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Werkseintrag · Die Jungfrau von Orleans
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Die Jungfrau von Orleans
1801
– Werkseintrag –

Die Jungfrau von Orleans

1801 · Tragödie

Ein einfaches Hirtenmädchen folgt einem himmlischen Auftrag in den Krieg und führt Frankreich gegen die englischen Besatzer – doch an ihre Sendung ist eine strenge Bedingung geknüpft.

Überblick

Das Drama Die Jungfrau von Orleans stammt von Friedrich Schiller und erschien 1801. Die Uraufführung fand am 11. September 1801 im Comödienhaus auf der Rannischen Bastei in Leipzig statt. Schiller greift darin den Stoff um die französische Heilige Johanna von Orléans auf, ein einfaches Hirtenmädchen, das sich von Gott berufen fühlt, Frankreich gegen die englischen Besatzer zu führen. Zu Schillers Lebzeiten gehörte das Stück zu seinen am häufigsten gespielten Werken. Werk- und literaturgeschichtlich zählt es zur Weimarer Klassik. Schon die Gattungsbezeichnung „romantische Tragödie" zeigt, dass Schiller damit auf die aufkommende Romantik reagierte.

Inhalt (ohne Spoiler)

Im Frankreich des Krieges gegen England steht das Land in aussichtsloser Lage. In diese bedrängte Zeit tritt Johanna, die Tochter des Bauern d'Arc. Sie ist anders als die Menschen um sie herum: Sie sucht die Einsamkeit, hat kein Interesse am Heiraten und hält zugleich flammende Reden über den Krieg. In einem Monolog spricht sie von ihrer „Sendung" – einem Auftrag des Geistes, gegen die Engländer in den Kampf zu ziehen. Als ein Helm zu ihr gelangt, deutet sie das als Zeichen des Himmels und bricht auf.

König Karl, der Dauphin von Frankreich, will angesichts der militärischen Lage schon aufgeben. Doch mit Johannas erstem Sieg kehrt die Hoffnung zurück. Vor dem König beweist sie ihre seherischen Fähigkeiten und erklärt, sie habe ihren Auftrag von der Mutter Gottes erhalten. An diesen Auftrag aber ist eine strenge Bedingung geknüpft: Sie darf sich in keinen Mann verlieben. Am Königshof wird Johanna von allen sogleich verehrt, während sich im Lager der Engländer Unruhe und Uneinigkeit ausbreiten. Wie lange Johanna ihrer Sendung treu bleiben kann, ist die Frage, um die das Werk kreist.

Die Handlung im Detail

Im Prolog wird über den näher rückenden Krieg gesprochen, über seine Auswirkungen auf Frankreich und auf die Familie d'Arc. Johanna wird eingeführt und als ungewöhnlicher Mensch gezeigt. Sie meidet die Gesellschaft, lehnt das Heiraten ab und hält doch eine flammende Rede zum Krieg. In ihrem Monolog nennt sie ihre Sendung: einen Auftrag „des Geistes", also Gottes, gegen die Engländer zu ziehen. Ihr Vater sieht diese Entwicklung mit Sorge. Er vermutet, die Geister unter dem „Druidenbaum" hätten sie zum Bösen verführt, und wirft ihr fehlende christliche Demut vor – sie wolle hoch hinaus, weil sie besonders schön sei. Als Bertrand mit einem Helm ankommt, den er von einer Zigeunerin auf dem Markt erhalten hat, wird Johanna klar, dass sie in den Krieg ziehen muss. Sie deutet den Helm als ein für sie bestimmtes Zeichen des Himmels.

Im ersten Aufzug will König Karl, der Dauphin, in scheinbar aussichtsloser Lage resignieren. Neue Hoffnung fasst er, als Johannas erster Sieg gemeldet wird: Schon durch ihr bloßes Auftreten habe sie beim Gegner für Panik gesorgt. Vor dem König zeigt Johanna ihre seherische Gabe und nennt weitere Einzelheiten ihrer Sendung. Sie habe den Auftrag von der Mutter Gottes erhalten – verbunden mit der Bedingung, dass sie sich in keinen Mann verlieben dürfe. Am Hof wird sie sogleich von allen verehrt.

