinbarer, zurückhaltender Mann mittleren Alters. Gemeinsam mit seiner Ehefrau, die ihn mit ihrer Fürsorge beherrscht, fährt er zur wöchentlichen Einkaufstour in die Stadt. Schon während der Autofahrt schweifen seine Gedanken ab: Er sieht sich als tollkühner Flugkapitän, der seine Mannschaft durch einen schweren Sturm bringt.
So geht es den ganzen Nachmittag weiter. Ein Krankenhaus am Straßenrand, ein Ruf des Zeitungsjungen, eine Zeitschrift im Wartesessel – jede Kleinigkeit genügt, und Mitty wird zum gefeierten Chirurgen, zum kaltblütigen Angeklagten oder zum todesmutigen Piloten. Jedes Mal holt ihn die Wirklichkeit zurück, meist in Gestalt seiner Frau oder eines kleinen Missgeschicks. Die Geschichte lebt vom Wechsel zwischen den großen Auftritten in Mittys Kopf und den kleinen Demütigungen des Alltags.
Die Handlung im Detail↑
Zu Beginn fährt Walter Mitty mit seiner Frau zum wöchentlichen Einkauf. Während der Fahrt träumt er sich in die Rolle eines erfahrenen und waghalsigen Flugkapitäns, der seine Mannschaft durch den schlimmsten Sturm seit zwanzig Jahren rettet. Seine Frau beendet den Traum: Sie beklagt sich über seine Raserei und erinnert ihn daran, Überschuhe zu kaufen, während sie zum Frisör geht.
Auf ihr Drängen hin zieht er Handschuhe an. Als er an einem Krankenhaus vorbeikommt, wird er in Gedanken zum berühmten Chirurgen, der an einem prominenten Patienten eine spektakuläre Operation vornimmt. Der wirkliche Mitty ist davon so abgelenkt, dass er beim Einparken beinahe ein anderes Auto rammt. Ein Parkwächter kommt ihm zu Hilfe und bringt den Wagen mühelos in die richtige Position. Mitty denkt darauf düster über seine eigenen Schwächen nach und über all die Besserwisser, die ihm überlegen sind.
Während er nach einem Schuhladen sucht, läuft ein Zeitungsjunge vorbei und ruft etwas über den „Waterbury-Fall“. Sofort findet Mitty sich als Angeklagter eines Mordprozesses im Gerichtssaal wieder, im Kreuzverhör mit dem Staatsanwalt. Sein Verteidiger will ihn entlasten und weist darauf hin, sein rechter Arm sei zur Tatzeit verletzt gewesen. Mitty bringt ihn mit einer lockeren Geste zum Schweigen und erklärt kühl, er hätte Gregory Fitzhurst noch aus 300 Fuß Entfernung mit links erschießen können.
Nach den Einkäufen setzt sich Mitty in einen Ledersessel in der Lobby und nimmt eine Zeitschrift zur Hand. Darin geht es um die Frage, ob Deutschland in einem Luftkrieg die Welt erobern könnte. Schon fliegt Mitty als todesmutiger Bomberpilot allein ein Flugzeug durch feindlichen Luftraum, das eigentlich für zwei Piloten ausgelegt ist. Wieder reißt ihn seine Frau heraus; tadelnd hält sie ihm vor, sie habe bereits das ganze Gebäude nach ihm abgesucht.
Auf dem Rückweg zum Auto fällt ihr ein, dass sie etwas vergessen hat, und sie läuft noch einmal zurück. Mitty lehnt sich an eine Wand und zündet sich eine Zigarette an. Da steht er einem Erschießungskommando gegenüber. Mit einem flüchtigen Lächeln auf den Lippen, aufrecht, reglos, stolz und verächtlich blickt er seinen Henkern ins Gesicht: „Walter Mitty the Undefeated, inscrutable to the last.“
Stil↑
Kennzeichnend ist der ständige Wechsel zwischen zwei Ebenen: den heldenhaften Szenen in Mittys Kopf und dem nüchternen Einkaufsnachmittag in der Stadt. Die Tagträume beginnen unvermittelt und mitten im Text, sodass der Leser zunächst selbst nicht weiß, ob er sich in der Wirklichkeit befindet oder nicht. Beendet werden sie ebenso abrupt, meist durch eine Bemerkung der Ehefrau oder ein banales Hindernis. Aus diesem Gegeneinander von großer Pose und kleinem Alltag bezieht die Geschichte ihre Komik. Thurber lässt seinen Helden in den Träumen groß auftreten, während ihn draußen Überschuhe und Handschuhe erwarten.
Rezeption↑
Als humoristische Kurzgeschichte gilt Walter Mittys Geheimleben als eines der Meisterwerke James Thurbers, und sie hat vor allem in der Populärkultur weit gewirkt. Der Name Walter Mitty ist seither als Sinnbild für den unbeholfenen Tagträumer in den Wortschatz der englischen Sprache eingegangen. Als „Walter Mitty-ness“ wurde er sogar zum Gegenstand sozialpsychologischer Untersuchungen.
Zugleich sieht man in der Figur ein Abbild ihres Schöpfers. Wilhelm Bittorf schrieb bereits 1953 in der Zeit: „Nur an James Thurber persönlich ist aufzuspüren, was seine Figuren – den Tagträumer Walter Mitty wie das perplex-problematische Ehepaar Monroe – so komisch, so traurig, so trostreich macht.“
Verfilmt wurde die Geschichte zweimal. Die erste Fassung entstand 1947 mit Danny Kaye in der Hauptrolle unter dem Titel Das Doppelleben des Herrn Mitty. Die zweite drehte Ben Stiller 2013 als Das erstaunliche Leben des Walter Mitty. Beide Filme weichen in der Handlung stark von der Vorlage ab und nutzen sie nur als Anregung für einen eigenen Stoff.
Auch der Rundfunk griff den Stoff auf. 1944 wurde die Erzählung im Rahmen der Anthologie This Is My Best im Screen Guild Theater des Senders CBS erstmals fürs Radio bearbeitet, mit Robert Benchley in der Hauptrolle. 1977 setzte Achim Scholz die Geschichte in einer Bearbeitung von Gerhard Rentzsch für den Rundfunk der DDR als Hörspiel um. Walter Lendrich sprach den Walter Mitty, Käthe Reichel dessen Ehefrau.
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