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Das Lexikon der klassischen Literatur
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Werkseintrag · Tartuffe
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Cover Tartuffe
Tartuffe
1664
– Werkseintrag –

Tartuffe

1664 · Komödie

Ein frommer Schmarotzer nistet sich in einer Pariser Familie ein – und nur die Frauen des Hauses durchschauen ihn.

Überblick↑

Mit dem Tartuffe schrieb Molière eine seiner berühmtesten Verskomödien. Zugleich ist es ein Stück, das ihm jahrelangen Ärger einbrachte. Die erste Fassung wurde am 12. Mai 1664 vor dem Sonnenkönig Ludwig XIV. in Versailles aufgeführt und löste sofort einen Skandal aus. Die scharfe Verspottung religiöser Heuchelei galt als so anstößig, dass das Stück verboten wurde. Auch eine zweite Fassung von 1667 fiel der Zensur zum Opfer. Erst die dritte Version fand die Billigung des Königs und durfte gespielt werden. Sie war im Handlungsverlauf deutlich abgemildert und wurde am 5. Februar 1669 im Pariser Palais Royal gespielt. Diese Fassung ist bis heute die geläufige. Die beiden früheren gelten als verloren. Das Stück gehört zu den meistgespielten Komödien des europäischen Theaters und wurde mehrfach verfilmt, unter anderem 1925 von Friedrich Wilhelm Murnau als Tartüff.

Inhalt (ohne Spoiler)↑

In das wohlhabende Pariser Haus des Bürgers Orgon ist ein Mann eingezogen: Tartuffe. Er gibt sich als besonders fromm und gottesfürchtig aus. Orgon und seine Mutter, Madame Pernelle, sind vollkommen von ihm eingenommen. Orgon hört auf jeden Ratschlag des neuen Hausgenossen und treibt damit seine Familie in die Verzweiflung. Den Höhepunkt erreicht der Streit, als Orgon seine Tochter Mariane mit Tartuffe verheiraten will. Dabei ist sie längst dem jungen Valère versprochen.

Orgon und seine Mutter bleiben blind. Der Rest des Hauses aber durchschaut den frommen Gast: die kluge Stiefmutter Elmire, der hitzige Sohn Damis, der besonnene Schwager Cléante und vor allem die schlagfertige Zofe Dorine, die kein Blatt vor den Mund nimmt. Gemeinsam suchen sie nach einem Weg, Orgon die Augen zu öffnen. Das erweist sich als überraschend schwierig, denn der Heuchler ist gewandt, und sein Gönner will die Wahrheit nicht hören. Elmire schmiedet einen listigen Plan und will Tartuffe in einer Falle entlarven. Ob er gelingt und welche Folgen das für die Familie hat, entfaltet die Komödie in fünf Akten voller Tempo und Situationskomik.

Die Handlung im Detail↑

Orgon und seine Mutter Pernelle bewundern Tartuffe, einen Mann, der sich als besonders fromm ausgibt und in Orgons Haus aufgenommen wurde. Pernelle versucht in der Eröffnungsszene, die übrigen Familienmitglieder von der Vortrefflichkeit des Gastes zu überzeugen und hält allen ihre vermeintlichen Fehler vor. Orgon selbst befolgt jeden Rat Tartuffes und fasst schließlich den Entschluss, ihm seine Tochter Mariane zur Frau zu geben – obwohl sie mit Valère verlobt ist. Mariane ist über die Entscheidung unglücklich, wehrt sich aber nicht offen. Die schlagfertige Zofe Dorine übernimmt die Initiative und schmiedet zusammen mit Marianes Bruder Damis und ihrer Stiefmutter Elmire einen Plan gegen die Heiratspläne.

Tartuffe trifft zunächst auf Dorine, die ihn rüde zurechtweist. Als Elmire erscheint, macht Tartuffe ihr unmissverständliche Avancen. Damis beobachtet die Szene und berichtet sie – gegen Elmires Willen – sofort dem gerade heimkehrenden Vater. Orgon glaubt seinem Sohn jedoch nicht, weil Tartuffe geschickt Reue heuchelt. Stattdessen enterbt Orgon Damis und beschließt, Tartuffe seinen gesamten Besitz zu überschreiben. Auch ein Gespräch, in dem Orgons Schwager Cléante Tartuffe zur Rede stellt, bleibt erfolglos.

