1878 – 1952
Ferenc Molnár
Kurzbiografie↑
Ferenc Molnár, geboren 1878 in Budapest als Ferenc Neumann, war ein ungarischer Schriftsteller und Journalist. Er gilt neben István Örkény als einer der bedeutendsten ungarischen Dramatiker des 20. Jahrhunderts. Aus dem Zeitungsschreiber wurde ein Bühnenautor von Weltruf, dessen Stücke rasch über Budapest hinaus gespielt wurden. Sein bekanntestes Werk ist die Vorstadtlegende Liliom von 1909. Molnár starb 1952 im amerikanischen Exil; er wurde oft der „ungarische Molière“ genannt.
Biografie↑
Am 12. Januar 1878 kam Ferenc Molnár in Budapest zur Welt, das damals zu Österreich-Ungarn gehörte. Er war der zweite Sohn des jüdischen Arztes Mór Neumann, eines bekannten Internisten, und dessen Frau Jozefa Wallfisch. Der ältere Bruder László, von den Eltern bevorzugt, war ein Jahr vor Ferenc' Geburt gestorben. Die Mutter war zart, wortkarg und häufig bettlägerig; sie starb 1898. Der Vater verbrachte die Tage in seiner Praxis und die Nächte in Casinos und Kaffeehäusern. Der Haushalt galt als großzügig, aber düster, und der lebhafte, frühreife Ferenc wurde unaufhörlich zur Ruhe angehalten. Über diese Kindheit war lange wenig bekannt, denn Molnár lehnte es jahrzehntelang ab, seine Biografie zu schreiben, und wich Fragen mit witzigen Anekdoten aus. Erst 1925 gab er dem Druck nach und stellte im Vorwort zu einem seiner Bücher eine knappe „Selbstbiographie“ aus Jahreszahlen zusammen.
Zunächst wurde er zu Hause von Hauslehrern unterrichtet. Seine Liebe zur Literatur begann früh mit dem Lesenlernen. 1887 trat er in das Calvinistische Gymnasium ein, wo ihn besonders der Lehrer Ferenc Baráth zum Erlernen fremder Sprachen anspornte; Molnár begann sogar, Finnisch zu lernen. Mit vierzehn gründete er eine handgeschriebene Zeitschrift namens Haladás („Fortschritt“), von der vier Abschriften verkauft wurden, kurz darauf die gedruckte Publikation Életképek mit einer Auflage von zwanzig Stück. Als ihm das Zeitungsmachen nicht mehr lohnend schien, verfasste er sein erstes Bühnenstück, Kék barlang („Blaue Höhle“), ein Stück über Alchemie, das er im Keller eines Freundes selbst inszenierte. Die blauen Flaschen als Requisiten hatte er aus dem Labor seines Vaters gestohlen. Die Aufführung endete in einem Tumult.
Nach dem Schulabschluss 1895 schrieb sich Molnár an der Universität Budapest für ein Jurastudium ein. Weil er mehr Zeit im „Central Café“ als in den Hörsälen verbrachte, schickte ihn der Vater nach Genf, um die juristischen Studien fortzusetzen. Dort begann er auf den Rat eines Familienfreundes, Reportagen an ungarische Zeitungen zu schicken; auch die kurze Novelle Magdolna entstand in dieser Zeit. Um sein Französisch zu verbessern und neue Stücke zu sehen, reiste er nach Paris. Die modernen Boulevard-Komödien von Autoren wie Bernstein, Bataille und Capus prägten später den Stil seiner Dramen. Plötzlich kehrte Molnár nach Budapest zurück, begann berufsmäßig zu schreiben und änderte seinen Namen vom deutschen Neumann in das ungarische Molnár. 1896 gab er die juristische Laufbahn auf und wurde Journalist.
Als Berichterstatter schrieb er für mehrere Zeitungen, vor allem über Gerichtsprozesse für Vészis Budapesti Napló. Sein bildreicher Stil fand rasch Leser. 1901 erschien sein erster Roman, Az éhes város („Die hungrige Stadt“), eine scharfe Anklage geldhungriger Politiker und sozialer Aufsteiger, die seinen Namen bekannt machte. Im folgenden Jahr begann er, für das Theater zu schreiben. Sein erstes Stück, A doktor úr („Der Herr Doktor“), war eine Farce im Stil französischer Komödien; es folgte das Lustspiel Józsi. Sein Charme, sein Witz und seine berüchtigten Liebesaffären machten ihn zum Lieblingsautor des Bürgertums und zum Idol der Kaffeehaus-Zirkel.
1906 heiratete er Margit Vészi, die sechzehnjährige Tochter seines Chefredakteurs József Vészi. Die Ehe zerbrach rasch; die Tochter Márta kam im folgenden Jahr zur Welt. Bald danach ging Molnár ein Verhältnis mit der Schauspielerin Irén Varsányi ein und schrieb für sie Az ördög („Der Teufel“), das 1907 uraufgeführt wurde und ihm internationalen Ruhm sowie die Aufnahme in die „Petöfi Gesellschaft“ brachte. Nach einem Duell mit Varsányis eifersüchtigem Ehemann erhielt Molnár eine zweiwöchige Gefängnisstrafe. 1906 entstand auch der Jugendroman A Pál-utcai Fiúk („Die Jungen von der Paulstraße“), der eine Budapester Jugendbande schildert. Nach dem Tod des Vaters 1908 vollendete er die Sammlung von Kurzgeschichten Muzsika („Musik“).