Der zweite Aufzug stellt die englische Seite vor. Auch die Engländer halten das Geschehen für ungewöhnlich, deuten es aber als schwarze Magie. Schon zu Beginn zeigt sich die Uneinigkeit im gegnerischen Lager. In der folgenden Schlacht legt Johanna ein flammendes Bekenntnis zu ihrem Vaterland und gegen die englischen Eindringlinge ab. Dann tötet sie ohne Erbarmen einen walisischen Soldaten namens Montgomery, obwohl dieser seine Anwesenheit in Frankreich schon vor ihrem Auftritt bereut hat. Ihre kindliche, von Pragmatismus freie Art zeigt sich auch in der Begegnung mit Philipp von Burgund: Mit ihrer ergreifenden, überzeugenden Rhetorik gewinnt sie ihn für die französische Seite.

Im dritten Aufzug geht es um die Zukunft Frankreichs und Johannas. Die bisherigen Kriegsgegner versöhnen sich. Mehrere bedeutende Männer streiten in Johannas Abwesenheit darüber, wen sie heiraten soll. Nach ihrem Eintreffen gelingt ihr sogar die Versöhnung Philipps von Burgund mit Du Chatel, dem französischen Ritter, der Philipps Vater getötet hatte. Dunois und La Hire machen ihr nacheinander einen Heiratsantrag; Johanna weist beide unter Hinweis auf ihr Liebesverbot ab. In der folgenden Schlacht stirbt der englische Feldherr Talbot. Johanna begegnet einem mysteriösen „schwarzen Ritter", der sie zum Abbruch ihrer Sendung bewegen will. Gleich darauf trifft sie auf den englischen Anführer Lionel. Sie besiegt ihn im Kampf. Doch als sie ihm zur Identifizierung den Gesichtsschutz entreißt, verlieben sich die beiden auf den ersten Blick ineinander. Johanna ist zutiefst verwirrt. Lionel muss fliehen, weil die französischen Offiziere Dunois und La Hire nahen.

Im vierten Aufzug schämt sich Johanna, dass sie ihren Auftrag aus Liebe zu Lionel und nicht aus Mitleid verraten hat. Es gebe keine Rechtfertigung dafür, Montgomery und andere Briten getötet zu haben, Lionel aber zu verschonen. Nur widerwillig und mit schlechtem Gewissen nimmt sie die Fahne der Jungfrau Maria an und nimmt an der Krönung Karls in Reims teil. Den Gegensatz zu ihrer gedrückten Stimmung bildet die Verehrung ihrer Umwelt; König Karl deutet sogar an, Johanna auf sein Betreiben heiligsprechen zu lassen. Nach der Krönung trifft Johanna ihre Schwestern und will mit ihnen heimkehren. Doch ihr Vater Thibaut kommt dazwischen und klagt sie öffentlich an, mit dem Teufel im Bunde zu sein. Mehrere Donnerschläge begleiten dieses „Gottesurteil". Johanna schweigt zu den Vorwürfen – daraufhin wird sie verbannt. Ihr Freier Raimond begleitet sie.

Der fünfte Aufzug zeigt Johanna bei schwerem Gewitter mit Raimond im Wald. Köhler, auf die sie trifft, halten sie für eine „Hexe". Tatsächlich hat sich das Kriegsglück inzwischen zugunsten der Engländer gewendet. Johanna beteuert gegenüber Raimond, nie schwarze Magie betrieben zu haben. Beim „Gottesurteil" habe sie nur aus Gehorsam gegenüber dem himmlischen und dem leiblichen Vater geschwiegen – und weil sie Strafe verdient habe. Jetzt aber sei sie mit sich im Reinen und nehme alles an, was Gott mit ihr vorhabe. Kurz darauf wird sie von Engländern unter Königin Isabeau gefangen genommen. Raimond benachrichtigt die Franzosen. Lionel will Johanna vor den eigenen Leuten schützen, die sie hängen sehen wollen; doch Johanna zeigt keine Liebe mehr zu ihm. Als Lionel in die Schlacht gerufen wird, lässt er Johanna bei Isabeau in einem Turm zurück. Ein Beobachter berichtet, die Engländer gewännen an Boden. Da bittet Johanna kniefällig um Gottes Beistand und reißt sich auf wundersame Weise von ihren Ketten los. Sie wendet die Schlacht zugunsten der Franzosen – wird dabei aber tödlich verwundet. Vor ihrem Tod wird sie verklärt: Helles Licht umgibt sie, sie sieht einen Regenbogen, der sie in ihre „neue Heimat" im Jenseits geleiten soll. In der Schlussszene decken die Umstehenden die tote Johanna mit ihren Fahnen zu.

