1906
Die Jungen von der Paulstraße
Überblick↑
Der Jugendroman Die Jungen von der Paulstraße des ungarischen Schriftstellers Ferenc Molnár erzählt vom Kampf zweier Kinderbanden um ein unbebautes Grundstück im Budapest des ausgehenden 19. Jahrhunderts. Die Geschichte erschien 1906 in Fortsetzungen in der Jugendzeitschrift Tanulók Lapja und kam 1907 erstmals als Buch heraus. Unter dem ungarischen Titel A Pál utcai fiúk gilt das Werk als Hauptwerk der ungarischen Jugendliteratur. Die deutsche Erstausgabe erschien 1910 unter dem Titel Die Jungen der Paulstraße beim Verlag Hermann Walther. In viele Sprachen übersetzt, wurde das Buch zu einem internationalen Klassiker.
Inhalt (ohne Spoiler)↑
In einem Budapester Arbeiterviertel gibt es für die Jungen nur einen wirklich kostbaren Ort: ein unbebautes Grundstück, den grund. Zwischen den Holzstapeln eines Sägewerks lässt sich hier Krieg spielen, Fußball spielen, eine Festung errichten. Die „Bande der Paulstraße“ beansprucht diesen Platz für sich – doch eine rivalisierende Gruppe, die „Rothemden“, hat es ebenfalls auf ihn abgesehen und will ihn erobern.
Zwischen den Banden bahnt sich ein regelrechter Feldzug an, mit Rängen, Fahnen und Kriegsplänen, ganz nach dem Vorbild der Erwachsenenwelt. Im Mittelpunkt steht Ernő Nemecsek, ein kleiner, schwacher und oft verspotteter Junge, der in der Bande am wenigsten gilt. Er ist der einzige gewöhnliche Soldat ohne Rang, der Letzte in der Reihe – und ausgerechnet er wird zur entscheidenden Gestalt in diesem Ringen um den grund. Die Erzählung führt durch Missverständnisse, Verrat und mutige Aufklärungsgänge in den botanischen Garten der Rothemden.
Die Handlung im Detail↑
Die Geschichte spielt gegen Ende des 19. Jahrhunderts, in der Zeit von Molnárs eigener Jugend. Schauplatz ist die Budapester Józsefváros, an der Ecke von Pál utca (Paulstraße) und Mária utca. Dort liegt der grund, ein unbebautes Grundstück mit den Holzstapeln eines Sägewerks – für die Jungen der Paulstraße Festung, Spielplatz und Heimat zugleich. Die rivalisierende Bande der Rothemden (Vörösingesek) will diesen Platz erobern. Ein weiterer wichtiger Schauplatz ist der Füvészkert, ein botanischer Garten hinter dem Naturwissenschaftlichen Museum, in dem sich die Rothemden versammeln.
Zu den Hauptfiguren gehören Ernő Nemecsek, der Anführer János Boka, Csónakos, Geréb sowie auf der Gegenseite Feri Áts, der Führer der Rothemden, und die Pásztor-Brüder. Nemecsek lebt mit seiner Familie in einer ärmlichen Mietwohnung. Er ist Mitglied des sogenannten Kittvereins (gittegylet), dessen einzige Beschäftigung darin besteht, den aus verkitteten Fensterscheiben gewonnenen Kitt abwechselnd zu kauen und weich zu halten – eine Spielerei, deren Name in Ungarn bis heute für unseriöse, eigennützige Vereinigungen steht.
Nemecsek wird von den anderen unterschätzt. Wegen eines Missverständnisses hält man ihn für einen Verräter des Kittvereins; sein Name wird zur Strafe mit kleinen Anfangsbuchstaben ins Vereinsbuch eingetragen. In Wahrheit aber ist er der eigentliche Held des Grundes. Bei einem Aufklärungsgang mit Boka und Csónakos in den Füvészkert fällt er in den kalten Teich des Gartens. Dennoch kehrt er noch zweimal dorthin zurück und beweist seinen Mut.