Sein größter internationaler Erfolg wurde die Vorstadtlegende Liliom, die das Leben eines Budapester Karussell-Ausrufers erzählt. Die Uraufführung fiel 1909 in Budapest bei Publikum und Kritik durch. Erst nach der deutschsprachigen Erstaufführung 1912 in Wien folgten Inszenierungen an zahlreichen deutschsprachigen Theatern. In den Stücken Der Gardeoffizier und Der Wolf verarbeitete er seine Affäre mit Varsányi weiter. Als diese abrupt endete, fiel der zurückgewiesene Dramatiker in tiefe Depressionen, begann zu trinken und unternahm einen Suizidversuch. Dennoch blieb seine Produktivität groß: Zwischen 1910 und 1914 erschienen vier Bände mit Essays und Feuilletons sowie seine Übersetzungen von über dreißig französischen Stücken.
Den Ersten Weltkrieg erlebte Molnár als Kriegskorrespondent an der Front, wohin ihn sein Freund Andor Miklós geschickt hatte, mit dem er 1910 die Tageszeitung Az Est („Der Abend“) gegründet hatte. Seine Berichte aus Galizien erschienen auch in der London Morning Post und der New York Times und wurden 1916 unter dem Titel Egy haditudósitó („Kriegstagebuch eines Korrespondenten“) gesammelt. Der Kaiser verlieh ihm das Offizierskreuz des Franz-Joseph-Ordens. Das im Armeequartier geschriebene Stück A fehér felhö („Die Weiße Wolke“) brachte ihm den Voinits-Preis und die Mitgliedschaft in der literarischen Kisfaludy-Gesellschaft. 1917 entstanden weitere Stücke, darunter Farsang („Karneval“) und Úridivat („Herrenmoden“).
In den späten Jahren, im amerikanischen Exil, suchte Molnár Trost in der Arbeit. „Es gibt nur einen Trost auf der Welt und der ist Arbeit“, pflegte er zu sagen. Nach dem Tod seiner Vertrauten Wanda Bartha vermachte er seine Manuskripte und Sammelmappen der New Yorker Stadtbibliothek. Zeitlebens verfolgte ihn eine übertriebene Angst vor Tod und Krankheit. Er verließ sein Hotelzimmer nur noch selten und aß in einem einfachen Restaurant auf der 58. Straße. Bis zu seinem Zusammenbruch schrieb er unaufhörlich. Am 22. März 1952 erlitt er einen Anfall und starb nach einer misslungenen Operation am 1. April 1952 an den Folgen von Magenkrebs. Als Sterbeort geben die Quellen New York an, wobei sich die Angaben zwischen „New York City“ und „New York, NY“ nur in der Schreibweise unterscheiden. Beigesetzt wurde er im Beisein eines Rabbiners auf einem Friedhof in Queens, neben Wanda Bartha. Weil er fürchtete, die Abfassung eines Testaments würde seinen Tod beschleunigen, starb Molnár ohne letzten Willen. Die Beerdigung war trist; nur seine Frau, die Schauspielerin Lili Darvas, und einige Freunde nahmen teil.
Literarische Merkmale↑
Charakteristisch für Molnárs frühes Schreiben ist die enge Verbindung von Journalismus und Bühne. Viele seiner ersten Stücke waren Nebenprodukte seiner Zeitungsarbeit: Sie begannen als impressionistische Skizzen, Zufallsszenen und Chroniken, die er täglich für die Presse schrieb. Etliche seiner Artikel bestanden aus mitgehörten oder erfundenen Dialogen, und aus solchen Fragmenten fügte er seine Lustspiele zusammen. Dass diese losen Bruchstücke in einem Stück Platz fanden, galt als ungewöhnlich.
Sein Zeitungsstil fiel durch die metaphorische, farbige Sprache auf, die sogleich die Aufmerksamkeit der Leser erregte. Als Gerichtsberichterstatter lernte er die Sorgen der besseren Gesellschaft ebenso kennen wie die der unteren Schichten. Prägend für seine Dramatik wurden die modernen französischen Boulevard-Komödien, die er in Paris kennengelernt hatte; sein erstes Bühnenstück war eine Farce im Stil dieser Komödien. So verband Molnár die leichte, pointierte Form des französischen Lustspiels mit Stoffen aus dem Budapester Alltag. Selbst in seinem Spätwerk zeigte er noch die vertraute technische Brillanz, auch wenn diese Texte oft matter wirkten als die früheren.
Rezeption↑
Neben István Örkény zählt Molnár zu den bedeutendsten ungarischen Dramatikern des 20. Jahrhunderts. Sein Aufstieg verlief rasch: Schon Az éhes város machte seinen Namen bekannt, und mit dem Wechsel zum Theater wurde er schließlich weltberühmt. Sein Charme und Witz machten ihn zum Lieblingsautor des Bürgertums, und mit Az ördög gewann er internationalen Ruhm.
Einer seiner größten und dauerhaftesten Erfolge wurde Liliom. Obwohl das Stück 1909 in Budapest zunächst durchfiel, setzte es sich nach der Wiener Erstaufführung an zahlreichen deutschsprachigen Theatern durch. Fritz Lang verfilmte es 1934, und 1945 diente es Rodgers und Hammerstein als Vorlage für das erfolgreiche Broadway-Musical Carousel. Zu Lebzeiten wurde Molnár vielfach ausgezeichnet, unter anderem mit dem Voinits-Preis und der Aufnahme in die Petöfi- und die Kisfaludy-Gesellschaft. Oft nannte man ihn den „ungarischen Molière“. Noch in seinen letzten Jahren wurden seine Stücke an vielen Theatern gespielt, einige für Kino und Fernsehen verfilmt und neue Ausgaben seiner Werke geplant.
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