Stil

Schon die Gattungsbezeichnung „romantische Tragödie" weist auf Schillers Umgang mit der Form hin. Mit ihr reagierte er auf die aufkommende Romantik, blieb aber der Weimarer Klassik verbunden. Das Werk gliedert sich in einen Prolog und fünf Aufzüge, deren Szenen zwischen verschiedenen Gegenden Frankreichs wechseln.

Tragend ist die Kraft der Rede. Johanna spricht flammende Bekenntnisse zu ihrem Vaterland, hält große Monologe über ihre Sendung und gewinnt Gegner durch ihre überzeugende Rhetorik für die französische Seite. Neben diese rednerische Wucht treten übernatürliche und feierliche Elemente: die Stimme „des Geistes", der mysteriöse „schwarze Ritter", die Donnerschläge des „Gottesurteils" und am Ende die Verklärung mit hellem Licht und Regenbogen.

Schiller gestaltet die geschichtliche Gestalt der Johanna frei. Ihre kindliche, von Pragmatismus freie Art und ihr inneres Ringen zwischen himmlischem Auftrag und menschlichem Gefühl stehen im Mittelpunkt. Der Schluss weicht vom überlieferten Geschehen ab: Johanna stirbt nicht auf dem Scheiterhaufen, sondern fällt verklärt auf dem Schlachtfeld.

Rezeption

Schon zu Schillers Lebzeiten war das Stück sehr erfolgreich, vor allem in Weimar. Eine Statistik weist nach, dass kein Drama zwischen 1786 und 1885 an Berliner Bühnen häufiger gespielt wurde als diese „romantische Tragödie". Auch im 21. Jahrhundert blieb das Werk auf den Spielplänen: In der Spielzeit 2004/2005 sahen im deutschsprachigen Raum 53.363 Zuschauer das Stück bei 152 Aufführungen in zwölf Inszenierungen, womit es auf Platz 19 aller aufgeführten Stücke lag. In der Spielzeit 2013/14 stand es unter anderem am Deutschen Theater Berlin und am Staatstheater Kassel auf dem Programm.

Im Lauf der Zeit wandelte sich die Bewertung. Weil der anti-feudal-liberale Nationalismus des 18. Jahrhunderts fälschlich mit dem hegemonialen Nationalismus des 20. Jahrhunderts gleichgesetzt wurde, kam es immer wieder zu Versuchen, Schiller für konservative Zwecke zu vereinnahmen. Friedrich August von Kaulbach etwa nutzte 1914 Schillers Schilderung einer nächtlichen Angriffsszene als Anregung für seine Darstellung der Germania zu Beginn des Ersten Weltkriegs.

Im 21. Jahrhundert wird das Stück oft kritisch gesehen, vor allem von Regisseuren und Theaterkritikern. Beispielhaft steht die Kritik Shirin Sojitrawallas zur Mainzer Aufführung vom 7. Dezember 2007 unter dem Titel „Die unerträgliche Leichtigkeit des Heilig-Seins": Sie beschreibt Johanna als „naive Gotteskriegerin, die nichts vom Leben und alles vom Himmel weiß". Zunehmend wird Johannas Befreiungssendung in Rezensionen als Nationalismus und Kriegslust missverstanden.

Der Stoff hat auch die Musik angeregt. Vertonungen schufen unter anderem Giuseppe Verdi mit Giovanna d'Arco (1845) und Pjotr Iljitsch Tschaikowski mit Die Jungfrau von Orléans (1881); 1976 folgte Giselher Klebes Das Mädchen aus Domrémy. 2016 entstand zudem eine Verfilmung als Schulfilm unter der Regie von Cornelia Köhler.

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