1800
Wallenstein
Überblick↑
Das Werk Wallenstein ist eine Dramen-Trilogie von Friedrich Schiller, die er 1799 vollendete und 1800 im Druck erscheinen ließ. Sie besteht aus den drei Teilen Wallensteins Lager, Die Piccolomini und Wallensteins Tod. Im Mittelpunkt steht der Niedergang des berühmten Feldherrn Albrecht von Wallenstein während des Dreißigjährigen Krieges. Schiller orientiert sich frei an den geschichtlichen Ereignissen und zeigt, wie ein mächtiger Mann auf dem Gipfel seines Erfolgs zu Fall kommt, weil er sich gegen seinen Kaiser auflehnt. Das Werk gilt als einer der Höhepunkte der deutschen Dramendichtung und gehört bis heute zum festen Repertoire der deutschsprachigen Bühnen.
Inhalt (ohne Spoiler)↑
Die Handlung spielt im Winter 1633 und 1634, fast sechzehn Jahre nach Beginn des Dreißigjährigen Krieges. Schauplatz ist zunächst die böhmische Stadt Pilsen, wo der kaiserliche Oberbefehlshaber Wallenstein mit seinen Truppen lagert.
Der erste Teil, Wallensteins Lager, zeigt die Stimmung des einfachen Volkes und der Soldaten. Sie bewundern ihren Feldherrn, der Söldner aus vielen Gegenden vereint hat und ihnen viele Freiheiten lässt. Über den Kaiser dagegen spricht man eher abschätzig. Als bekannt wird, dass der Kaiser einen Teil der Armee abziehen will, regt sich Widerstand.
Der zweite Teil, Die Piccolomini, rückt die Heerführer und Adeligen in den Mittelpunkt. Wallenstein liegt mit dem Kaiser im Streit, weil er dessen Befehle wiederholt missachtet hat. Im Geheimen wägt er ab, ob er sich mit den Schweden, den Feinden des Kaisers, verbünden soll. Verschärft wird die Lage durch die Liebe zwischen Max Piccolomini, einem begeisterten Anhänger Wallensteins, und Wallensteins Tochter Thekla. Max gerät zunehmend zwischen seine Treue zum Kaiser und seine Verehrung für den Feldherrn.
Der dritte Teil, Wallensteins Tod, führt diese Konflikte zur Entscheidung. Wallenstein muss sich fragen, wie weit er gehen will und wem er noch trauen kann.
Die Handlung im Detail↑
Der erste Teil, Wallensteins Lager, dient als Einleitung und ist deutlich kürzer als die beiden folgenden Teile. Er spiegelt die Stimmung der einfachen Soldaten im Lager Wallensteins wider. Die Männer sind begeistert von ihrem Oberbefehlshaber, der Söldner aus ganz verschiedenen Gegenden zu einer Armee vereint hat. Sie loben, dass er ihnen außerhalb des Kampfes große Freiheiten lässt und sich beim Kaiser für die Armee einsetzt. Über den Kaiser wird abschätzig gesprochen. Die Soldaten preisen sogar den Krieg, der zwar den Zivilisten schade, ihnen selbst aber ein besseres Leben bringe. Ein Bauer beklagt, dass die Truppen ihn ausnähmen, ein Mönch tadelt das gottlose Leben der Soldaten. Zum Schluss erfahren die Männer, dass der Kaiser einen Teil der Armee den Spaniern unterstellen will. Sie beschließen, den Truppenführer Max Piccolomini zu bitten, sich bei Wallenstein dafür einzusetzen, diesem Wunsch nicht zu folgen.
Mit dem zweiten Teil, Die Piccolomini, beginnt die Haupthandlung. Die Perspektive wechselt zu den Führern der Truppe. Die meisten sind begeisterte Anhänger des Fürsten Wallenstein und schätzen ihn höher als den Kaiser. Wallenstein hat dessen Befehle wiederholt missachtet und liegt mit ihm im Streit. Um Wallenstein zu schwächen, befiehlt der Kaiser ihm, einen Teil des Heeres abzutreten. Der Fürst will das nicht hinnehmen. Im Geheimen verhandelt er mit den Schweden, den Gegnern des Kaisers, um sich die Möglichkeit eines Bündnisses offenzuhalten. Dazu drängen ihn seine engsten Vertrauten, sein Schwager Terzky und Illo. Diese lassen alle Heerführer ein Dokument unterschreiben, in dem Wallenstein Treue geschworen wird. Die Unterzeichner glauben, ihre Treue zu Wallenstein werde durch die Treue zum Kaiser eingeschränkt. In der vorgelegten Fassung ist diese Einschränkung jedoch heimlich entfernt.
Wallenstein ahnt nicht, dass sein Vertrauter Octavio Piccolomini dem Kaiser treu geblieben ist. Octavio kennt seine Pläne, spioniert für den Kaiser und hat eine Vollmacht erhalten, Wallenstein als Oberbefehlshaber abzulösen. Diese Vollmacht will er erst nutzen, wenn Wallenstein sich öffentlich gegen den Kaiser stellt. Kaiserlichen Spähern gelingt es, einen Unterhändler Wallensteins auf dem Weg zu den Schweden abzufangen. Damit steht Wallensteins Überführung kurz bevor. Zugleich verlieben sich Octavios Sohn Max Piccolomini und Wallensteins Tochter Thekla ineinander. Max ist ein begeisterter Anhänger Wallensteins und glaubt seinem Vater nicht, dass der Feldherr den Kaiser verraten wolle. Der zweite Teil endet mit Max' Entschluss, Wallenstein selbst nach seinen Plänen zu befragen. So soll sich entscheiden, ob er sich gegen seinen Vater oder gegen den verehrten Wallenstein stellen muss.
