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Werkseintrag · Der Menschenfeind
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Der Menschenfeind
1666
– Werkseintrag –

Der Menschenfeind

1666 · Komödie

Ein Mann will der Welt ohne jede Heuchelei die Wahrheit sagen – und verliebt sich ausgerechnet in die koketteste Frau der feinen Gesellschaft.

Überblick↑

Die Komödie Der Menschenfeind von Molière wurde am 4. Juni 1666 uraufgeführt. Der vollständige Originaltitel lautet Le Misanthrope ou l'Atrabilaire amoureux, übersetzt „Der Menschenfeind oder der verliebte Melancholiker“. Schon dieser Doppeltitel verweist auf den inneren Widerspruch der Hauptfigur: Alceste verachtet die Heuchelei der vornehmen Gesellschaft und ist zugleich in eine kokette junge Frau verliebt, die ganz in eben dieser Gesellschaft lebt. Die Rolle des Alceste spielte Molière selbst. Das Stück gilt als eine der nachdenklichsten Komödien des Autors, weil es das Lachen mit ernsten Fragen nach Wahrhaftigkeit und gesellschaftlicher Anpassung verbindet.

Inhalt (ohne Spoiler)↑

Im Mittelpunkt steht Alceste, ein Mann von adeliger Herkunft, der für sich beansprucht, ohne jede Heuchelei zu leben. Er weigert sich, im Reden und Verhalten Kompromisse zu machen, und sagt jedem rückhaltlos die Wahrheit. Sein Freund Philinte mahnt ihn vergeblich zu Maß und zu einer gewissen Anpassung an die Umgangsformen bei Hofe.

Mit seiner schroffen Aufrichtigkeit eckt Alceste rasch an. So zieht er sich die Feindschaft des Höflings Oronte zu, weil er dessen Gedicht nicht lobt, sondern offen verreißt. Verwickelt ist auch sein Gefühlsleben: Alceste liebt Célimène, eine junge, kokette Witwe, die seine Neigung nicht zurückweist, zugleich aber die Geselligkeit genießt und gern mit vielen Männern flirtet. Genau diese Frau passt am wenigsten zu seinen strengen Grundsätzen. Daneben begegnen ihm weitere Frauen der Gesellschaft, die ihm freundlich gesonnen sind, ohne dass er es recht bemerkt.

So entsteht der heitere wie traurige Grundkonflikt: ein Mann, der die Gesellschaft verachtet und doch nicht von ihr lassen kann, weil sein Herz mitten in ihr gefangen ist.

Die Handlung im Detail↑

Alceste erhebt für sich den Anspruch, ohne Heuchelei zu leben. Obwohl er adeliger Abstammung ist, betont er seine Unabhängigkeit gegenüber dem königlichen Hof und weigert sich, in Reden und Verhalten Kompromisse mit der Wahrhaftigkeit zu machen. Auf seinen Freund Philinte, der ihn zur Mäßigung und zu einer gewissen Anpassung auffordert, will er nicht hören.

So zieht er sich die Feindschaft des ihn besuchenden Höflings und Verseschmieds Oronte zu, weil er dessen schlechtes Gedicht nicht lobt, sondern verreißt. Als Alceste erfährt, dass Oronte beleidigt vor Gericht ziehen will, fühlt er sich in seinem negativen Menschenbild bestätigt. Er rechnet sogar genüsslich damit, den Prozess zu verlieren, weil er die Richter, anders als sein Gegner, nicht für sich einnehmen will.

Seine Beziehung zu Célimène, der jungen koketten Witwe, treibt den Widerspruch der Figur auf die Spitze. Célimène erwidert seine Neigung durchaus, genießt aber zugleich die Geselligkeit ihrer adeligen Umgebung und liebt es, mit vielen Männern zu kokettieren. Daraus entsteht ein Skandal: Ein Brief von ihr taucht auf, in dem sie mehrere ihrer Verehrer verspottet – auch Alceste. Während sich die anderen Verspotteten empört von ihr abwenden, bietet Alceste ihr an, sie könne sich mit ihm zusammen aus der Gesellschaft auf eines seiner Landgüter zurückziehen.

Doch Célimène lehnt ab: Sie fühlt sich zu jung für einen solchen Schritt und will nicht auf die Gesellschaft verzichten. So entschließt sich Alceste, am Ende allein zu gehen und sich ganz aus der Welt der Menschen zurückzuziehen. Ob sein Freund Philinte ihn von diesem Plan abbringen kann, wie er im letzten Satz der Komödie ankündigt, bleibt offen.

