1895
Takekurabe
Überblick↑
Die Novelle Takekurabe der japanischen Schriftstellerin Higuchi Ichiyō erschien erstmals 1895/96. Der japanische Titel たけくらべ bedeutet wörtlich so viel wie „Größenvergleich“; im Englischen ist das Werk unter Titeln wie Growing Up und Child's Play bekannt geworden. Sie schildert eine Gruppe Heranwachsender im Tokio der Meiji-Zeit, und zwar am Rand des Vergnügungsviertels Yoshiwara. Der erzählte Zeitraum umfasst nur etwa vier Monate. In dieser kurzen Spanne verlieren die Kinder ihre Kindheit.
Inhalt (ohne Spoiler)↑
Im Tokio der Meiji-Zeit leben die Kinder in Daionjimae, einem erfundenen Viertel dicht vor dem Vergnügungsbezirk Yoshiwara. Vier von ihnen stehen im Mittelpunkt: Midori, Nobu, Chōkichi und Shōta. Zwei Feste des Viertels rahmen das Geschehen ein, das Sommerfest am Senzoku-Schrein und der Hahnenmarkt am Ōtori-Schrein im Frühwinter.
Die Kinder sind in zwei Banden geteilt. Chōkichi führt die Gruppe der Hintergasse an, Shōta die der Hauptstraße. Am Vorabend des Sommerfests plant Chōkichi einen Hinterhalt, und aus der Sache wird eine handfeste Rauferei.
Midori steht dabei zwischen allen Fronten. Sie ist lebhaft, auffallend und beliebt, doch ihre Familie hat andere Pläne mit ihr: Sie soll Kurtisane werden wie ihre ältere Schwester Ōmaki. Für Nobu empfindet sie etwas, aber er verbirgt seine Schüchternheit hinter abweisendem Verhalten und stößt sie damit vor den Kopf. Auch er hat wenig Freiheit, denn er soll den Tempel Ryūgeji übernehmen. Wie weit die Kinder ihrem vorgezeichneten Weg entkommen, entscheidet sich zwischen den beiden Festen.
Die Handlung im Detail↑
Der Schauplatz ist das Tokio der Meiji-Zeit, genauer das erfundene Viertel Daionjimae unmittelbar außerhalb des lizenzierten Vergnügungsbezirks Yoshiwara. Erzählt wird vom Übergang vierer Heranwachsender ins frühe Erwachsenenalter: Midori, Nobu, Chōkichi und Shōta. Das Sommerfest des Senzoku-Schreins eröffnet das Geschehen, der Hahnenmarkt am Ōtori-Schrein im beginnenden Winter beschließt es.
Am Abend vor dem Sommerfest will Chōkichi, der Anführer der Hintergassen-Bande, seinem Rivalen Shōta auflauern. Shōta erscheint jedoch nicht. Die Schlägerei bricht trotzdem los. Sangorō, einer von Shōtas Anhängern, wird verprügelt. Midori, die eng mit Shōta befreundet ist, trifft Chōkichis schmutzige Sandale an der Stirn.
Während dieser Streit tobt, ringt Midori mit sich selbst. Sie möchte frei über ihr Leben bestimmen, doch ihre Familie hat den Weg längst festgelegt: Sie soll Kurtisane werden wie ihre ältere Schwester Ōmaki. Zugleich interessiert sie sich für Nobu. Der verbirgt seine Scheu hinter schroffem Verhalten ihr gegenüber, was sie zurückstößt. Chōkichi schließlich schleudert ihr eine Reihe von Beleidigungen entgegen, über die Herkunft ihrer Familie und über ihre Zukunft als „Hure“. Danach fällt bei ihr eine Entscheidung.
Am Tag nach dem Fest verlässt Midori die Schule. Dann erfährt sie, dass Nobu womöglich mit Chōkichi gemeinsame Sache macht. Das trifft sie schwer, denn sie hatte niemanden aus ihrem Kreis für einen Gegner gehalten. Nobu wiederum kommt mit der auffallenden, lebhaften und schönen Midori nicht zurecht; er ist still und in sich gekehrt und leidet ohnehin unter der Geldgier seiner Eltern und seiner Schwester.
Die beiden sprechen nie wieder miteinander. Ihre Wege trennen sich endgültig: Midori geht ins Freudenhaus, um Kurtisane zu werden, Nobuyuki geht in ein Priesterseminar, um wie sein Vater Priester zu werden und den Tempel Ryūgeji zu erben. Die Kindheit liegt damit für beide hinter ihnen.
Stil↑
Der Aufbau des Werks folgt dem Kalender des Viertels. Zwei Feste bilden den Rahmen, und zwischen ihnen liegen nur wenige Monate. In dieser knappen Spanne verdichtet sich der ganze Übergang vom Kind zum Erwachsenen.
Auffällig ist, wie die Figuren benannt werden. Sie tragen die Stellung oder den Beruf der Eltern gleich im Namen mit: „Shōta von der Tanakaya“, „Nobuyuki vom Ryūgeji“, „Chōkichi, der Sohn des Bosses“. Damit ist die Herkunft jeder Figur bereits ausgesprochen, bevor sie überhaupt handelt.
Der Verlust der Kindheit ist das beherrschende Thema, was auch die englischen Titel Growing Up und Child's Play anzeigen. Manche Figuren verkraften den Übergang leichter, etwa Shōta. Außer Nobu bemüht sich kaum einer der Heranwachsenden um die Schule oder möchte die kleine Welt aus Yoshiwara und Daionjimae verlassen. Wie Kinder vor der Meiji-Restauration stellen sie nie infrage, dass sie Beruf und Platz der Familie erben; das alte, einfache Shitamachi-Viertel bot von Anfang an nichts, was Hoffnungen auf ein eigenes Fortkommen geweckt hätte.
Ebenso deutlich zeigt das Werk, welchen Druck Gesellschaft und Familie auf Kinder ausüben, damit aus ihnen tüchtige Erwachsene werden, die ein Erbe fortführen. Midori, ein fröhliches, verspieltes Kind, ist am Ende eine stille Frau; ihre Freiheit ist ihr genommen, und sie fügt sich in den vorgezeichneten Weg, obwohl sie ihn nicht will. Nobu verachtet die Lebensart seiner Familie und schlägt dennoch genau die Laufbahn seines Vaters ein.
Rezeption↑
Zu den bekanntesten Werken Higuchi Ichiyōs zählend, hat die Novelle ihren Weg früh in andere Sprachen gefunden. Im englischen Sprachraum kursiert sie unter mehreren Titeln, darunter Growing Up und Child's Play. Dass ein und dasselbe Werk so verschieden betitelt wurde, zeigt, wie schwer sich der japanische Titel „Größenvergleich“ übertragen lässt.
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