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Das Lexikon der klassischen Literatur
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Werkseintrag · Taipi
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Cover Taipi
Taipi
1846
– Werkseintrag –

Taipi

1846 · Roman

Ein Matrose flieht von seinem Walfänger ins Inselparadies der Südsee – und findet sich bei einem Stamm wieder, dessen Gastfreundschaft und gefürchteter Ruf ihn zwischen Bewunderung und Todesangst schwanken lassen.

Überblick

Der Roman Typee von Herman Melville erschien 1846 und trägt den Untertitel A Peep at Polynesian Life; im Deutschen ist er als Taipi bekannt. Das Buch beruht zu großen Teilen auf Melvilles eigenen Erlebnissen, die er 1842 auf den Marquesas-Inseln im Pazifik gemacht hatte. Es verbindet ein Abenteuer aus dem Leben der Seeleute mit der genauen Schilderung einer fremden Inselwelt und ihrer Bewohner. Zugleich wirft es einen kritischen Blick auf die Folgen der europäischen Kolonisierung in der Südsee.

Inhalt (ohne Spoiler)

Auf einem Walfänger, der schon ein halbes Jahr ununterbrochen im Pazifik unterwegs ist, hält es der Matrose Tom nicht mehr aus. Der Kapitän behandelt die Mannschaft schlecht, die Verpflegung ist erbärmlich. Als das Schiff in der Bucht von Nukuhiva auf den Marquesas-Inseln einläuft, beschließen Tom und sein Kamerad Toby, einen Landgang zur Flucht zu nutzen. Die Insel wirkt wie ein Paradies, und die beiden hoffen, sich zu einem als friedlich geltenden Stamm durchzuschlagen.

Vor einem anderen Stamm aber, den als kriegerische Kannibalen gefürchteten Taipi, hat Tom große Angst. Der Weg führt die beiden durch undurchdringlichen Urwald, über Bergkämme und an Wasserfällen hinab in tiefe Schluchten. Halb verhungert und erschöpft erreichen sie nach Tagen ein bewohntes Tal – ohne zu wissen, auf welchen Stamm sie dort treffen.

Was Tom in diesem Tal erlebt, wie er mit den Inselbewohnern lebt und welche Beobachtungen ihn sein Bild von ihnen immer wieder überdenken lassen, entfaltet sich im weiteren Verlauf. Zwischen Bewunderung für die fremde Lebenswelt und der Furcht, ein Gefangener zu sein, bewegt sich der Erzähler durch eine Welt, die zugleich anziehend und bedrohlich ist.

Die Handlung im Detail

Der Ich-Erzähler Tom gehört mit seinem Kameraden Toby zur Besatzung des Walfängers Dolly, der seit sechs Monaten ohne Unterbrechung im Pazifik kreuzt. Der Kapitän behandelt die Matrosen miserabel, die Verpflegung ist sehr schlecht. Schließlich läuft das Schiff in der Bucht von Nukuhiva ein, die zu den gerade von Frankreich in Besitz genommenen Marquesas gehört. Die paradiesisch anmutende Insel, frische Nahrung und die freizügigen Mädchen bewegen Tom und Toby zur Desertion. Sie nutzen einen Landgang zur Flucht und wollen sich zum friedlichen Stamm der Happar durchschlagen, während Tom große Angst vor den als Kannibalen geltenden Taipi hat.

Die Flucht führt durch ausgedehntes Urwalddickicht und über Bergkämme; zunächst erreichen die beiden den über 1200 Meter hohen Mont Tekao. Vom Regen durchnässt, leidet auch ihr kleiner Vorrat an Zwieback, der sich zudem mit dem Tabak vermischt hat. Es folgen gefährliche Abstiege in Schluchten und Anstiege über steile Wände, das Klettern an Wurzeln und über Bäume an Wasserfällen vorbei. Tom plagt zusätzlich ein geschwollenes Bein, das ihn beim Gehen behindert. Nach fünf Tagen gelangen sie halb verhungert in ein bewohntes Tal und treffen die ersten Insulaner, ohne zu wissen, ob es Happar oder Taipi sind.

Die beiden werden in eine Bambushütte geführt, wo sie einigen Stammesführern gegenübersitzen. Noch immer im Zweifel, gebraucht Tom eher zufällig das Wort mortaki (gut) zusammen mit taipi und erkennt daran, dass sie bei den Erzfeinden der Happar gelandet sind. Dennoch werden sie freundlich aufgenommen und mit einem nahrhaften Brei, dem poi-poi, versorgt. Trotz seiner Angst beginnt Tom allmählich, die wohlgewachsenen Bewohner zu bewundern – die kunstvollen Tätowierungen der Männer und den Blumenschmuck der Frauen. Der Häuptling Mehevi lässt Toms krankes Bein durch einen Medizinmann behandeln, doch eine Besserung tritt nicht ein. Tom wird in der großen Hütte des alten Marheyo aufgenommen und erhält mit Kory-Kory eine Art Diener, der ihn gelegentlich umherträgt.

