1622 – 1673
Molière
Kurzporträt↑
Molière, mit bürgerlichem Namen Jean-Baptiste Poquelin (1622–1673), war ein französischer Schauspieler, Theaterdirektor und Dramatiker. Er gilt als einer der großen Klassiker. Er machte die Komödie zu einer der Tragödie gleichwertigen Gattung. Sein Werk verwandelte die Bühne in ein Diskussionsforum über menschliches Verhalten in der Gesellschaft. Im Mittelpunkt seines Spotts standen Heuchelei, Standesdünkel und gesellschaftliche Eitelkeit. Diese Themen brachten ihm zeitlebens den Schutz Ludwigs XIV. ebenso ein wie heftige Gegnerschaft frommer Kreise.
Biografie↑
Jean-Baptiste Poquelin wurde am 15. Januar 1622 in Paris geboren. Er wuchs als ältester Sohn eines wohlhabenden Pariser Händlers für Heimtextilien auf. 1631 erwarb der Vater das Hofamt eines Tapissier du Roi, eines königlichen Dekorateurs und Raumausstatters. Mit zehn Jahren verlor er die Mutter, mit knapp vierzehn auch die Stiefmutter. Beide starben im Kindbett. Die Schulzeit verbrachte er auf dem von Jesuiten geführten Collège de Clermont. Dort erhielt er eine solide klassische Bildung. Sein Großvater mütterlicherseits, ein Theaterliebhaber, führte ihn früh in die Welt der Aufführungen ein, besonders in das volkstümliche Jahrmarktstheater.
Mit knapp sechzehn legte er den Amtseid als künftiger Nachfolger seines Vaters ab. Anschließend studierte er Jura in Orléans. Zurück in Paris wurde er als Anwalt zugelassen. Ob er den Beruf je ausübte, ist nicht bekannt. Zur selben Zeit besuchte er die Vorlesungen des Naturforschers und Philosophen Pierre Gassendi. Sie vermittelten ihm eine gewisse Distanz zu den Dogmen der Kirche. Eine Versübertragung von Lukrez' De rerum natura aus dieser Zeit ist verloren.
Um 1641/42 lernte er die vier Jahre ältere Schauspielerin Madeleine Béjart kennen. Sie bestärkte ihn in seinem Drang zum Theater. 1643 übertrug er das ungeliebte Tapissier-Amt seinem jüngeren Bruder und ließ sich einen Erbvorschuss auszahlen. Mit den Béjarts und weiteren Komödianten gründete er das L'Illustre Théâtre. Die Truppe ging 1645 bankrott, und Molière geriet vorübergehend in Schuldhaft. In den folgenden dreizehn Wanderjahren zog er mit der Wandertruppe Charles du Fresnes vor allem durch West- und Südfrankreich. Er stieg bald zum Direktor auf und gewann ab 1653 den Prince de Conti als Förderer. Den Künstlernamen Molière benutzte er spätestens seit Juni 1644. Seine Herkunft ist unklar, möglicherweise stand eine südfranzösische Ortschaft Pate. Ab 1655 nahm er auch eigene Stücke ins Programm, darunter die Verskomödie L'Étourdi.
1658 kehrte Molière nach Paris zurück und gewann den jüngeren Bruder Ludwigs XIV. als Gönner. Am Hof führte er eine Tragödie Pierre Corneilles sowie die eigene Farce Le médecin amoureux auf. Der erst zwanzigjährige König wies der Truppe daraufhin den Saal des Hôtel du Petit-Bourbon zu. Im November 1659 gelang ihm mit Les précieuses ridicules der Durchbruch. Am Beispiel zweier möchtegern-vornehmer Bürgermädchen verspottete er die gekünstelte Sprechweise der Préziösen. Nach dem Abriss des Petit-Bourbon erhielt er den Saal des Palais Royal zugewiesen. 1661 scheiterte die Tragikomödie Dom Garcie de Navarre, mit der er sich der höher angesehenen Tragödie anzunähern versucht hatte.
