1835
Wally, die Zweiflerin
Überblick↑
Der Roman Wally, die Zweiflerin von Karl Gutzkow erschien 1835 in Mannheim. Er steht im Umkreis der literarischen Bewegung Junges Deutschland und stellte damals verbindliche Vorstellungen von Ehe und Religion offen infrage. Genau das machte ihn zum Skandal: Kurz nach dem Erscheinen wurde das Buch verboten, Gutzkows Schriften wurden beschlagnahmt, und der Autor musste ins Gefängnis. Die literarische Qualität gilt vielen als gering, doch die Wirkung auf Literatur und Kultur wird als groß eingeschätzt.
Inhalt (ohne Spoiler)↑
Im Mittelpunkt steht die neunzehnjährige Gräfin Wally. Sie liebt den klugen, kühl-spöttischen Baron Cäsar, der fünf Jahre älter ist als sie. Heiraten aber wird sie einen anderen: den sardinischen Diplomaten Luigi. Nach der Hochzeit zieht das Paar nach Paris. Der Titel nennt Wally eine Zweiflerin, und das ist ihr Wesen: Sie hadert mit den Regeln der Ehe ebenso wie mit dem Glauben, in dem sie aufgewachsen ist. Gutzkow verband ihre Geschichte mit offenen Fragen nach Sitte, Religion und der Stellung der Frau. Schon einzelne freizügige Szenen sorgten bei den Zeitgenossen für Aufsehen.
Die Handlung im Detail↑
Die neunzehnjährige Gräfin Wally liebt den intelligenten und zynischen Baron Cäsar. Dennoch heiratet sie den sardinischen Diplomaten Luigi. Am Abend vor der Hochzeit tritt Wally nackt vor Cäsar. Die Geste soll eine geistige Ehe zwischen den beiden besiegeln. Gerade diese Szene löste den größten Skandal aus.
Nach der Hochzeit ziehen Luigi und Wally nach Paris. Dort fasst Luigis Bruder Geronimo eine Leidenschaft für Wally. Da sie seine Gefühle nicht erwidert, nimmt er sich das Leben. Wally flieht mit Cäsar aus Paris. Doch Cäsar verlässt sie, um eine reiche Jüdin zu heiraten.
Wally hatte zuvor eine Abhandlung Cäsars über den Glauben gelesen. Diese Glaubensschrift setzte Gutzkow aus Textstücken von Hermann Reimarus zusammen. Am Ende verliert Wally den letzten Rest ihrer Frömmigkeit, der ihr geholfen hatte, sich mit ihrer Umwelt abzufinden. Wenige Monate später nimmt sie sich das Leben.
Stil↑
Angelegt ist das Buch weniger als kunstvoll gebaute Erzählung denn als Roman der Ideen. Gutzkow verwebt die Liebeshandlung mit religiöser und weltanschaulicher Reflexion. So schiebt sich mitten in die Geschichte eine ganze Abhandlung über den Glauben, die der Autor aus Fragmenten von Hermann Reimarus zusammensetzte. Die Provokation gehört zum Programm: Freizügige Szenen und der offene Zweifel an Ehe und Kirche stehen im Vordergrund. Die literarische Ausarbeitung gilt vielen als schwach; die Bedeutung des Werks liegt eher in seinen Thesen als in seiner erzählerischen Kunst.
Rezeption↑
Kaum war der Roman erschienen, wurde er verboten. Gutzkows Schriften wurden beschlagnahmt, und der Autor verbrachte drei Monate im Gefängnis. Auch die Werke der gesamten Gruppe Junges Deutschland wurden untersagt. So machte gerade das Verbot das Buch weithin bekannt. In der Literaturgeschichte gilt es als eines von zwei besonders wichtigen deutschen Werken, die die damaligen Vorstellungen von der Stellung der Frau infrage stellten; als das erste dieser Art wird Friedrich Schlegels Roman Lucinde genannt. Die literarische Qualität wird bis heute eher gering geschätzt, der Einfluss auf Literatur und Kultur dagegen als groß.
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