Tom und Toby dürfen auch die heiligen Wälder der Taipi und eine Art Tempelanlage besichtigen, die für Frauen tabu ist. Bald nachdem Toby in einem Scharmützel mit Happarkriegern verwundet wurde, kommt die Nachricht von weißen Besuchern am entfernten Strand des Tals. Toby ergreift die Gelegenheit, dorthin zu gehen, und verspricht, nach drei Tagen zurückzukehren. Als er ausbleibt, glaubt Tom an ein Unglück oder an Tobys Treulosigkeit; zunehmend fühlt er sich als Gefangener. Trost spendet ihm die Freundschaft mit der jungen Fayaway, mit der er regelmäßig in einem See schwimmen geht. Tom erreicht sogar, dass für Fayaway ein Tabu aufgehoben wird, das Frauen das Kanufahren verbietet.

Im Verlauf der Erzählung schildert Melville das Alltagsleben und die Bräuche der Taipi – das Familienleben, die Rolle der Geschlechter, die Religion und das kriegerische Verhältnis zu anderen Stämmen. Auch Pflanzen und Tiere von Nuku Hiva beschreibt er mit großer Genauigkeit. Besonders beeindruckt Tom ein mehrtägiges „Kalebassenfest" mit ausufernden Festmählern und Tänzen. Schließlich aber macht er eine schockierende Entdeckung: Am Grabmal eines einbalsamierten Kriegers sieht er eindeutige Beweise dafür, dass die Taipi getötete Feinde verzehren.

Nach vier Monaten gelingt es Tom, sich mit Hilfe des stammesfreien, durch ein Tabu geschützten Insulaners Marnu über Land zur Bucht durchzuschlagen. Von den erzürnten Taipi unter Lebensgefahr verfolgt, erreicht er das Beiboot eines Händlers und heuert bald darauf auf dem amerikanischen Schiff Julia an. In einer Nachbemerkung schildert Melville seine weiteren Fahrten nach Tahiti und zu den Sandwichinseln (Hawaii). Er kritisiert die aggressive Kolonialmacht Frankreich und prangert die sozialen Probleme an, die der schädliche Einfluss der Kolonisatoren mit sich bringt. Eine Fortsetzung erzählt die Geschichte Tobys, den Melville etwa vier Jahre später in Nordamerika wiedertraf: Toby war nach wenigen Tagen im Tal der Taipi mit Hilfe eines Händlers im Boot entkommen und erst nach zwei Jahren im Pazifik nach Hause zurückgekehrt.

Stil

Erzählt wird durchgehend aus der Ich-Perspektive des Matrosen Tom, der den Leser unmittelbar an seinen Ängsten, seinem Staunen und seinen Zweifeln teilhaben lässt. Das verleiht dem Buch den Reiz eines persönlichen Erlebnisberichts, der eng an Melvilles eigene Erfahrung in der Südsee anknüpft.

Charakteristisch ist die Verbindung von Abenteuererzählung und genauer Beobachtung. Die Flucht durch den Urwald, die Abstiege in die Schluchten und die Kletterpartien an den Wasserfällen sind anschaulich und spannungsvoll geschildert. Daneben tritt eine fast wissenschaftliche Genauigkeit: Pflanzen und Tiere von Nuku Hiva, die Tätowierungen, Feste, Bräuche und das gesellschaftliche Leben der Taipi werden ausführlich beschrieben. So gewinnt der Roman einen stark dokumentarischen, völkerkundlichen Zug. Fremde Wörter wie poi-poi oder taipi werden in den Text eingeflochten und vermitteln das Gefühl, eine fremde Welt von innen kennenzulernen. In der abschließenden Nachbemerkung wechselt der Ton ins Kritische, wenn Melville die Folgen der Kolonisierung in der Südsee anklagt.

Rezeption

Seinen besonderen Reiz bezog der Roman von Anfang an daraus, dass er ein echtes Erlebnis zum Stoff hat: Melville verarbeitete darin seinen eigenen Aufenthalt bei einem Inselstamm auf den Marquesas. Diese Mischung aus Abenteuer, exotischem Schauplatz und scheinbar selbst erlebtem Bericht traf den Geschmack eines Publikums, das von der fernen Südsee fasziniert war.

Über das Abenteuerliche hinaus wirkt das Buch durch seinen kritischen Blick auf die europäische Kolonialherrschaft. Indem Melville das Leben der Inselbewohner mit Bewunderung schildert und zugleich den zerstörerischen Einfluss der Kolonisatoren anprangert, stellt er gängige Vorstellungen von „wild" und „zivilisiert" infrage. Diese Verbindung von packender Erzählung und gesellschaftlicher Kritik hat dem Werk über seine Entstehungszeit hinaus Aufmerksamkeit gesichert.

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