Daraufhin greift Elmire zu einer List: Sie überredet ihren Mann, sich unter einem Tisch zu verstecken, und lockt Tartuffe an, indem sie vorgibt, seine Gefühle zu erwidern. Tartuffe geht sofort auf das Angebot ein, und Orgon hört von seinem Versteck aus alles mit. Endlich verliert er seine Illusionen und erkennt den Heuchler.

Als Orgon ihn aus dem Haus werfen will, erklärt Tartuffe kühl, er selbst sei jetzt der Hausherr – die Überschreibung ist bereits beurkundet. Schlimmer noch: Orgon erinnert sich, dass er Tartuffe wichtige Papiere eines geflohenen Freundes anvertraut hatte. Madame Pernelle, die noch einmal auftritt, lässt sich auch jetzt nicht von Tartuffes Heiligkeit abbringen. Erst als der Gerichtsvollzieher Herr Loyal erscheint und der Familie befiehlt, bis zum nächsten Morgen das Haus zu räumen, geht selbst der Mutter ein Licht auf.

Während die Familie ratlos berät, eilt Valère herbei und warnt: Tartuffe hat die belastenden Papiere dem König übergeben, Orgon soll verhaftet werden. Als die Flucht vorbereitet wird, tritt Tartuffe selbst in Begleitung eines Polizisten auf und genießt seinen Triumph. Doch die Wendung kommt unerwartet: Der Polizist verhaftet nicht Orgon, sondern Tartuffe. Der König hat den Heuchler als alten, mehrfach gesuchten Betrüger erkannt, der unter vielen Namen sein Unwesen treibt. Damit ist die Schenkung hinfällig, Orgon ist gerettet – und er erlaubt nun endlich Mariane, ihren Valère zu heiraten.

Stil↑

Die Komödie ist in fünf Akten und durchgehend in Versen verfasst. Das ist die für das französische klassische Drama typische Form. Ihre Wirkung bezieht sie vor allem aus zwei Quellen: aus Molières pointierter, schlagfertiger Sprache und aus einer dichten Situationskomik in hohem Tempo. Berühmt ist etwa die Szene, in der Orgon unter dem Tisch verborgen mithören muss, wie Tartuffe seiner Frau nachstellt.

Die Figuren sind bewusst typisiert: der verblendete Hausherr, der frömmelnde Heuchler, die kluge Ehefrau, die freche Zofe, der verständige Schwager. Die Spannung erwächst weniger aus psychologisch ausgefeilten Charakteren. Sie entsteht vielmehr aus dem Aufeinanderprallen widerstreitender Parteien innerhalb der Familie. Tartuffe selbst bleibt als Charakter eher blass. Das ist ein Hinweis darauf, dass Molière nicht einen einzelnen Schurken zeigen wollte, sondern die Heuchelei als Erscheinung an sich anprangerte. Elmire fungiert als Gegenspielerin ihres Mannes und am Ende als ordnende Instanz, die den Knoten löst. Dorine als Zofe nimmt selbst gegenüber Vorgesetzten kein Blatt vor den Mund.

Rezeption↑

Schon die Uraufführung 1664 in Versailles geriet zum offenen Skandal. Die Darstellung des religiösen Heuchlers traf einen Nerv der Zeit und brachte die einflussreiche kirchliche Partei am Hofe gegen Molière auf. Das Stück wurde verboten, eine umgearbeitete zweite Fassung 1667 ebenfalls. Erst die dritte, gemilderte Fassung von 1669 erhielt die offene Unterstützung Ludwigs XIV. und durfte aufgeführt werden. Aus dem verbotenen Werk wurde rasch einer der größten Erfolge Molières. Der Name Tartuffe ging in die französische Sprache als Synonym für den frömmelnden Heuchler ein.

Die Komödie ist seither auf den europäischen Bühnen heimisch geblieben und wurde immer wieder neu inszeniert, unter anderem von Leopold Lindtberg, Kurt Horwitz, Gerhard Klingenberg und Paul Kalbeck. Auch das Kino griff den Stoff mehrfach auf. 1925 verfilmte ihn Friedrich Wilhelm Murnau als Tartüff. Später folgten Verfilmungen 1965, 1984 (mit Gérard Depardieu) und 1992. Daneben entstanden musikalisch-dramatische Bearbeitungen.

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