Bei aller Schroffheit ist Alceste nicht der einsame Sonderling, als der er erscheinen möchte. Philinte bezeugt ihm ehrliche Freundschaft, und auch Frauen sind dem „Mann mit Grundsätzen“ zugetan: Célimènes Freundin Arsinoé und ihre Cousine Éliante begegnen ihm mit Zuneigung – nur merkt er offenbar nichts davon. Wie sehr er mit seiner Umgebung im Streit liegt, zeigt sein Wort an Arsinoé im dritten Akt: Wer nicht die Gabe habe, seine Gedanken zu verbergen, der habe in diesem Lande wenig zu suchen.

Stil↑

Geschrieben ist das Werk als Komödie. Schon der vollständige Originaltitel Le Misanthrope ou l'Atrabilaire amoureux trägt die ganze Spannung der Hauptfigur in sich: Er stellt den Menschenfeind und den verliebten Melancholiker nebeneinander und kündigt damit den komischen wie schmerzlichen Gegensatz an, aus dem das Stück lebt.

Seine Wirkung gewinnt es weniger aus äußerer Handlung als aus dem Streitgespräch. Immer wieder prallen Alcestes kompromisslose Wahrhaftigkeit und die geschmeidigen Umgangsformen seiner Umwelt aufeinander. Diese Umgangsformen werden im Begriff des „honnête homme“ greifbar, des Mannes von Welt im 17. Jahrhundert. Gemeint ist damit nicht einfach der rechtschaffene Mensch, sondern einer, der die ungeschriebenen Höflichkeitsregeln beherrscht und den „guten Geschmack“ wahrt. Der Akzent liegt dabei mehr auf Ästhetik als auf Moral: Eine leichte, anpassungsfähige Art gilt als vornehm, während Alcestes stolzes Beharren auf der unbedingten Wahrheit die feine Harmonie der Gesellschaft stört. Genau aus diesem Zusammenstoß zieht Molière seine Komik – und zugleich den ernsten Unterton, der das Stück von einer bloßen Lachkomödie abhebt.

Auffällig ist die Widersprüchlichkeit der Hauptfigur. Alceste verkörpert zum einen den verbannten oder gekränkten Adeligen, zum anderen trägt er bürgerliche Züge: Die unbedingte Wahrhaftigkeit, die er zu leben versucht, war damals ein Ideal des Bürgertums, mit dem es sich vom Adel und dessen glatten Redensarten abzusetzen suchte. Diese Mischung macht die Figur reizvoll und sperrig zugleich.

Rezeption↑

Schon beim zeitgenössischen Publikum kam die widersprüchliche Hauptfigur nicht ohne Weiteres an, da sich Alceste keiner einfachen Deutung fügt. Gerade diese Vielschichtigkeit hat das Werk über die Jahrhunderte lebendig gehalten und immer neue Bearbeitungen herausgefordert. Vermutlich ist es das am stärksten autobiographisch geprägte Stück seines Verfassers: Alcestes Unlust an den allzu glatten höfischen Umgangsformen spiegelt Molières eigene Haltung, und die Enttäuschung des älteren Alceste durch die kokette jüngere Célimène ähnelt der des Autors durch seine deutlich jüngere Frau.

Die Nachwirkung zeigt sich in einer langen Reihe von Übersetzungen, Fortsetzungen und Neudichtungen. Fabre d'Églantine schrieb 1790 die Komödie Philinte, ou la suite du Misanthrope, in der er die Rolle Philintes negativ zeichnete und sie der moralisch integren Persönlichkeit Alcestes gegenüberstellte. Hans Magnus Enzensberger übersetzte das Werk 1979 neu und verlegte die Handlung in die Gesellschaft der Bonner Republik. Jürgen Gosch und sein Dramaturg Wolfgang Wiens legten 1983 eine eigenständige Neufassung in Reimversen vor, Botho Strauß 1987 eine Neuübersetzung in Prosa für die Berliner Schaubühne. Der französische Dramatiker Jacques Rampal schrieb 1993 mit Célimène und der Kardinal eine Fortsetzung der Geschichte, und 2003 erschien eine zeilengenaue, gereimte Versübersetzung von Rainer Kohlmayer.

Auch Hörspiel, Film und Fernsehen haben sich des Stoffs angenommen. Schon 1953 entstand eine Hörspielfassung, später folgten mehrere Aufzeichnungen und Verfilmungen von Theaterinszenierungen. So ist die Figur des grollenden Wahrheitsfreundes bis heute auf den Bühnen und Bildschirmen lebendig geblieben.

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