Im dritten Teil, Wallensteins Tod, führen diese Konflikte zum tragischen Ende. Wallenstein erfährt, dass sein Unterhändler abgefangen wurde. Damit hat der Kaiser womöglich Beweise für seine geheimen Verhandlungen. Nach einigen Zweifeln und durch das starke Zureden von Illo, Terzky und besonders der Gräfin Terzky entschließt sich Wallenstein, offiziell ein Bündnis mit den Schweden zu schließen.
Doch Octavio Piccolomini gelingt es als geheimer Beauftragter des Kaisers, fast alle wichtigen Führer von Wallenstein abzubringen. Dem Offizier Buttler beweist er, dass Wallenstein dessen Karriere heimlich behindert hat. Der gekränkte Buttler bleibt bei Wallenstein, um sich rächen zu können. Max Piccolomini ist zerrissen zwischen seiner Treue zum Kaiser, seiner Bewunderung für Wallenstein und seiner Liebe zu Thekla. Schließlich entscheidet er sich, Wallenstein zu verlassen. Er will sich dennoch als Freund von ihm trennen, wird aber von Wallenstein verstoßen. Der Feldherr flieht daraufhin mit seinen letzten Getreuen nach Eger. Max stürzt sich in einen aussichtslosen Kampf gegen die Schweden und fällt. Als Thekla davon erfährt, bricht sie heimlich zu seinem Grab auf, um beim Geliebten den Tod zu finden. Auch Wallenstein trauert, glaubt aber, das Schicksal habe ihm Max genommen, um künftiges Glück auszugleichen.
In der Nacht ermorden Buttlers Schergen Macdonald und Deveroux zunächst die beiden hohen Offiziere Illo und Terzky bei einem Festmahl und danach in dessen Schlafzimmer auch Wallenstein selbst. Das Drama endet mit einem letzten Dialog zwischen Octavio und der Gräfin Terzky, die sich zuvor vergiftet hat und nun stirbt. Octavio erhält die Botschaft, der Kaiser habe ihn zum Dank für seine Treue in den Fürstenstand erhoben.
Stil↑
Das Werk ist als großes dramatisches Gedicht in Versen angelegt. Schiller konzentriert eine weltgeschichtliche Offiziersverschwörung bewusst auf das persönliche Schicksal der historischen Figur Wallensteins. Damit folgt er dem Vorbild des Shakespeareschen Charakterdramas. Die Trilogie entwickelt den Schicksalsbegriff der griechischen Tragödie weiter: Wallenstein ist sich der Freiheit seiner Entscheidung bewusst, unterwirft sich aber zugleich eigenwillig dem Schicksal seiner eigenen Sterndeutung.
Trotz der unterschiedlichen Gestalt der drei Teile besteht ein innerer Zusammenhang. Aus dem volkstümlichen Blick des Lagers, von dem aus Wallenstein wie ein unerreichbarer Zentralstern erscheint, führt der Weg über Die Piccolomini, die die Handlung vorbereiten, bis zur introspektiven Tragödie des Helden in Wallensteins Tod. So verschieden die Teile auch sind, wirken sie doch wie aus einem Guss.
Für einen Stoff von solchem Umfang fand Schiller bewusst eine große, einfache und schlichte Form, die jedes überflüssige Beiwerk vermeidet. Nach Viktor Žmegač zeigt das Werk, dass Schiller die Gesetzmäßigkeiten tragischer Verstrickung und die poetische Logik wichtiger waren als die historische Treue.
Rezeption↑
Die Uraufführungen fanden 1798 und 1799 am Weimarer Hoftheater unter der Theaterleitung von Johann Wolfgang von Goethe statt. Wallensteins Lager wurde am 12. Oktober 1798 zur Eröffnung des umgebauten Theaters gegeben. Die Piccolomini folgten am 30. Januar 1799, Wallensteins Tod am 20. April 1799.
Seither gehört Wallenstein – oft erheblich gekürzt und auf einen Theaterabend zusammengezogen – zum klassischen deutschen Bühnenrepertoire. Zu den beachteten Inszenierungen zählen Aufführungen am Deutschen Theater in Berlin und am Wiener Burgtheater. Seit 1894 finden im fränkischen Altdorf alle drei Jahre die Wallenstein-Festspiele statt; seit 1973 wird dort auch die Schiller-Trilogie in einer Kurzfassung gespielt. 2007 inszenierte Peter Stein alle elf Akte der Trilogie am Berliner Ensemble mit Klaus Maria Brandauer in der Hauptrolle. Diese über zehnstündige Aufführung enthielt fast den vollständigen Text und fand in einer ehemaligen Brauerei in Berlin-Neukölln statt.
In der Kritik wird die Gewaltigkeit des Werkes nach Stoff und Umfang hervorgehoben. Der neue Schauspielführer nennt es den Gipfel der deutschen und der dramatischen Dichtung überhaupt. Zugleich gilt die Bezeichnung Trilogie als nicht ganz zutreffend, weil die einzelnen Teile kaum als abgeschlossene Werke für sich stehen. Für die Regie stellt sich daher stets die Frage, ob Kürzungen den Zeitgewinn rechtfertigen oder den Verlust wesentlicher Schönheiten des Werkes bedeuten.
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