Am 20. Februar 1662 heiratete der vierzigjährige Molière die rund zwanzig Jahre jüngere Schauspielerin Armande Béjart. Ob sie Madeleines Schwester oder Tochter war, ist umstritten. Das nährte das Gerücht, Molière habe seine eigene Tochter geheiratet. Der König versuchte 1664 als Taufpate des ersten Kindes Louis, dieses Gerücht zu entkräften. Zwei der drei Kinder starben kurz nach der Geburt. Allein Esprit-Madeleine erreichte das Erwachsenenalter. Ende 1662 folgte mit L'École des femmes ein weiterer großer Erfolg. Die Kontroverse darum befeuerte er 1663 mit La Critique de l'École des femmes und L'Impromptu de Versailles weiter. Der König setzte ihm eine Jahrespension von 1000 Livres aus.
Im Mai 1664 organisierte Molière ein Hoffest im Park von Versailles. Dort führte er erstmals den Tartuffe auf, ein Stück über einen scheinbar strenggläubigen, in Wahrheit raffgierigen und lüsternen Schwindler. Es kam zum offenen Konflikt mit dem „alten Hof" um die fromme Königinmutter Anna von Österreich und der bigotten Compagnie du Saint-Sacrement. Das Stück wurde auf Druck der Frömmler verboten. Der Kampf um Tartuffe sollte Molières folgende Jahre prägen. Auch Don Juan (Ende 1664) wurde nach wenigen Aufführungen verboten. Darin heuchelt ein adliger Libertin eine Bekehrung zur Frömmigkeit nur. 1665 hob der König seine Pension auf 6000 Livre und verlieh der Truppe den Titel Troupe du roi.
Im Juni 1666 brachte Molière Le Misanthrope heraus. In dessen Hauptfigur Alceste, von ihm selbst gespielt, spiegelt sich seine eigene Schwierigkeit, sich auf dem glatten Parkett der Hofgesellschaft opportunistisch zu verhalten. Eine umgearbeitete Tartuffe-Fassung unter dem Titel L'Imposteur wurde 1667 erneut verboten. Der Erzbischof von Paris drohte sogar mit Exkommunikation. 1668 folgten Amphitryon, in dem leise Kritik am König anklingt, und George Dandin, in dem Molière die Arroganz verarmter Adliger gegenüber dem Bürgertum anprangerte. Erst am 5. Februar 1669 konnte das Stück als Tartuffe, ou l'Imposteur frei aufgeführt werden. Zu diesem Zeitpunkt war der „alte Hof" nach dem Tod Annas entmachtet und die Compagnie du Saint-Sacrement verboten. Die Aufführung gilt als eines der großen Ereignisse der französischen Theatergeschichte.
In den Jahren 1663 bis 1665 förderte Molière kurzzeitig den noch unbekannten Jean Racine. Dessen Tragödie La Thébaïde inszenierte er 1664. Das Verhältnis zerbrach, als Racine mit Alexandre le Grand und einer von Molières beliebtesten Schauspielerinnen zur konkurrierenden Tragödientruppe des Hôtel de Bourgogne wechselte.
Nach 1667 wandte sich Molière vermehrt unverfänglicheren Themen zu. Er schrieb gefällige Ballettkomödien mit Musik seines jüngeren Freundes Jean-Baptiste Lully. Es entstanden L'Avare (1668), Monsieur de Pourceaugnac (1669), Le Bourgeois gentilhomme (1670), Les fourberies de Scapin (1671) und Les femmes savantes (1672). 1671 zerbrach die Zusammenarbeit mit Lully bei der Einstudierung der Ballett-Tragödie Psyché. Anfang 1672 starb seine langjährige Weggefährtin Madeleine Béjart, und Lully wurde am Hof zum Rivalen. Sein letztes Stück, Le Malade imaginaire mit Musik von Marc-Antoine Charpentier, kam Anfang 1673 heraus. Während der vierten Aufführung am 17. Februar 1673 erlitt Molière in der Hauptrolle des eingebildeten Kranken einen Schwächeanfall mit Blutsturz. Die Zuschauer hielten es zunächst für eine Einlage. Wenig später starb er in seiner nahegelegenen Wohnung. Nur mühsam gelang es seiner Witwe, über den König eine halbwegs ehrbare kirchliche Bestattung zu erwirken.