Nemecsek findet schließlich heraus, dass sein eigener Kamerad Geréb der wahre Verräter ist: Dieser hat Feri Áts geholfen, eine Fahne der Paulstraße zu stehlen. Erneut im Garten, wird Nemecsek von den Pásztor-Brüdern wieder ins kalte Wasser geworfen. Feri Áts lässt den schwachen, aber tapferen Jungen zurück und verlässt den Garten, ohne ihm zu helfen.
Von diesem letzten Besuch trägt Nemecsek eine schwere Lungenentzündung davon. Mit hohem Fieber schleicht er aus dem Bett, um Boka vor dem geplanten Geheimangriff der Rothemden zu warnen und ihn über Gerébs Verrat zu unterrichten. Boka schmiedet daraufhin einen Kriegsplan. In der großen Schlacht am grund siegen die Jungen der Paulstraße. Kurz vor seinem Tod wird Nemecsek vom Kittverein rehabilitiert und von seinen Kameraden für seine Heldentat sogar zum Hauptmann befördert.
Die Geschichte hat kein glückliches Ende. Nemecsek stirbt an seiner Lungenentzündung. Und seine letzte Heldentat war vergebens: Auf dem umkämpften Grundstück wird ein Mietshaus errichtet, sodass der Kampf um den grund für beide Banden am Ende bedeutungslos bleibt.
Stil↑
Bemerkenswert ist die Art, wie Molnár die Welt der Kinder mit dem Ernst der Erwachsenen spiegelt. Das Bandenspiel um den grund trägt alle Züge eines wirklichen Feldzugs: Es gibt Ränge und Soldaten, Fahnen, Aufklärungsgänge, Kriegspläne und die feierliche Beförderung zum Hauptmann. Diese militärische Ordnung, auf die kleine Welt eines unbebauten Grundstücks übertragen, erzeugt eine eigene Mischung aus kindlichem Spiel und tiefem Ernst.
Große Empfindungen wie Freiheitsdrang, Heldenmut und Treue stehen im Roman dicht neben kleinlichem Zorn, Verrat und Unbeholfenheit. Molnár erzählt das Pathos seiner jungen Helden mit einer sanften Ironie, die das Erhabene stets wieder auf den Boden holt. So bleibt die Geschichte trotz ihres feierlichen Tons nie sentimental, sondern hält humorvollen Ernst und leisen Spott in der Schwebe.
Rezeption↑
Als Hauptwerk der ungarischen Jugendliteratur wurde das Buch in zahllose Sprachen übersetzt und zu einem internationalen Klassiker. Auch mehr als hundert Jahre nach seinem Erscheinen gilt es als zeitlos: In einer Besprechung hebt Ilana Wistinetzki hervor, die Geschichte sei „so zeitlos und allgemeingültig, dass sie auch moderne Leser bewegt und inspiriert“.
Friedrich Torberg würdigte Molnár als „Schöpfer einer der zauberhaftesten Geschichten, die jemals das schmerzlich-zarte Zwielicht aus Kinderwelt und Knabenseele eingefangen haben“. Die Wochenzeitung Die Furche lobte, mit „stilistischer Bravour und humorvollem Ernst“ schildere der damals 29-jährige Autor die Kriegsvorbereitungen, den Kampf und die Haltung der Gefährten, und nannte das Werk „eine großartige Geschichte“.
In der ungarischen literarischen Wochenzeitung Élet és Irodalom beschrieb Gabriella F. Komáromi, wie die herrschenden Ideologien und romantischen Gefühle der Jahrhundertwende – Freiheitsdrang, Vaterlandsliebe, Heldenhaftigkeit, Treue und Verzeihung – im Roman sanft ironisiert und den kleinen menschlichen Schwächen gegenübergestellt werden. Weil das Pathos stets genügend Gegengewicht finde, gelinge dem Buch „ein literarischer Seiltanz auf hohem Niveau“. Der Stoff wurde mehrfach verfilmt, unter anderem 1934 von Frank Borzage als No Greater Glory und 1969 von Zoltán Fábri.
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