Seine Truppe schloss sich später dem Théâtre du Marais an. 1680 verschmolzen beide auf Anweisung Ludwigs XIV. mit der Truppe des Hôtel de Bourgogne zur bis heute bestehenden Comédie-Française.
Literarische Merkmale↑
Molière schrieb sowohl Verskomödien als auch Prosastücke. Er bediente sich aller Mittel der Bühne: von der gelehrten Versdramatik bis zur derben Farce und den Schlagfertigkeiten der italienischen Commedia dell'arte, die er in den Wanderjahren kennengelernt hatte. Aus diesem breiten Repertoire formte er eine Komödie, die nicht nur unterhalten, sondern Verhalten zur Diskussion stellen sollte.
Im Zentrum seiner Stücke stehen typisierte Figuren, an denen er gesellschaftliche Schwächen sichtbar macht: die affektierten Précieuses mit ihrer gekünstelten Sprechweise, der heuchlerische Frömmler Tartuffe, der adlige Libertin Don Juan, der lebensfeindliche Geizige Harpagon, der nach Adelstiteln strebende Bürger Jourdain, die pseudogebildeten Femmes savantes, der eingebildete Kranke und seine selbstgewissen Ärzte. Mit ähnlicher Schärfe nahm er die Arroganz verarmter Adliger gegenüber dem Bürgertum aufs Korn (George Dandin) und die unehrliche Schmeichelei der Hofgesellschaft (Le Misanthrope).
Mehrfach mischen sich autobiographische Züge ins Spiel. Im Misanthropen, dessen Titelrolle Molière selbst übernahm, spiegelt sich seine Unlust am höfischen Opportunismus. In der enttäuschten Liebe Alcestes zu der koketten Célimène spiegelt sich die Krise seiner Ehe mit der weit jüngeren Armande Béjart. Auch seine Skepsis gegenüber den Ärzten, die er als unfähig erlebte, prägt mehrere Stücke und kulminiert in Le Malade imaginaire.
In den späteren Jahren verband Molière die Komödie mit Tanz und Musik zu der für den Hof attraktiven Form der Ballettkomödie. Zunächst arbeitete er dabei eng mit Jean-Baptiste Lully zusammen, am Ende mit Marc-Antoine Charpentier. So entstanden Stücke wie Le Bourgeois gentilhomme, in denen Sprechszenen, gesungene Einlagen und choreographierte Auftritte ineinandergreifen.
Rezeption↑
Schon zu Lebzeiten erlebten Zeitgenossen Molière als Erneuerer der Komödie. Die Aufführung des freigegebenen Tartuffe am 5. Februar 1669 gilt als eines der großen Ereignisse der französischen Theatergeschichte. Mit ihr setzte sich Molières Komödienverständnis gegen den Widerstand der frommen Höflinge und der Compagnie du Saint-Sacrement durch. Ludwig XIV. hatte ihn jahrelang gegen Kritiker verteidigt und seine Pension auf 6000 Livre erhöht. 1680 ließ er die nachgelassene Truppe Molières mit den anderen Pariser Schauspielergesellschaften zur Comédie-Française verschmelzen. Diese besteht bis heute und beruft sich in ihrer Tradition auf ihn.
Im deutschen Sprachraum fanden seine Lustspiele erst spät Verbreitung. Erst 1752 wurden sie ins Deutsche übersetzt. Sein Nachruhm spiegelt sich auch außerhalb der Literatur: Ein Asteroid des äußeren Hauptgürtels trägt den Namen (3046) Molière.
Bis heute ist die Autorschaft seines Werks nicht völlig unumstritten. Im Zentrum der sogenannten Corneille-Molière-Kontroverse steht die Frage, ob Pierre Corneille einige der Molière zugeschriebenen Stücke als Ghostwriter verfasst hat. Im 21. Jahrhundert wird versucht, die Streitfrage mit mathematisch-stilometrischen Verfahren der Computerphilologie zu entscheiden.
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